„Es fehlt nicht an Berufungen“

Der Missionswissenschaftler Harald Suermann sieht Hoffnungszeichen für die Christen im Irak. Von Anja Kordik
Foto: missio | Harald Suermann.
Foto: missio | Harald Suermann.

Eine Delegation der Deutschen Bischofskonferenz unter Leitung des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick ist jetzt von einer sechstägigen Reise in den Nordirak zurückgekehrt. Wesentliche Stationen waren Erbil, Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, ferner die vorwiegend christlich geprägten Städte Karakosh und Al Qosh sowie Kirkuk, wo viele aus Bagdad und Mossul geflohene Christen leben. Unter den Teilnehmern der Delegation war auch Harald Suermann, Leiter des Missionswissenschaftlichen Instituts Missio in Aachen und Orientalist der Uni Bonn.

Herr Professor Suermann, welche Schwerpunkte gab es bei Ihrer Reise ?

Wir wollten unsere Solidarität mit den irakischen Christen zeigen, trafen mit führenden Kirchenvertretern zusammen, unter anderem mit dem Erzbischof von Erbil, Bashar Warda, und dem chaldäischen Erzbischof von Kirkuk, Louis Sarko. Wir hatten aber auch Gespräche mit Vertretern der staatlichen Seite. Immerhin waren sowohl der Innenminister der Region als auch der Minister für Religionsangelegenheiten bereit, uns zu empfangen. Von Kirchenführern vor Ort wurde uns bestätigt, dass die Behörden im Irak – trotz bestehender Defizite – durchaus um ihren Schutz bemüht sind.

Welchen Eindruck haben Sie von der Lebenssituation der Christen im Nordirak?

Für die hohe Zahl der Flüchtlinge in der Region müssen Notunterkünfte geschaffen werden, es geht aber auch um ihre berufliche und wirtschaftliche Integration. Wir haben verschiedene kirchliche Initiativen zum Aufbau landwirtschaftlicher und sozialer Projekte kennen gelernt. Ein Problem ist und bleibt der Mangel an Fachkräften und vor allem an Planungssicherheit. Deshalb wollen die irakischen Bischöfe in Erbil ein Koordinationsbüro eröffnen, das mit unterschiedlichen Experten besetzt werden soll. Die Pläne zur Gründung dieses Büros sollen innerhalb der nächsten Monate konkretisiert werden.

Wie steht es um die pastorale Situation in der Region?

Erschwert wird auch hier die Lage durch die Flüchtlingsproblematik. Es gibt Pfarreien im Nordirak, wo sich die Zahl der Gläubigen innerhalb kurzer Zeit verdoppelt hat. Andernorts wie in Karakosh sind sogar neue Gemeinden im Entstehen. Viele Flüchtlinge sind traumatisiert. Auch da muss Seelsorge Hilfen geben, wenn möglich, begleitet durch psychologische Fachberatung. Es fehlt ja in der Region nicht an Berufungen. Es gibt im Irak immerhin zwei katholische Priesterseminare: das chaldäisch-katholische in Erbil und das syrisch-katholische Priesterseminar in Karakosh. Es geht aber auch darum, Laien in die Gemeindearbeit einzubinden und als Katecheten auszubilden. Zum Glück kann hier auf schon Bestehendem aufgebaut werden: So gibt es bereits seit 1991 das ursprünglich in Bagdad, seit einigen Jahren aber in Ankawa im Nordirak angesiedelte Babel-College für Theologie und Philosophie – eine Einrichtung des Chaldäischen Patriarchats, die Priestern und Laien eine gute akademische Grundlage vermittelt. Unterstützung kommt aus benachbarten Ländern wie Jordanien, wo die Ortskirchen die Ausbildung von Katecheten im Irak fördern.

Welche Zukunftsperspektiven sehen Sie für die christliche Bevölkerung im Irak?

Ich glaube, ihre Zukunft hängt ab von der wirtschaftlichen Stabilisierung. Ein großer Teil der Flüchtlinge wird, glaube ich, im Nordirak bleiben. Noch immer lebt aber die Hälfte der irakischen Christen in Bagdad, und auch in dieser großen Stadt wird es für sie eine Zukunft geben. Schon heute sind kirchliche Initiativen– wie die Neugründung einer offenen Universität durch die Dominikaner in Bagdad – Ausdruck von Hoffnung; sie zeigen den Willen, die Zukunft zu sichern und zu gestalten für die Christen in dieser Region.

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