Die soziale Frage bleibt wichtig

Der brasilianische Botschafter in Deutschland wünscht sich mehr wirtschaftlichen Austausch

Was erhoffen Sie sich als Ergebnisse von den deutsch-brasilianischen Wirtschaftstagen?

Es wäre wunderbar, wenn Köln zukünftig im Kontext der Wirtschaftsbeziehungen mit zwei Ergebnissen verbunden werden könnte. Erstens, dass die Bedingungen, unter denen sich die weitere Entwicklung und Zusammenarbeit beim Thema Biokraftstoff entwickeln, hier formuliert werden. Ich bin sicher, dass Deutschland in drei, vier Jahren sehr viel Biokraftstoff aus Brasilien importieren wird. Und zweitens sollte endlich eine Möglichkeit gefunden werden, die es deutschen Unternehmen ermöglicht, in Brasilien auch in Infrastruktur zu investieren. Das wäre eine absolute Neuheit. Wir brauchen meines Erachtens dringend auch deutsche Investoren bei unseren bedeutenden Infra-strukturmaßnamen. Übrigens sind bei diesen beiden Themen Köln und seine benachbarten Regionen als Autostadt, als Standort mit einer exzellenten Infrastruktur bei Straßen, Flughafen, Bahn und Hafen möglicherweise hervorragende Impulsgeber und können sozusagen praktisches Anschauungsmaterial bieten.

Das Interesse deutscher Unternehmen an Brasilien ist sehr groß, das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern belief sich im vergangenen Jahr auf 15 Milliarden Euro, deutsche Unternehmen erwirtschafteten 2007 rund acht Prozent des brasilianischen Bruttoinlandprodukts. Wie sieht es umgekehrt aus?

Es gibt noch zu wenig brasilianische Unternehmen in Deutschland. Das liegt vor allem daran, dass es einen breiten brasilianischen Mittelstand, vergleichbar etwa mit Deutschland, noch nicht gibt. Aber mit der Reformpolitik der letzten Jahre wird sich das mittelfristig ändern. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich die Strukturen unseres nicht besonders modernen bilateralen Außenhandels noch verändern müssen. Ich bin aber angesichts unseres dynamischen Wirtschaftswachstums von durchschnittlich über fünf Prozent sicher: Der Austausch zwischen den Ländern wird in den nächsten Jahren rapide zunehmen. Die Schwerpunktthemen der Konferenz zeigen ja auch deutlich die Chancen für weitere Joint Ventures oder andere Synergien, etwa im Handel, bei Mobilität, Pharma- und Chemieindustrie oder Ökoenergie. Da gibt es attraktive Herausforderungen für brasilianische Unternehmen, sich hier anzusiedeln. Aber andererseits gibt es auch sehr attraktive Möglichkeiten für deutsche Investitionen in Brasilien. Bedenken Sie auch: Deutsche Investitionen in Brasilien lösen auch wieder Investitionen brasilianischer Firmen aus.

Trotz des derzeitigen Wirtschaftswachstums und des immer selbstbewusster formulierten Anspruchs Brasiliens, eine Vormachtstellung auf dem lateinamerikanischen Kontinent zu übernehmen und auch global eine herausgehobene Rolle spielen zu wollen, hat das Land auch mit Problemen zu kämpfen, etwa den Favelas und Armut, Korruption, politischer Unzuverlässigkeit auf vielen Ebenen, Drogen und anderes mehr...

In diesem Zusammenhang darf ich Sie auf drei Aspekte hinweisen. Erstens haben sich die makroökonomischen Bedingungen stabilisiert. Die Zahlen der aktuellen Wachstumszyklen sind transparent und nachvollziehbar und nicht, wie leider häufig in der Vergangenheit, künstlich oder vielleicht sogar manipuliert. Zweitens haben die sozialen Maßnahmen der Regierung effektiv dazu beigetragen, dass es einen Reichtumstransfer gibt. Die Lebensbedingungen verbessern sich, die Inflation liegt gerade einmal bei vier Prozent, der Konsum steigt, die Armenbevölkerung konnte ihren Lebensstandard verbessern. Und drittens sind Wirtschaft und Wachstum mit einer stabilen Demokratie verbunden und werden nicht für die politischen Interessen kleiner Gruppen oder Einzelner instrumentalisiert. Das ist eine ganz besondere Entwicklung für unser Land, weil wir den Gedanken der Nachhaltigkeit auf vielen Ebenen etabliert haben. Das schafft insgesamt Vertrauen und Zuverlässigkeit, nach innen und nach außen.

Vertrauen und Zuverlässigkeit sind ja auch wesentlich, damit der wirtschaftliche Fortschritt zu weiterem gesellschaftlichen Nutzen in Ihrem Land führt. Inwiefern spielen Fragen nach sozialem Ausgleich und Gerechtigkeit eine Rolle bei dem Wirtschaftstreffen?

Die soziale Frage steht zwar nicht explizit auf der Tagesordnung. Aber natürlich ist sie von enormer Bedeutung und wird deshalb auch auf verschiedenen Ebenen immer wieder thematisiert, nicht nur bei diesem Treffen. Schließlich haben entsprechende Antworten auf soziale Fragen gewaltige Auswirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung in Brasilien insgesamt. Eine gute Wirtschaftspolitik ist auch eine gute Sozialpolitik. Das derzeitige überdurchschnittliche ökonomische Wachstum trägt dazu bei, dass die soziale Ungleichheit in einem Maße abnimmt, wie wir es seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben. Mittlerweile gehört mehr als die Hälfte der brasilianischen Bevölkerung, nämlich 52 Prozent, zur sogenannten Mittelschicht.

Katholische Initiativen aus Deutschland – etwa das Bischöfliche Hilfswerk für Lateinamerika „Adveniat“ – werden das Treffen interessiert beobachten, weil sie seit Jahren Sozialprojekte in Brasilien initiieren und finanzieren...

Wir wissen um die Wichtigkeit und die Bedeutung dieses Engagements und sind sehr dankbar dafür. Auch dadurch wird zum gesellschaftlichen Ausgleich beigetragen Und wenn es durch ein Treffen wie den deutsch-brasilianischen Wirtschaftstagen gelingt, mehr Kooperationen zu schaffen und beispielsweise strukturelle oder juristische Rahmenbedingungen zu verbessern, profitieren alle davon. Das gilt natürlich auch für die Organisationen und Initiativen aus dem kirchlichen Bereich und deren konkrete soziale Arbeit vor Ort, etwa im Dialog oder bei Kooperationen mit Firmen und Unternehmen.

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