„Doppelte Dividende“

Deutschland ist das Land, das den größten Nutzen vom Euro hat. Von Reinhard Nixdorf

Drohende Staatspleiten, Rettungsschirme, Sondergipfel und nun auch noch ein Buch, das gegen die gemeinsame Währung Stimmung macht: Zurzeit steht der Euro für Risiken und Schuldenexzesse – und Deutschland gilt als größter Zahlmeister. Aber Deutschland ist auch das Land, das den größten Nutzen vom Euro hat – selbst in der Krise der gemeinsamen Währung: Derzeit gehen fast zwei Drittel der deutschen Exporte in die Europäische Union – und dabei überwiegend in die Euro-Länder. Da es kein Wechselkursrisiko gibt, erübrigen sich teure Absicherungsgeschäfte für deutsche Unternehmen. Bräche die Euro-Zone auseinander, würde die wieder eingeführte Deutsche Mark im Vergleich zu den neuen nationalen Währungen vieler anderer Staaten massiv aufgewertet. Im Ausland würden deutsche Waren damit so teuer, dass es mit dem Exportboom rasch vorbei wäre.

Auch von der Euro-Krise profitiert Deutschland: Mit 32,8 Milliarden Euro waren die Zinszahlungen des Bundes im vergangenen Jahr nicht nur so niedrig wie seit 1993 nicht mehr, sie lagen auch um 2,5 Milliarden Euro unter den Erwartungen. Denn die Anleger betrachten deutsche Staatsanleihen als „sicheren Hafen“ und kaufen deutsche Schuldverschreibungen selbst dann noch, wenn die angebotene Verzinsung gering ausfällt. Fast alle anderen Euro-Länder müssen dagegen immer höhere Zinsen anbieten.

Seit 1999 die Wechselkurse der Euro-Staaten untereinander endgültig festgelegt wurden, kletterten unter allen Mitgliedern der ersten Stunde die deutschen Exporte mit am stärksten. Angaben der OECD zufolge stiegen die deutschen Güterexporte bis 2010 um 133 Prozent, nur die Niederlande zogen mit einem Plus von 163 Prozent deutlich an Deutschland vorbei. Frankreich als zweitstärkstes Exportland unter den Euro-Staaten kam im selben Zeitraum lediglich auf ein Ausfuhr-Plus von sechzig Prozent.

Zu welchem exakten Anteil dieser Exporterfolg auf das Konto des Euro anzurechnen ist, ist schwer auszumachen. Viele Ökonomen haben in den vergangenen Jahren versucht, einen solchen Euro-Effekt aus den Statistiken herauszudestillieren – mit unterschiedlichsten Ergebnissen. Doch auch wenn es nicht gelingt, eine Erfolgsrechnung mit einer präzisen Prozentzahl zu ermitteln, stellt das nicht in Frage, dass Deutschland überhaupt vom Euro profitiert – und im Export sogar doppelt.

Deutsche Exportunternehmen erzielen durch eine europäische Gemeinschaftswährung so etwas wie eine „doppelte Dividende“: Innerhalb des Währungsgebiets stabilisiert der Euro die Preisentwicklung für deutsche Produkte, weil das Risiko eines schwankenden Devisenkurses der D-Mark wegfällt und kostspielige Kurssicherungsgeschäfte hinfällig werden.

Außerhalb des Währungsgebiets führt der Euro für wirtschaftlich starke Länder wie Deutschland zu einem günstigeren Wechselkurs. Denn anders als die D-Mark spiegelt der Euro nicht nur die Effizienz und den Erfolg der deutschen Wirtschaft wider, sondern die Effizienz und den Erfolg aller Euro-Staaten. Angesichts der deutschen Exporterfolge wäre der Devisenkurs der D-Mark deshalb höher als der Euro-Kurs, weil wirtschaftlich schwache Staaten ihn nicht herunterdrücken würden. Auf den weltweiten Absatzmärkten ist ein schwächerer Euro für die deutsche Wirtschaft damit ein Kostenvorteil.

Was die Frage betrifft, inwieweit die Arbeitnehmer vom Euro profitieren, ist die Antwort differenziert: Arbeitnehmerentgelte, also die Löhne und Gehälter von Angestellten samt der Arbeitgeberanteile an den Sozialversicherungen, stiegen zwischen 1999 und 2010 um achtzehn Prozent. In derselben Zeitspanne kletterten die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um 46 Prozent, also zweieinhalb Mal so stark.

Doch die Entwicklung der Einkünfte ist nur ein Teil der Wahrheit. So hat sich in den vergangenen Jahren die Lage am deutschen Arbeitsmarkt klar verbessert. Zwischen 1999 und 2010 sank die Arbeitslosigkeit von 11,7 auf 7,7 Prozent. In erster Linie wurden im vergangenen Jahrzehnt keine regulären, sondern „atypische Arbeitsplätze“ geschaffen – also befristete Beschäftigungsverhältnisse, Zeitarbeit, Teilzeitjobs oder Vierhundert-Euro-Jobs. 1999 waren nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Mikrozensus 19,7 Prozent aller Arbeitnehmer befristet, in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt. 2010 lag dieser Anteil, auch wegen des Booms der Zeitarbeit, bei 25,4 Prozent. Diese Entwicklung hat jedoch nicht erst mit der Währungsunion begonnen. Der Anteil der Arbeitnehmer in einer Vollzeitbeschäftigung sank schon seit Anfang der neunziger Jahre kontinuierlich. Ursache für die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt ist das Wirtschaftswachstum, das neue Arbeitsplätze geschaffen hat: Die positive Entwicklung der Konjunktur kommt am Arbeitsmarkt an – und die wird auch durch den Euro befördert.

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