„Ein Treffen in Moskau oder Rom ist durchaus realistisch“

Johannes Oeldemann vom „Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik“ meint, dass die anti-ökumenische Fraktion in der russischen Orthodoxie zwar lautstark ist, aber schwach. Von Stephan Baier
October Pilgrimage at Fatima Sanctuary
Foto: dpa | Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin besucht ab Sonntag Moskau.
October Pilgrimage at Fatima Sanctuary
Foto: dpa | Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin besucht ab Sonntag Moskau.
Fast 30 Jahre nach der Moskau-Reise des damaligen Kardinalstaatssekretärs Agostino Casaroli besucht nun Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin ab 20. August Russland. Was darf man von dieser Reise in ökumenischer und diplomatischer Hinsicht erhoffen?

Die Reise des Kardinalstaatssekretärs nach Moskau ist sicher ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg der Annäherung zwischen dem Heiligen Stuhl und Russland. Knapp 18 Jahre nach der Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen mit der Russischen Föderation im Dezember 2009 hat der Besuch vor allem hohe kirchendiplomatische Bedeutung. Er wird aber sicher auch einen positiven Einfluss auf die ökumenischen Beziehungen mit der russischen Orthodoxie haben.

Papst Johannes Paul II. bemühte sich vergeblich um eine Begegnung mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen; auch unter Benedikt XVI. kam es zu keinem solchen Treffen. War die Begegnung von Papst Franziskus mit Patriarch Kyrill auf Kuba ein Durchbruch?

In der Tat hatte die Begegnung von Papst Franziskus mit Patriarch Kyrill im Februar letzten Jahres eine wichtige Signalwirkung, die zu einer Intensivierung der Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche in Russland geführt hat. Von zentraler Bedeutung war insbesondere die klare Aussage, dass man sich nicht als Konkurrenten, sondern als Geschwister im Glauben betrachte. Dass man seitens der russischen Orthodoxie wirklich gewillt ist, die Beziehungen mit der katholischen Kirche zu intensivieren, zeigt sich seither beispielsweise an der vermehrten Einladung von Gruppen aus Deutschland, Frankreich oder Italien zu Pilgerreisen nach Russland. Die persönlichen Begegnungen auf solchen Reisen sind wichtig, um den Dialog auf eine breitere Basis zu stellen.

Kyrill wurde von Teilen der russischen Orthodoxie wegen des Treffens auf Kuba vehement kritisiert. Manche Priester nannten den Patriarchen nicht mehr im Hochgebet. Wie stark ist die anti-ökumenische Fraktion?

Die anti-ökumenische Fraktion innerhalb der russischen Orthodoxie ist zwar lautstark, aber zahlenmäßig eher schwach. Die orthodoxen Anti-Ökumeniker wärmen gerne überkommene Vorurteile gegenüber der katholischen Kirche auf, die teils noch aus der anti-kirchlichen Propaganda der Sowjetunion stammen. Die insbesondere unter Patriarch Kyrill verstärkten Bemühungen um eine gründliche theologische Ausbildung des orthodoxen Klerus dürften diesen Vorurteilen jedoch auf Dauer das Wasser abgraben.

Ist ein Papstbesuch in Russland oder ein Besuch Kyrills in Rom in absehbarer Zeit realistisch? Und was wäre davon zu erhoffen?

Persönlich halte ich ein Treffen zwischen dem Papst und dem russischen Patriarchen in Moskau oder Rom für durchaus realistisch. Dass in diesem Sommer auf Initiative des Papstes die Reliquien des heiligen Nikolaus für zwei Monate nach Russland „ausgeliehen“ wurden – eine weitere Frucht der Begegnung auf Kuba –, wurde in Russland als große ökumenische Geste wahrgenommen und hat bei vielen Gläubigen das Bild der katholischen Kirche zum Positiven gewandelt. Dadurch ist meines Erachtens der Boden für eine weitere Begegnung zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill bereitet. Sie wird hoffentlich dazu beitragen, nicht nur im Stil der „Kirchendiplomatie“, wie er in der nüchternen Atmosphäre des Flughafens in Havanna vorherrschte, miteinander zu sprechen, sondern auch die spirituellen Gemeinsamkeiten von Orthodoxen und Katholiken stärker in den Vordergrund zu stellen.

Welche Rolle spielt der sogenannte Uniatismus – insbesondere die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine – für die Beziehungen zwischen der russischen Orthodoxie und dem Vatikan?

Aus orthodoxer Sicht stellen die Katholiken des byzantinischen Ritus nach wie vor einen Stolperstein für den ökumenischen Dialog dar. Für die Orthodoxen ist „ihr“ Ritus ein so zentraler Identitätsmarker, dass es aus ihrer Sicht eigentlich unmöglich ist, in diesem Ritus Liturgie zu feiern und nicht orthodox zu sein. Eine solche, quasi „konfessionelle“ Sicht der Liturgie lässt die griechisch-katholischen Christen als „Konkurrenz im eigenen Haus“ erscheinen. Die angespannten politischen Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine tragen zusätzlich zur Verschärfung des Problems bei. Daher wird diese Frage wohl auch in den nächsten Jahren im orthodox-katholischen Dialog virulent bleiben.

Kardinalstaatssekretär Parolin wird in Moskau auch Präsident Wladimir Putin treffen. Geht es da mehr um Weltpolitik, oder auch um die Lage der Katholiken in der Russischen Föderation?

Vermutlich wird Kardinal Parolin mit Putin vor allem über weltpolitische Fragen sprechen. Die Lage der Katholiken in der Russischen Föderation hat sich in den letzten Jahren – wenn auch auf niedrigem Niveau – erfreulicherweise stabilisiert, so dass allenfalls die Frage der Visaerteilung für ausländische Priester ein Thema sein könnte.

Wie stark hängt die Russische Orthodoxe Kirche von Putin und vom Staat ab? Umgekehrt: Wie groß ist der Einfluss der Orthodoxie auf die Politik und den Präsidenten?

Die Beziehungen zwischen der Orthodoxen Kirche in Russland und dem russischen Staat sind sicherlich eng – wobei es eher die russische Staatsführung ist, die die Nähe zur Kirche sucht als umgekehrt. Die in den Medien verbreiteten Bilder von der Teilnahme russischer Politiker an orthodoxen Gottesdiensten dienen wohl vor allem dazu, ihnen eine gewisse moralische Legitimation zu verschaffen. Den Einfluss der russischen Orthodoxie auf die Politik insgesamt sollte man jedoch nicht überschätzen. Ein signifikantes Beispiel dafür ist, dass es erst in diesem Jahr – nach mehr als 25-jährigen mühsamen Verhandlungen – gelungen ist, eine staatliche Anerkennung für theologische Abschlüsse an kirchlichen Hochschulen zu erlangen. Und die Frage, welche Rolle das Unterrichtsfach „Grundlagen der orthodoxen Kultur“ an staatlichen Schulen spielen soll und welchen Einfluss die Orthodoxe Kirche auf dessen Ausgestaltung nehmen kann, ist bis heute höchst umstritten.

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