„Es geht um eine Politik, die Menschen vernichtet“

Palästinensische Christen engagieren sich friedlich gegen Israels Besatzung – Sie erfahren Unterstützung aus aller Welt

Die Worte „israelische Besatzung“ kommen in der Berichterstattung über das West-Jordanland, den Gaza-Streifen oder Ost-Jerusalem kaum vor. Dabei besteht die Militärbesatzung nun schon fast 43 Jahre, selbst noch im Gaza-Streifen, aus dem Israel seine etwa 8 000 Siedler im Sommer 2005 abzog; Israel kontrolliert dort wie im West-Jordanland auch bis heute die Außengrenzen, den Luftraum und das Bevölkerungsverzeichnis, sprich Einwohnermelde- und Standesamt. Besatzung heißt nicht nur: ein Armeejeep kann jederzeit durch Bethlehem fahren, ein israelischer Soldat einem Palästinenser an einem Kontrollpunkt die Weiterfahrt verbieten oder die Armee eine Ausgangssperre über ein palästinensisches Dorf verhängen.

Alle Palästinenser sind betroffen, Muslime und Christen

Besatzung ist viel umfassender. Da ist die sichtbare, blutige Besatzung und der Kampf gegen sie – mit Toten und Verletzten, seelischen und körperlichen Krüppeln auf beiden Seiten. Da ist die sichtbare unblutige Besatzung – mit Kontrollpunkten und Straßensperren aller Art, mit Landenteignung und dem System der Passierscheine, einer Art Visum. Zum Dritten gibt es die unsichtbare unblutige Besatzung – dazu gehört das Zurückhalten von Steuereinnahmen, die Lähmung des Bankenverkehrs, das Nein zu Familienzusammenführungen zwischen Palästinensern und ihren ausländischen Ehepartnern sowie der Entzug des Ausweises und das Aberkennen des Aufenthaltsrechtes, was schon Zehntausende von Palästinensern zur Auswanderung gezwungen oder staatenlos gemacht hat.

Besatzung betrifft alle Palästinenser gleichermaßen – die große Mehrheit der Muslime, und die auf ein Prozent geschrumpfte Christenschar. Immer wieder haben deren Kirchenführer in Appellen und Briefen an israelische Premierminister und an die Adresse der palästinensischen Autonomiebehörde sowie an militante Gruppierungen ein Ende der Gewalt gefordert, zur Vernunft ermahnt, vor Extremismus und Fanatismus gewarnt und ein Ende der israelischen Militärbesatzung verlangt. Bislang verhallten diese Aufrufe ungehört. Das hat bei vielen Christen des Heiligen Landes das Gefühl hinterlassen, sie seien von aller Welt, selbst vom Vatikan, vergessen und im Stich gelassen.

Doch nun ist am 11. Dezember 2009 ein Aufruf von Bethlehem in die Welt hinausgerufen worden, der anders ist als alle bisherigen. In Anlehnung an einen ähnlichen Appell in Südafrika zur Zeit der Apartheid Mitte der 1980er Jahre trägt er den Namen „Kairos Palästina – Die Stunde der Wahrheit“. Was dieses „Wort des Glaubens und der Hoffnung aus der Mitte des Leidens der Palästinenser“ so besonders macht, ist: Es ist von Geistlichen und Laien verfasst worden, von Männern und Frauen, von Mitgliedern verschiedener Kirchen. Pfarrer N'aim 'Ateek, palästinensisch-anglikanischer Pastor und Gründer des ökumenischen Zentrums Sabeel, benennt die Bedenken im Vorfeld: „Viele von uns dachten: So etwas bringen wir nicht zustande, es ist sehr schwierig – wegen der unterschiedlichen Kirchen und Hierarchien. Wir dachten auch, es sei nicht so wichtig, mit einer Stimme zu sprechen. Kurzum: Wir dachten, so etwas ist nicht machbar.“

Nichtsdestotrotz verfassten unter Federführung des ehemaligen Patriarchen Michel Sabbah palästinensische Christen in etlichen Sitzungen einen Appell, der nichts beschönigt, sondern ungeschminkt die Realität unter Besatzung und die Not aller Palästinenser, Christen wie Muslimen, beschreibt. Die Schrift endet mit Worten an die Mitchristen, Botschaften an die jüdische und muslimische Führung, Appellen an die internationale Gemeinschaft und das palästinensische Volk.

„Nach Gebet, Nachdenken und Meinungsaustausch erheben wir, eine Gruppe christlicher Palästinenser und Palästinenserinnen, mitten aus dem Leiden unseres von Israel besetzten Landes heraus unsere Stimme zu einem Schrei der Hoffnung, wo keine Hoffnung ist, zu einem Schrei, der erfüllt ist vom Gebet und von dem Glauben an Gott, der in Seiner göttlichen Güte über alle Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes wacht.“ So lauten die Anfangsworte der Einleitung, an das sich im ersten Kapitel eine Situationsbeschreibung anschließt: Da ist von täglicher Demütigung an den Militärkontrollposten die Rede, von einer Einschränkung der Religionsfreiheit und von der Missachtung des Völkerrechtes. Glasklar ist die Sprache, nicht nur in diesem Kapitel, in dem unter anderem festgestellt wird: „Die Religion wird missbraucht.“

Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Kairos-Dokumentes gaben alle Kirchenoberhäupter in Jerusalem ihre Zustimmung und ihren Segen zum „Aufschrei ihrer Kinder“, wie Yousef Daher, einer der Sprecher der Initiative, es ausdrückt. Wird dieser Aufruf wie der damalige in Südafrika Kirchen und Weltöffentlichkeit aufrütteln und zu Aktionen veranlassen, die zu einem Ende der Besatzung führen, die für manche Beobachter Apartheid gleichkommt? Der ursprünglich auf Arabisch abgefasste Text ist mittlerweile in alle wichtigen Sprachen übersetzt worden, auch ins Deutsche (AphorismA-Verlag), und kürzlich ins Schwedische. Auch eine Internetseite wurde eingerichtet, auf der man den Aufruf durch seine Unterschrift unterstützen kann. Der ehemalige anglikanische Erzbischof Desmond Tutu schickte folgende Zeilen: „Trotz Eures Leidens unter der gesetzwidrigen Besatzung kommt Ihr zusammen, um zu sagen, und das ist ziemlich beachtlich, dass Glaube, Hoffnung und Liebe Euch zwingen, am Wissen festzuhalten, dass der Gott der Bibel auf Euer Seite ist und Euch die Freiheit und Gerechtigkeit bringen wird, nach der Ihr so dürstet.“ Für den südafrikanischen Geistlichen ist der Aufruf einer voller Gnade und Anmut, „wo er gut und gerne voller Zorn sein könnte. Er ist voller bedeutender und prophetischer Worte und unser Gott, der weder schläft noch schlummert, wird Euren Schrei hören und er wird Euer Emmanuel sein.“

Der Appell enthält klare Handlungsanweisungen: Die Staaten der Welt sollten mit ihrer Doppelmoral aufhören und darauf bestehen, dass die internationalen Resolutionen zur Palästinafrage auf alle Parteien angewendet werden; denn die Entscheidungsträger zwischen Washington und Moskau begnügten sich mit Krisenmanagement, anstatt den Konflikt zu lösen. „Es geht um eine Politik, die Menschen vernichtet, und das geht die Kirche an.“

Eine Sünde gegen Gott und die Menschlichkeit

Welches Fazit zieht Kairos-Sprecher Yousef Daher genau drei Monate nach der Veröffentlichung des Aufrufs? „Wir sind wirklich zufrieden“, sagt der palästinensische Christ aus Ost-Jerusalem. „Bis jetzt haben mehr als 1 300 palästinensische Christen, 30 Organisationen und über 900 Befürworter aus dem Ausland ihren Namen unter das Dokument gesetzt.“ Das Dokument werde in Pfarreien und Schulen Palästinas diskutiert, auch Persönlichkeiten in der muslimischen Welt schenkten dem Aufruf ihre Aufmerksamkeit, Einladungen aus aller Welt gingen ein, den Aufruf weltweit vorzustellen. Daher, Vater von fünf Kindern, betont noch einmal, wie wichtig ein Ende der Besatzung ist. „Die Besatzung ist eine Sünde gegen Gott und die Menschlichkeit. Wir wollen unseren Feind und Besatzer von dieser Sünde befreien“, sagt er.

Wird Palästina die Chance zu dieser Befreiung bekommen? Wird sich der Besatzer überhaupt befreien lassen? Die Antwort liegt nicht nur im Heiligen Land, sie liegt vielleicht sogar mehr in Berlin und Washington, Brüssel, London oder Moskau. Jetzt ist auch für die Christen der Welt die Stunde der Wahrheit, ihre Verbundenheit mit den Christen des Heiligen Landes zu zeigen. Wenn ein Teil des Leibes leidet, leiden alle – so lesen wir in der Heiligen Schrift. Deshalb, so sagt Desmond Tutu, sei die Solidarität mit den palästinensischen Christen „keine theoretische Angelegenheit, sondern konkreter Ausdruck der tiefen Einheit, die wir in Jesus Christus haben“.

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