Digitalisierung: Segen und Fluch

Millionen Beschäftigte könnten ihren Job verlieren – Auch mehr Arbeit ist möglich. Von Robert Luchs
Foto: dpa | Digitalisierung eröffnet Chancen und bringt immer neue Herausforderungen.

Kein Zweifel: Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist nicht mehr aufzuhalten, doch bringt diese Entwicklung wirklich nur Nachteile mit sich? Auf den ersten Blick scheint es so zu sein, denn bereits heute arbeiten rund 4,5 Millionen Menschen in Jobs, die durch die Digitalisierung wegfallen könnten. Das hat eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg ergeben. Das Institut ist eine Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit. Andere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Hälfte der vorhandenen Arbeitsplätze in den nächsten zehn bis 20 Jahren durch die fortschreitende Automatisierung und Digitalisierung gefährdet sein könnten.

Andere Studien gehen wiederum davon aus, dass in den meisten Berufen weiterhin Tätigkeiten erledigt werden müssen, die bislang nicht durch Computer ersetzt werden können. Als Beispiel dafür nennt das Institut den Mitarbeiter oder Verkäufer in großen, aber auch kleinen Unternehmen und Geschäften. Dieser Angestellte ist nicht zu ersetzen, wenn es darum geht, den Kunden zu beraten. Anders sieht es beim Kassierer aus; er kann auf Dauer überflüssig werden, wenn das Abkassieren automatisiert wird. Die Ware auszuzeichnen und den Bestand zu verwalten, das kann in Zukunft auch ein Rechner leisten. Musste früher eine Kassiererin den Preis oder die Artikelnummer einer Ware per Hand eingeben, wird heutzutage über den Barcode nicht nur die Artikelbezeichnung, Menge und Preis erfasst – digitale Kassensysteme sind an das jeweilige Warenwirtschaftssystem angebunden, so dass mit den Scannerdaten eine Nachbestellung der verkauften Artikel ausgelöst oder sogar Marktforschung betrieben werden kann.

Aus solchen Befunden wird mitunter geschlossen, dass mit der fortschreitenden Digitalisierung ein Beschäftigungsabbau in ähnlicher Größenordnung einhergeht. Jedoch werden, so die Studie, keinesfalls alle Tätigkeiten, die von Computern oder computergesteuerten Maschinen erledigt werden könnten, tatsächlich ersetzt. Dies hängt von ethischen und rechtlichen Hürden, aber auch von Lohn- und Investitionskosten ab. Schließlich wollen auch die Gewerkschaften ein Wort mitreden. Dietmar Muscheid, DGB-Vorsitzender von Rheinland-Pfalz, will die Arbeitnehmer im Job schützen. Neue Technologien würden in immer kürzeren Intervallen eingeführt. Deswegen komme der Aus- und Weiterbildung eine stärkere Rolle zu. Muscheid: „Es braucht eine Qualifizierungsoffensive und eine Modernisierung unserer Mitbestimmungsmöglichkeiten.“ Auf der gleichen Linie bewegt sich Muscheids Kollegin Gabriele Kailing aus Hessen. Sie warnt, dass digitalisierte Arbeit noch mehr ins Privatleben hineinwirkt. Dann würden gesundheitliche und vor allem psychische Belastungen noch weiter steigen. Zudem sei ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit, in jüngster Zeit immer wieder diskutiert, notwendig.

Es ist durchaus möglich, dass die Digitalisierung sogar zu mehr Beschäftigung führt. Die computergesteuerten Maschinen und Geräte müssen entwickelt und angefertigt werden. Es werden Fachleute gebraucht, um die dazugehörige Software zu programmieren. Die Maschinen müssen gesteuert, kontrolliert und gewartet werden. Fachkräfte, die mit der neuen Technik umgehen können, müssen geschult werden. Dazu sind wiederum Ausbilder nötig.

Klar ist: Der technologische Wandel lässt sich nicht aufhalten. Ob er aber zu einem Abbau oder einem Wachstum der Beschäftigung führt, hängt auch davon ab, wie die neuen Herausforderungen gemeistert werden. Dies gilt nicht nur für die nationale Ebene, sondern auch für die einzelnen Bundesländer. Der Anteil der Beschäftigten, die in einem Beruf mit hohem Substituierbarkeitspotenzial arbeiten, schwankt erheblich zwischen acht Prozent in Berlin und mehr als 20 Prozent im Saarland. Substituierbarkeitspotenzial ist der Anteil der Tätigkeiten in einem Beruf, der bereits heute von Computern oder computergesteuerten Maschinen erledigt werden könnte.

Jenseits aller regionalen Unterschiede kann laut Studie (Weiter-) Bildung als eine der wichtigsten Aufgaben angesichts fortschreitender Digitalisierung gesehen werden. Wissen und Können der Arbeitskräfte müsse auf dem neuesten technologischen Stand gehalten oder gebracht werden. Das gelte auch für die Arbeitgeber. Die Bundesagentur für Arbeit stehe außerdem vor der Herausforderung, zu gewährleisten, dass Verlierer des Strukturwandels angemessen aufgefangen und ihnen neue Optionen angeboten werden. Im Einzelfall gelte es, frühzeitig und fundiert zu entscheiden, ob eine Vermittlung im bisherigen Tätigkeitsfeld, eine Weiterentwicklung oder eine berufliche Neuorientierung der richtige Weg ist.

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann