Die südafrikanische Landfrage

Nach dem Ende der Apartheid gibt es noch immer eine ungerechte Landverteilung. Von Carl-Heinz Pierk
Nelson Mandela capture site memorial
Foto: dpa | Fünf Kilometer nordwestlich von Howick in Südafrika ist jene Stelle, an der Mandela 1962 verhaftet wurde. Seit 2012 befindet sich dort das von Marco Cianfanelli geschaffene Nelson Mandela-Denkmal.
Nelson Mandela capture site memorial
Foto: dpa | Fünf Kilometer nordwestlich von Howick in Südafrika ist jene Stelle, an der Mandela 1962 verhaftet wurde. Seit 2012 befindet sich dort das von Marco Cianfanelli geschaffene Nelson Mandela-Denkmal.

In der Trauer um den am 5. Dezember 2013 verstorbenen ehemaligen Präsidenten Nelson Mandela fanden schwarze und weiße Südafrikaner zusammen. Die zu den auflagenstärksten Zeitungen Südafrikas zählende Tageszeitung „The Star“ druckte das Foto eines schwarzen Soldaten, der eine weinende weiße Frau in den Armen hält. Sie hatte gerade den Leichnam Nelson Mandelas gesehen. Gewürdigt wurde der Friedensnobelpreisträger noch einmal von der ganzen Welt: Für seinen Einsatz gegen die Apartheid, für seine persönliche Glaubwürdigkeit und für seine große Bereitschaft zur Versöhnung.

Es war vor allem das Verdienst Nelson Mandelas, dass es nach den ersten freien Wahlen in Südafrika mit dem Sieg des von ihm geführten Afrikanischen Nationalkongress (ANC) nicht zu einem blutigen Bürgerkrieg kam. In nur vier Jahren nach seiner Freilassung 1990 hatte er es geschafft, zusammen mit dem letzten Präsidenten des weißen Regimes, Frederik de Klerk, eine vorläufige Verfassung zu verabschieden und demokratische Wahlen zu organisieren. Mandelas Ziel in den fünf Jahren seiner Amtszeit war eine Politik der Versöhnung und des Vergebens. Eines seiner wichtigsten Mittel der Versöhnung war 1996 die Einrichtung der Wahrheits- und Versöhnungskommission durch das Parlament. Zwar wurde die Kommission dafür kritisiert, dass viele der aussagebereiten Täter Schutz gegen Strafverfolgung erhielten, die Opfer im Zuge der Anhörungen zu viel durchmachen mussten und ihre anschließende Entschädigung zu gering ausfiel. Dennoch klärte die Kommission viele Verbrechen der Vergangenheit auf. Zahlreiche Täter zeigten auch Reue, und viele Opfer vergaben ihnen.

Südafrika möchte eine „Regenbogennation“ sein, eine bunte Gesellschaft aus verschiedenen Ethnien, die friedlich und harmonisch zusammenleben. Wenngleich es gelungen ist, ein gemeinsames Nationalgefühl zu etablieren, so bleibt das Ideal der multi-kulturellen Gesellschaft noch ein Mythos. Das wichtigste demografische Merkmal sind die vier ethnischen Gruppen: Schwarze, Weiße, Farbige (Coloureds) und Asiaten. Diese Klassifikation stammt jedoch aus der Apartheidzeit, mit ihr wurden menschliche Rechte reglementiert und zugleich die politische und wirtschaftliche Dominanz der weißen Minderheit festgelegt. Auch wenn es diese Einteilung heute laut Gesetz nicht mehr gibt, leben die Bevölkerungsgruppen heute weitgehend getrennt in verschiedenen Wohnvierteln. Folglich stimmen die sozialen Gegensätze häufig mit den ethnischen Gegensätzen überein.

Ein besseres Leben für alle, das hatte der African National Congress nach dem Ende der Apartheid versprochen. Ein besseres Leben haben heute nur wenige: Vetternwirtschaft, Klientelpolitik und Korruption bestimmen nach wie vor den politischen Alltag. Ob sich Präsident Cyril Ramaphosa vom anrüchigen Erbe seines abgesetzten Vorgängers Jacob Zuma lossagen kann, ist zweifelhaft. Ramaphosa verfügt bisher nicht über eine nachhaltige Zukunftsvision, die vom Kampf gegen soziale Ungleichheit und Korruption bestimmt sein müsste. Überhaupt ist ungewiss, wie die Ankündigung von Ramaphosa zu werten ist, die ungerechte Verteilung des Landbesitzes notfalls auch mit entschädigungslosen Enteignungen rückgängig zu machen. Die Enteignung des Landes durch Weiße sei die „Erbsünde“ Südafrikas, die es richtigzustellen gelte, forderte Ramaphosa im Parlament in Kapstadt. Ist die Zeit der Versöhnung vorbei? Der zuständige Länderreferent des katholischen Hilfswerks Misereor sei „von diesem Thema zu weit weg, um qualifiziert antworten zu können“, hieß es gegenüber dieser Zeitung.

Die Landfrage ist eines der Schlüsselthemen in der Kaprepublik. In einer Dokumentation der „Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika“ heißt es dazu. „Die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, 70 Prozent davon auf dem Land. Der weißen Minderheit gehören noch immer rund 80 Prozent des kultivierbaren Bodens, rund 86 Millionen Hektar befinden sich im Besitz von etwa 55 000 weißen kommerziellen Farmern. Demgegenüber leben zwölf Millionen schwarze Bauern auf nur 17 Millionen Hektar mit überwiegend schlechter Bodenqualität.“ Die Ankündigung des neuen Staatspräsidenten Ramaphosa, Landenteignungen ohne Kompensationen durchzuführen, dürften in erster Linie ein Zugeständnis an den linken ANC-Flügel sowie dem Kalkül geschuldet sein, dem linksradikalen EFF (,Economic Freedom Fighters‘) rund ein Jahr vor den Wahlen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das meint Henning Suhr, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Südafrika, gegenüber dieser Zeitung. „Mit dem Zusatz, dass Landenteignungen nicht die landwirtschaftliche Produktion negativ beeinträchtigen dürfen, hält sich Ramaphosa ein Hintertürchen auf, um Umverteilungen in großem Stil zu verhindern.

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