„Ein Kreislauf des Satans“

Pax-Christi-Präsident Bischof Heinz Josef Algermissen über weltweite Konfliktherde. Von Regina Einig
Foto: KNA | Bischof Heinz Josef Algermissen.
Foto: KNA | Bischof Heinz Josef Algermissen.
Exzellenz, einer Allensbachumfrage zufolge ist die Angst der Deutschen vor einem Dritten Weltkrieg in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Können Sie das nachvollziehen?

Nach einer langen Phase des Friedens in Europa war man gar nicht mehr gewöhnt, dass etwas passieren könnte. In Europa denken natürlich viele an die ungelösten Spannungen zwischen der Ukraine, Russland, der NATO und der EU. Das kann heute oder morgen durchaus zu einem Flächenbrand werden. Die ganze vorderorientalische Welt brennt. Im Iran, im Irak, in Syrien, aber bedingt auch in Ägypten, in Libyen und in Tunesien gibt es Brandherde. Man kann diese Brandherde auch nicht mehr lokalisieren oder in einer bestimmten Region halten. Sie greifen über. Und da auch der Islam vernetzt ist, gibt es auch Terrorvernetzungen zwischen Deutschland und Irak und Syrien. Ich kann verstehen, dass Menschen Angst haben. Die größten Ängste haben sie vor Anschlägen hier. Wir leben auf einmal wieder sehr unsicher. Nach einem Dritten Weltkrieg sieht es im Augenblick nicht aus. Aber die Konflikte können eskalieren und dann kriegen wir sie nicht mehr in den Griff.

Die USA haben Luftschläge gegen IS-Stützpunkte in Syrien unternommen. Rechnen Sie mit einer weiteren Eskalation oder gehen Sie davon aus, dass das ein erster Schritt zur Befriedung der Region sein kann?

Bei den USA ist das schwierig zu sagen. IS ist mittelbar durch den zweiten Golfkrieg 2003 entstanden. Es gibt die Möglichkeit, dass dadurch die Infrastruktur der IS zerstört wird. Doch ich glaube nicht, dass das schnell in den Griff zu bekommen ist. Immer, wenn es einen religiösen Fundamentalismus und Radikalismus gibt, wird es sehr gefährlich. Reines Bombardement löst auch das Problem nicht. Die Amerikaner haben auch bei beiden Golfkriegen nichts erreicht. Sie haben sich zurückgezogen und nach dem Golfkrieg von 2003 das Land im Chaos hinterlassen. Was Syrien angeht: Keiner durchschaut, inwieweit Präsident Assad ein Stabilisierungsfaktor ist – für viele christliche Kirchen in Damaskus war er das lange Zeit. Ich hatte kürzlich einen melkitischen Erzbischof zu Gast, der in Damaskus gelebt hat. Er sagte: In der Zeit, als Assad noch an der Macht war, ging es uns eigentlich besser, wir waren sicherer. Wenn hunderttausende christliche Familien vor die Alternative gestellt werden, entweder zu konvertieren oder Schutzsummen zu bezahlen, die keiner bezahlen kann, oder geköpft zu werden, müssen wir vor einem Völkermord natürlich Waffen einsetzen. Man kann einen Völkermord nicht beantworten, wenn er geschehen ist, sondern man muss ihn vorher präventiv vermeiden – unter den Bedingungen, die in dem Wort der Deutschen Bischöfe „Gerechter Friede“ (2000) genannt werden.

Die Bischöfe befürworten den Einsatz begrenzter Gewalt in solchen Fällen. Was bedeutet das konkret?

Es kann natürlich kein Flächenbombardement geben. Heute kann man Kommandozentralen fast chirurgisch genau mit Raketenbeschuss zerstören. Ich befürchte, wenn man auch einen Teil dieser Mordkommandos tötet, werden neue entstehen. Aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit, dem Irak politische Hilfe zu leisten. Bei uns ist man eher auf die Straße gegangen, um den Jesiden zu helfen, als dass man den Christen eine Stimme gegeben hätte. Die meisten Märtyrer gibt es weltweit unter Christen. Wir müssen ihnen eine Stimme geben und helfen.

Unter welchen Umständen können Waffenlieferungen ein Beitrag zum Frieden sein?

Waffenlieferungen sind immer pikant. Wir liefern Waffen, um kurdischen Kämpfern zu helfen, damit sie sich gegen die IS wehren, die auch mit deutschen Waffen kämpfen. Waffen zu liefern, um andere Waffen zu zerstören – das ist ein Kreislauf des Satans. Aber ich wüsste in dieser konkreten Situation keine Alternative. Die Kurden sind nicht fähig, sich zu verteidigen, weil sie nur uralte Waffen haben. Das war auch der Grund der politischen Entscheidung, ihnen Berater und Waffen zu geben – bedingt: Nicht viele und keine schweren.

Sie waren gegen Drohnen?

Ich bin schon immer gegen den heimtückischen Tod durch Drohnen gewesen. Objektiv sind sie ein Stück Material, das nicht schuldhaft sein kann. Es kommt darauf an, wie sie eingesetzt werden. Man kann sie einsetzen als Mordinstrument, aber damit auch töten, damit eine größere Tötungsmaschinerie aufhört. Wenn wehrlose Menschen, die keine Waffen haben, oder Kinder in den Tod getrieben werden, müssen wir etwas tun. Wir können nicht sehenden Auges akzeptieren, dass diese Menschen von anderen getötet werden.

Wie bewerten Sie die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung?

Da kommt ein neues Drama auf uns zu. Wir sind völlig hilflos. Hessen hat ein zentrales Aufnahmelager in Gießen, von wo aus die Flüchtlinge verteilt werden. Wir haben noch kein Modell, um sie wirklich in einer würdigen Weise willkommen zu heißen. In einem reichen Land ist das ein Skandal. Ich habe vor zehn Tagen an Pfarreien und Ordensgemeinschaften geschrieben und darum gebeten, leer stehende Pfarrhäuser und freie Räume in Gemeindezentren, Bildungshäusern und Klöstern zu nennen. Wir haben in Fulda auch ein leeres Pfarrhaus für eine syrische Familie mit Kindern bereitgestellt. Das sind aber Tropfen auf den heißen Stein.

Sollte man Flüchtlingen unbürokratischer helfen? Nach dem Zweiten Weltkrieg sind manche Bürgermeister von Familie zu Familie gegangen, um Räume für Flüchtlinge zu finden...

Genau. Das Beste wäre, wenn die Menschen freien Wohnraum zur Verfügung stellen würden. Mit gutem Willen könnte man vieles machen. Es müsste eigentlich ein Ruck durch unser Land gehen.

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