Erfolgsgeschichte Weltjugendtag: Gegen den Trend

Wäre es nach den Bedenkenträgern der Nach-68er- Zeit gegangen, so hätte es ein Phänomen wie die Erfolgsgeschichte der Weltjugendtage nie geben dürfen. Über den Sinn und Zweck und die Geschichte des Weltjugendtags. Von Guido Horst
Jahresrückblick - Weltjugendtag Marienfeld
Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa) | Wie ein Ufo scheint das Dach des Pilgerhügels am Sonntagmorgen (21.08.2005) über dem Marienfeld zu schweben (Archivfoto). Papst Benedikt XVI.

Nimmt man die Weltjugendtage als Ganzes, so taugt die Diagnose nicht, wie sie heute vor allem in den Ländern des Westens zu hören ist: Der Kirche laufen die Gläubigen davon, der christliche Grundwasserspiegel in unseren Gesellschaften sinkt dramatisch, die Gotteshäuser werden immer leerer, die Volkskirche alten Stils hat ausgedient und über weite Teile Europas hat sich bereits die Eiszeit des Postchristentums ausgebreitet.

Vor allem deutsche Bischöfe – nicht zuletzt im Takt des Bekanntwerdens von Missbrauchsfällen und Vertuschungen – stehen heute da wie Kassandrarufer in der Wüste. Nach dem Motto: Es muss alles anders werden, oder wir können den Laden bald dicht machen, scheinen sie das Personal der amtskirchlichen Strukturen auf das Schlimmste vorbereiten zu wollen.

Der Sprecher des deutschen Episkopats, Kardinal Reinhard Marx, will selbst vom Begriff des „christlichen Abendlandes“ nichts mehr hören. Und sein Sekretär in der Zentrale der Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer SJ, fordert eine breite Debatte über den Zölibat und die kirchliche Sexualmoral, um einen Mentalitätswechsel in Sachen Missbrauch einzuleiten, während Bischof Heiner Wilmer von Hildesheim den Esoteriker und Medien-Guru Eugen Drewermann zum Propheten erhebt und das Böse in der DNA der Kirche entdeckt zu haben glaubt. Das sind alles Symptome einer tiefen Kirchenkrise und inneren Verunsicherung.

Der Verlust der Jugend

Tatsächlich gefährlich wird es für die Kirche, wenn sie die nachwachsenden Generationen nicht mehr erreicht. Bricht die Jugend weg, droht die Gemeinschaft der Glaubenden da, wo solches geschieht, auszusterben. In weiten Teilen des Westens war das in den Jahren nach der 68er-Revolution der Fall. Die Jugend schien sich anderen Ideen zuzuwenden: den marxistischen Erlösungslehren, der Hippie-Kultur, fernöstlichen Religionen und einem Lebensgefühl, das keine Autorität, keine Normen, geschweige denn Dogmen mehr duldete.

Getragen vom Geist von Woodstock und dem „Make love, not war“ probierte man alles aus, Drogen und Sex, wobei Letzterer durch die Anti-Baby-Pille zu einer von Verantwortung befreiten Spielwiese geworden war. Papst Paul VI. lud im Heiligen Jahr 1975 zu einem Jugendtreffen am Palmsonntag ein. Zwanzigtausend kamen, der zündende Funke blieb aus. Als der Papst der Enzyklika „Humanae vitae“ 1978 starb, war der Petersplatz beim Requiem halb leer. Die lateinische Kirche schien im Westen die Jugend verloren zu haben.

Die Entstehung der Weltjugendtage

Zu Ostern 1984 endete wieder ein Heiliges Jahr, ein außerordentliches im Gedenken an das 1950. Jahr der Erlösung. Der polnische Papst lud zu einem Jubiläumstag der Jugend ein. Und es kamen um ein Vielfaches mehr junge Menschen als 1975 zum Treffen mit dem Papst nach Rom. Und diesmal sprang der Funke über, Johannes Paul II. erkannte die Dynamik, die in den Begegnungen mit Jugendlichen liegen kann und ließ im darauffolgenden Jahr ein zweites Jugendtreffen organisieren, das wieder ein Erfolg war.

Die Männer der ersten Stunde, die dem Papst organisatorisch zur Seite sprangen, waren der junge Kurienbischof Paul Josef Cordes, der italienische Priester Antonio Tedesco, der später lange Jahre Leiter des Deutschen Pilgerzentrums in Rom war, und Massimo Camisasca, ein Freund Luigi Giussanis, der 1985 auch die Fraternität der Priester von Comunione e Liberazione gründete, diese lange Jahre leitete und heute Bischof von Reggio Emilia ist. Nach dem Doppelerfolg von 1984 und 1985 fand 1986 dann – wieder in Rom – der erste internationale Weltjugend statt und als er sich im Jahr darauf in Buenos Aires wiederholte, wurde mit der Teilnehmerzahl bereits die Millionengrenze erreicht.

Die deutsche Amtskirche und ihre mangelnde Sympathie 

Lange Jahre hat die deutsche Amtskirche keine richtige Sympathie für diese Jugendtreffen entwickeln können, auch dann nicht, als die Abschlussmesse beim Weltjugendtag 1995 mit vier Millionen Teilnehmern zum bis dahin größten Massentreffen aller Zeiten und der Weltgeschichte wurde. Denn es gab da ein kleines Problem: Auch wenn die Weltjugendtage bisher gezeigt hatten, dass sie eine beträchtliche Faszination auf junge Menschen auszuüben vermochten – sie waren immerhin von ihrer DNA her ein Treffen mit dem Papst, und der hatte bei den Offiziellen der kirchlichen Strukturen in Deutschland keine hohe Konjunktur – auch wenn er Johannes Paul II. hieß.

Der Weltjugendtag in Köln

Das änderte sich erst 2005. Der Papst, der zum zwanzigsten Weltjugendtag nach Köln kam, war ein Deutscher. Notgedrungen musste nun auch die deutsche Amtskirche in das Boot dieser Papsttreffen steigen und in der Erzdiözese Köln war es der damalige stellvertrende Generalvikar und Seelsorgeamtsleiter (und heutige Berliner Erzbischof) Heiner Koch, der die Organisation eines Weltjugendtags auf deutschem Boden leitete – allerdings mit dem starken Impuls des Kölner Kardinals Joachim Meisner im Rücken, der seinen Freund auf dem Papststuhl an den Rhein geholt hatte.

Vieles ging bei diesem Weltjugendtag schief, von den völlig überlasteten Verkehrsbetrieben bis hin zur Verpflegung der jugendlichen Gäste, weswegen noch während der Veranstaltung der Anbieter des Catering-Services ausgewechselt werden musste. Ausländische Berichterstatter waren nach ihrer Rückkehr aus Köln fassungslos, ausgerechnet in Deutschland ein Großtreffen erlebt zu haben, das schlechter organisiert war als in einem Land der Dritten Welt.

Eine enorme Begeisterung

Aber die Begeisterung war enorm – so enorm, dass sie sogar Kölner in den Bann zog, die mit Papst und Kirche überhaupt nichts am Hut hatten. Der „Einzug“ von Benedikt XVI. mit dem Schiff war ein Triumphzug. Die Menschen drängten sich an den Ufern des Rheins und Köln lag dem deutschen Papst zu Füßen. Draußen auf dem Marienfeld bei Köln war eine Altarinsel entstanden, deren Dachkonstruktion in der Dämmerung aussah wie ein schwebendes UFO. Hier fand bei der Vigilfeier vor dem Abschlussgottesdienst eine Eucharistische Anbetung statt, bei der Hunderttausende mit dem Papst die Eucharistie schweigend verehrten.

Gegen den Trend

Wer angesichts der schwächelnden Kirche in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und vor allem des Verlusts der Jugend in der Nach-68er-Zeit ein nahes Ende der lateinischen Christenheit diagnostizierte, für den hätte es den Boom der Weltjugendtage nie geben dürfen. Die von Johannes Paul II. „erfundenen“ Treffen mit jungen Menschen waren wieder einmal ein Beleg dafür, dass der Geist Gottes seine Kirche nicht verlässt, gerade dann, wenn es nach menschlichem Ermessen mit der „Catholica“ zu Ende zu gehen scheint.

Diese Zuversicht würde man sich von den Kirchenverantwortlichen der heutigen Zeit wünschen, die mit ihren Ruf „Es muss alles anders werden“ keine Rückkehr zu den Tugenden und Idealen des christlichen Lebens meinen, sondern eine Öffnung in Richtung Zeitgeist, um die Kirche damit mehrheitsfähiger zu machen. Es ist die Zuversicht, die einen Gilbert Keith Chesterton schreiben ließ:

„Wenigstens fünf Mal ist mit den Arianern und mit den Albigensern, mit den humanistischen Skeptikern, mit Voltaire und mit Darwin der Glaube allem Anschein nach vor die Hunde gegangen. Und in jedem dieser fünf Fälle war es aber der Hund, der starb.“

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