„Ein fragwürdiges Menschenbild“

Bischof Norbert Trelle, Vorsitzender der Migrationskommission der Bischofskonferenz zu den Aussagen Sarrazins von Sabine Kleyboldt
Herr Bischof, Thilo Sarrazin vertritt die These, Migranten seien nicht ausreichend dazu bereit, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Wir haben es mit einer differenzierten Lage zu tun. Viele Migranten sind an einer besseren Integration in unsere Gesellschaft interessiert und zeigen auch entsprechendes Engagement. Für andere gilt das nicht. Besonders gravierend sind Probleme, wenn zum Migrationshintergrund eine starke Bildungsferne hinzukommt. Aber bildungsferne Deutsche sind auch nicht gut integriert. Pauschalaussagen über die Integrationsbereitschaft der Migranten sind nicht seriös.

Ebenso meint Sarrazin, durch Migranten werde das Land dümmer und ungebildeter.

Wenn wir es als Gesellschaft nicht schaffen, die Potenziale der Migranten zu heben, werden wir in der Tat insgesamt dümmer. Hier gibt es einen Nachholbedarf in der Bildungspolitik, worüber ja auch diskutiert wird. Dass sich die Mentalitäten in bildungsfernen Schichten ändern müssen, steht auch außer Frage. Aber es gibt gerade durch Zuwanderung einen enormen Zuwachs an Bildung und damit eine Bereicherung, wie man in vielen Betrieben, Universitäten, Krankenhäusern und Pflegeheimen sehen kann. Sollte Herr Sarrazin jedoch der Meinung sein, die zu uns gekommenen Zuwanderer seien prinzipiell weniger intelligent und vererbten biologisch-genetisch eine mindere Intelligenz, so hält eine solche These wissenschaftlicher Betrachtung kaum stand und entlarvt ein Menschenbild, das schon sehr fragwürdig ist.

Außerdem entstünden Deutschland durch Migration mehr Kosten als Nutzen...

Wir wissen nicht, ob die Gastarbeitermigration seit den 1950er Jahren wirtschaftlich für unser Land vorteilhaft war oder nicht. Man darf durchaus bezweifeln, dass es klug war, Gastarbeiter mit einer niedrigen formalen Bildung nach Deutschland zu rufen. Den betroffenen Menschen kann man dies nicht zur Last legen. Selbstverständlich hat die Gesellschaft das Recht, bei der Entscheidung über die Arbeitsmigration eine wirtschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnung anzustellen. Wenn es um Zuwanderung im Rahmen des Asylrechts und des Flüchtlingsschutzes geht, ist ein solches ökonomisches Kalkül aber unzulässig. Wir müssen die Menschenrechte von Personen, die in ihrer Heimat an Leib und Leben bedroht sind, auch dann respektieren, wenn dies unserer Gesellschaft nicht zum Vorteil und sogar wirtschaftlich zum Nachteil gereicht.

Sarrazin hat vor allem Muslime im Blick...

Die Engführung auf eine Religion ist problematisch, erst recht eine Verallgemeinerung auf alle Muslime. Gerade in Deutschland sind die Muslime eine höchst heterogene Gruppe. Bestimmte fundamentalistische Auslegungen des Islam stellen ein Hindernis für die Integration dar. Das ist unbestritten und ein ernstes Problem. Wir wissen aus Studien aber auch, dass die Religionszugehörigkeit sich nur bei einem kleinen Teil der Muslime als Integrationshindernis erweist. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, auch ihre Religion ist alles andere als monolithisch. Aufs Ganze gesehen dürfte die soziale Herkunft und Zugehörigkeit für die Integrationsfähigkeit viel entscheidender sein.

Trifft Sarrazin eine Mehrheitsmeinung, oder sind das reine Stammtischparolen?

Eigentlich war die gesellschaftliche Debatte in den letzten Jahren doch schon weiter. Ich nehme weder die Politik noch die gesellschaftliche Debatte als naiv und blauäugig wahr. Viele Probleme und Sorgen werden offen angesprochen und diskutiert – übrigens auch von den Kirchen. Sarrazin inszeniert sich als Provokateur und Tabubrecher, als ob die Dinge in der Diskussion nicht beim Namen genannt worden seien. Dass er mit seinen Thesen der Mehrheit aus der Seele spricht, glaube ich nicht. Die gesellschaftliche Bereitschaft zur Integration von Migranten hat zugenommen. Das ist ein Hoffnungszeichen. Sarrazins Buch dagegen birgt die Gefahr, dass sich bei denen, die anfällig sind, Vorurteile verstärken.

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