Ein Stellvertreterkrieg

Im Krieg im Jemen stehen hinter den einzelnen Kriegsparteien die Erzfeinde Saudi-Arabien und Iran, die um die Vorherrschaft ringen. Von Carl-Heinz Pierk

Der Jemen – ein Land im Krieg. Tragischer Höhepunkt ist die Schlacht um die strategisch wichtige Hafenstadt Hudaida. Mitte vergangener Woche hatte die lange erwartete Offensive der saudisch-geführten Militärallianz auf die Hafenstadt begonnen, die sich – wie die Hauptstadt Sana'a – seit 2014 unter der Kontrolle der Huthi-Rebellen befindet. Über den Seehafen laufen 70 Prozent der dringend benötigten humanitären Hilfe für den von den Huthi-Rebellen beherrschten Norden des Jemens. Angesichts der eskalierenden Gewalt ruhen die Hoffnungen auf dem UN-Vermittler Martin Griffiths. Der Brite will die Huthi-Rebellen dazu bringen, Hudaida unter Verwaltung der Vereinten Nationen zu stellen. Die Konfliktparteien müssten die Funktionsfähigkeit des Hafens in Hodeida gewährleisten. Andernfalls drohten eine Ausbreitung der Cholera-Epidemie und eine Hungersnot, befürchten Hilfsorganisationen.

Anders als im Fall von Syrien blieb der Konflikt im Jemen lange Zeit nahezu unbeachtet. Der Vatikan hatte daher nach einer stärkeren Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit für den blutigen Krieg gerufen. Der Krieg werde von anderen Konflikten in der Region völlig aus dem internationalen Fokus verdrängt, sagte der Ständige Beobachter des Heiligen Stuhls bei der UNO, Erzbischof Bernardito Auza, in New York bei einer Debatte über die Lage im Nahen Osten. Papst Franziskus brachte beim Angelus-Gebet am Sonntag seine tiefe Sorge über die Lage dort zum Ausdruck. Er appellierte an die internationale Gemeinschaft, auf eine Verhandlungslösung zwischen den Konfliktparteien hinzuwirken und die ernste humanitäre Lage der Menschen zu verbessern, die sich nun weiter zu verschlechtern droht.

Eine Lösung scheint komplex. Es gibt viele Fronten und beteiligte Akteure. Die Ursachen reichen noch länger zurück. Während des „Arabischen Frühlings“ zu Beginn des Jahres 2011 forderten die Menschen einen Regimewechsel, verbunden mit dem Wunsch nach einer Demokratisierung des Landes. Nach Massendemonstrationen wurde ein Übergangsprozess eingeleitet, Anfang 2012 legte der neue sunnitische Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi seinen Amtseid ab. Auch eine neue Verfassung wurde ausgearbeitet, ein erster Entwurf wurde zu Beginn des Jahres 2015 vorgelegt.

Die Huthi-Bewegung des Landes, bei der es sich um eine schiitische Gruppe aus dem Norden des Jemen handelt, war jedoch nicht bereit, die neue Verfassung des Landes zu akzeptieren und besetzte den Präsidentenpalast sowie eine Reihe von Ministerien. Präsident Hadi floh schließlich nach Saudi-Arabien, das eine „Arabische Koalition“ verschiedener Staaten anführt und regelmäßig Stellungen der Rebellen bombardiert. Der Konflikt ist eine Gemengelage aus einem ethnisch und religiös aufgeladenen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten sowie diversen nationalen Interessen. Die Huthis werden vom schiitisch regierten Iran unterstützt, dem Erzfeind Saudi-Arabiens. An der von Saudi-Arabien angeführten Militärallianz beteiligen sich sunnitisch dominierte Staaten, unter anderem die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Ägypten und Jordanien: ein Stellvertreterkrieg um die Vorherrschaft in der Region.

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