„Erkenntnisse präzise berücksichtigt“

Karl-Joseph Hummels, Historiker und Direktor der Kommission für Zeitgeschichte, zum ARD-Film „Pius XII.“ Von Stefan Klinkhammer
Herr Hummel, Papst Pius XII. gehört zu den umstrittensten Päpsten der Kirchengeschichte. Wer war Pius XII. aus Ihrer Sicht?

Es gibt ein eigentümliches Phänomen: Dieser Papst ist 1958 in der Weltöffentlichkeit hoch geachtet gestorben. Doch mit der Uraufführung des Trauerspiels „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth 1963 verwandelt sich dieses Bild von weiß zu schwarz. Pius XII. wird als Versager, als jemand dargestellt, der bei der Ermordung der europäischen Juden schweigend zugesehen habe, obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte, diesen Völkermord durch Protest oder andere Maßnahmen zu verhindern. Der Papst der Theaterbühne ist eine erfundene Figur, die einen Vergleich mit der Wirklichkeit nicht besteht.

Die ganze Kritik an Pius XII. geht also auf Rolf Hochhuths Theaterstück zurück?

Das Stück hat die Diskussion um Papst Pius XII. auf jeden Fall auf den Holocaust und die Ermordung der europäischen Juden verengt. Der Vorwurf, der Papst habe dazu geschwiegen, blendet aus, dass er sich beispielsweise in seiner Weihnachtsansprache 1942 für die Hunderttausenden, die persönlich bisweilen nur um ihrer Abstammung willen in Todesgefahr geraten waren, eingesetzt hat – eine damals durchaus verstandene Anspielung auf das Schicksal der europäischen Juden. Die vorsichtigen öffentlichen Äußerungen waren aber möglicherweise nicht Versagen, sondern Teil eines anderen Konzepts.

Wie sah dieses Konzept aus?

Es gibt deutliche Hinweise, dass Pius XII. nach dem Konzept „Retten statt Reden“ verfahren ist. Der Vatikan hat über die Nuntiaturen und auch selbst in Rom, zum Beispiel bei der Judenrazzia im Oktober 1943, sehr vielen Juden durch falsche Pässe, materielle Unterstützung oder die Zuflucht in Klöster das Leben gerettet. Dieses Konzept konnte aber nur im Verborgenen funktionieren. Zudem hat noch niemand wirklich überzeugend erklären können, warum es dem Papst ausgerechnet durch eine moralische Ansprache hätte gelingen können, Adolf Hitler von dem erklärten Hauptziel seiner Politik und seiner Verfolgung abzubringen.

Der Film spielt zur Zeit der Judenverfolgung in Rom 1943. Wird er Pius XII. gerecht?

Der Film ist keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm. Er verbindet die Darstellung der päpstlichen Politik, der Geschichte Roms während der deutschen Besatzung und der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Rom mit einer Liebesgeschichte sowie menschlichen Beziehungen und Auseinandersetzungen in der deutschen Wehrmacht und der SS in Rom. Der Film spielt auf ganz verschiedenen Ebenen. Aber die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre wurden sehr präzise berücksichtigt und werden durchaus glaubwürdig dargestellt.

Wenn Sie die Chance gehabt hätten, die Filmproduktion zu begleiten, hätte es da große Unterschiede gegeben?

Ich hätte einzelne Szenen anders gewichtet. So gibt es lange Sequenzen mit Juden, die in katholischen Klöstern Zuflucht gefunden haben. Und es gibt eine Szene, wie die SS ein Kloster in Rom überfallen und versucht hat, die Juden aus dem Kloster herauszuholen. In St. Paul vor den Mauern und im Orientalischen Institut ist das auch tatsächlich passiert, nach heftigem diplomatischen Protest aber nicht wiederholt worden. In dem Film bekommt man den Eindruck, als seien diese Übergriffe zu einer bestimmten Zeit der Normalfall gewesen.

Lohnt es sich dennoch, diesen dreistündigen Film anzusehen?

Durchaus. Es wird immer wieder zurückgeblendet auf die realen Verhältnisse und die zeitgeschichtlichen Umstände in Rom, im Vatikan und in Italien. Man wird diesen Film mit Gewinn sehen können. DT/KNA

„Pius XII.“ ist am 1. November in der ARD zu sehen. Eine Filmbesprechung lesen Sie auf Seite 11.

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