Ein Schuh sagt mehr als tausend Worte

Wer weiß, was Journalisten und Politiker sich so gegenseitig alles an den Kopf werfen wollen

Von Stephan Baier

Amerikanische Patrioten sollten in diesen Tagen aus Solidarität mit ihrem im Ausland attackierten Präsidenten bloßfüßig gehen. Bei Bushs überraschendem Bagdad-Besuch am Sonntag entkleidete sich ein Journalist ebenso überraschend seiner Schuhe und warf diese nach dem Präsidenten. Nicht gerade ein Selbstmordanschlag, aber immerhin ein inkulturierter Fehdehandschuh. Weil die Schuhe ihr Ziel verfehlten, konnte Bush die übrigen Journalisten aufklären, dass es sich um Größe 44 handle, während der Werfer dank der bewährten Kooperation von amerikanischen und irakischen Sicherheitskräften nicht mehr erklären konnte, was er mit seinem finalen Satz„Das ist das Ende!“ gemeint hat. Dachte er an das Ende Bushs, weil er seine Schuhe für eine tödliche Waffe hielt? Dachte er an sein eigenes Ende in Guantánamo? Hatte er das Ende der amerikanischen Besetzung des Irak oder nur das Ende der Pressekonferenz vor Augen?

All dies werden wir nie erfahren, doch sind Fragen bekanntlich nicht dazu da, beantwortet, sondern gestellt zu werden. Wer als Journalist bei Pressekonferenzen von Politikern Antworten erwartet, wird mehr als einmal in Versuchung geraten, wie der Kollege vom Sender al-Baghdadija mit Schuhen um sich zu werfen. Doch als zivilisierte Menschen verbergen Politiker und Journalisten meist, was sie einander gerne an den Kopf werfen würden. Vielleicht wird der „Bagdader Schuhwurf“ historische Bedeutung erlangen wie einst der „Prager Fenstersturz“. Doch wahrscheinlich bezweckt er nur, dass Journalisten künftig zu heiklen Pressekonferenzen wie in die Moschee gehen müssen: unbeschuht. Damit wären die Politiker einseitig im Vorteil: Wie Chruschtschow 1960 in der UNO, könnten sie ihren Verdrehungen dadurch Nachdruck verleihen, dass sie vor wehrlosen Journalisten mit dem eigenen Schuh auf den Tisch hauen.

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