Die Vermessung der Nullerjahre

Der immerwährende Untergang des Abendlands durch Zahlen und Ziffern

Von Stephan Baier

Endlich ist sie vorbei, die besinnliche Zeit, in der die Zeit fast stillzustehen drohte. Fast wären wir dazu gekommen, nach- und vorzudenken. Wer weiß, wo das geendet hätte? Aber schon hat uns der Alltag wieder, und wir ihn. (Des)informiert werden wir schon wieder von allen Seiten. Etwa wie wir das endende Jahrzehnt zu finden haben: Die „Nullerjahre“ werden vermessen und gewogen, damit wir auch wissen, was wir da erlebt haben. Eindrucksvolle Bilder und packende Rückblicke sagen uns, wie wir über Politik, Wirtschaft und Religion denken, was wir von der „Dekade des Terrors“, ihren Revolutionen und Moden halten, was „in“ und „out“ war oder sein wird. Atemlos nehmen wir zur Kenntnis, was wir für das kommende Jahrzehnt wollen könnten, wenn man uns nur machen lassen wollte.

Wer den Überblick verloren hat – und wer sollte ihn nicht verloren haben? – lese Statistiken. Wer seinen Standpunkt verloren hat, studiere Meinungsumfragen. Hier stehen wir und könnten doch ganz anders. Aber wir wurden nun einmal vermessen und gewogen, befragt und statistisch erfasst. An ihren Daten sollt ihr sie erkennen, lautet die Maxime. Was aber wiegt die Freude einer Mutter nach der Geburt ihres Kindes? Wieviel zählt der Schmerz der Hinterbliebenen eines Terroranschlags? Wer wagt das Leid der Kindersoldaten, der Drogenabhängigen, der Straßenkinder zu beziffern? Haben wir Liebe und Tod, Hoffnungen und Ängste, Süchte und Sehnsüchte endlich statistisch in den Griff bekommen? Immer noch erlassen die Mächtigen Befehl, „alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen“, überhaupt in Listen und Statistiken. Gottes Engel aber verkündet „eine große Freude“: nicht bezifferbar, einfach groß. Anstelle einer Bilanz der Nullerjahre deshalb hier eine Mahnung von Karl Kraus: „Zu allen Dingen lasse man sich Zeit, nur nicht zu den ewigen.“

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