Gaza-Stadt

Die Menschen im Gazastreifen suchen eine Perspektive

Wenige Wochen nach dem letzten militärischem Konflikt: Wie schauen die Menschen, die im Gaza-Streifen leben, auf ihre Zukunft? Was erwarten sie von der Politik? Welche Perspektiven sehen sie für ihre Kinder?
Hat die junge Generation, die im Gaza-Streifen lebt, eine Perspektive?
Foto: Mohammed Talatene (dpa) | Hat die junge Generation, die im Gaza-Streifen lebt, eine Perspektive? Zwei Jugendliche schauen Ende Mai auf Häuser, die bei israelischen Raketenangriffen zerstört worden sind.

Die parteiübergreifende Einigkeit überraschte: In einem gemeinsamen Antrag forderten alle vier Fraktionen des Bundestages die sofortige Aufhebung der Blockade des Gaza-Streifens. „Völkerrechtswidrig und kontraproduktiv” wurde diese in der Debatte am 1. Juli 2010 genannt.  Der Linken-Abgeordnete Gehrcke hoffte, dieses Signal werde „mit Sicherheit auch im Nahen Osten wahrgenommen werden.” Wurde es nicht, zumindest zeitigte es nichts Gutes für die Menschen in dem Streifen, der das Singapur des Nahen Ostens werden sollte.

Die Litanei der Zivilbevölkerung seit Israels Abriegelung 2006 und der Machtergreifung der Hamas wird stetig länger. Nach israelischem Beschuss des einzigen Kraftwerks und der Einschränkung beim Import von Ersatzteilen leben seitdem mittlerweile zwei Millionen Gazaner mit schlimmstenfalls vier, bestenfalls 13 Stunden Strom am Tag. Auch deshalb fließen täglich 90 Millionen Liter Abwässer ungeklärt ins Mittelmeer. Laut so genannter Bertini-Übereinkunft dürfen Palästinenser in einem Gebiet von 20 Seemeilen fischen. Israel hat wechselweise nur zwölf, zehn oder sechs Seemeilen erlaubt und zeitweise das Fischen komplett verboten. Hunderte von Fischerbooten wurden von israelischer Marine beschossen, Fischer verhaftet, ihre Ausrüstung beschlagnahmt. Viele der 2 998 Fischer mit Fanglizenz sind zur Tatenlosigkeit verdammt.

Fünf Kriege seit 2006

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Fünf Kriege seit 2006 haben den Menschen im Gaza-Streifen zusätzlich Leid und Nöte aufgebürdet: „Sommerregen“ 2006, „Gegossenes Blei“ 2008/09, „Wolkensäule“ 2012, „Starker Fels“ 2014 und im Mai dieses Jahres „Guardian of the Walls“  - unter diesen Namen firmieren die einzelnen Militäroperationen. Tausende von Toten sind zu beklagen, Zehntausende wurden obdachlos und zu Binnenflüchtlingen. Seit 15 Jahren schränkt Israel den Export palästinensischer Erzeugnisse ein: Schnittblumen für Europa, Textilien für das West-Jordanland oder Gemüse für Israel. „Von 2007 bis 2014 wurde nur der Export ins Ausland erlaubt”, erklärt die israelische Menschenrechtsorganisation GISHA, nicht aber ins West-Jordanland oder nach Israel.

Gaza ist der Inbegriff des Mangels. Mal sind es Batterien und Stahl, Holz und Medikamente, die Israel nicht in den Streifen lässt, mal sind es Kochgas und Seife, Zement und Druckerpatronen, Käse oder Chlor. Die Begründung lautet: „dual use” – man könne die Materialien für friedliche Zwecke nutzen, aber auch für das Gegenteil. So wie Waren sich nicht bewegen können, können es Menschen auch nicht.

Gazaner nennen den Streifen, so groß wie die Stadt Köln, „Käfig” oder „Gefängnis”, manchmal „größtes Freiluftgefängnis der Welt”. Das Gros der jungen Leute hat das Gebiet, so groß wie ein Löwenrevier, noch nie verlassen. Mohammed Moussa schloss 2015 sein Anglistikstudium an der al-Azhar-Universität in Gaza-Stadt ab. „Ich war ein hoffnungsvoller Absolvent in einer hoffnungslosen Stadt”, schreibt er im Text „Junger Mann in Gaza sucht Fenster zur Welt“, veröffentlicht im Buch „We Are Not Numbers“. Es sei entmutigend, „in einem kulturell isolierten Land die kulturelle Vielfalt zu lieben”. Allein in Gaza-Stadt sind „Zehntausende von uns  weggesperrt und vergessen – und dabei möchten wir doch nur ein Fenster zur Welt”.

Jeden trifft die miserable Trinkwassersituation

Nicht einmal ein Fenster ins eine Autostunde entfernte West-Jordanland öffnet sich. Wie viele Gazaner haben auf Studienplätze, Hochzeiten oder Beerdigungen verzichtet, weil Israel die Ausreise nicht genehmigte. Das gilt auch für Palästinenser des West-Jordanlandes: Ahmed Helou, Aktivist der „Combatants for Peace“,  einer Organisation, die sich für eine friedliche Lösung des Nahost-Konflikts einsetzt und sowohl israelische wie palästinensische Mitglieder hat, kürzlich Mutter und Schwestern in Gaza – das erste Mal seit 31 Jahren.

Und jeden trifft die miserable Trinkwassersituation. Gazas Grundwasserleiter ist überpumpt, mit Salz- und Abwasser verschmutzt und wegen hoher Nitratwerte ungenießbar. Schon vor Jahren fragte die UNO in einem Report „Gaza 2020 – a liveable place?“: Würde man 2020 überhaupt dort leben können? Anfang dieses Monats gab der Situation Report No. 6 der UNO-Agentur OCHA an, 200 000 Menschen im Gaza-Streifen hätten „keinen regulären Zugang zu sauberem Leitungswasser”.

Außenminister Maas hat kürzlich 40 Millionen Euro für die „Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen” zugesagt. Wo werden sie landen? Laut den „Deutschen Wirtschaftsnachrichten“ sind seit Mitte der neunziger Jahre über 30 Milliarden US-Dollar in die Palästinensergebiete geflossen: „Doch die Gelder versickern weitgehend in dunklen Kanälen. Die Korruption in den Palästinenser-Gebieten ist weit verbreitet. Die Terror-Organisation Hamas profitiert massiv von der Misere.” Sami Obeid, Radiomoderator im Gaza-Streifen, wurde im Mai-Krieg von der israelischen Zeitung „Haaretz“ befragt. Er prophezeite, nach Kriegsende werde sich in Gaza nichts ändern. Wieder werde Geld gespendet, Mahmoud Abbas werde aber nichts für den Wiederaufbau Gazas tun. „Wir warten auf die nächste Kampfrunde. Das ist der Fehler der israelischen Regierung.” Er dagegen würde die Blockade lockern und Gaza öffnen. Stattdessen gehe man wieder an den Ausgangspunkt zurück. „Wir sind seitens Ägyptens und Israels abgeriegelt, auch zum Meer hin ist zu. Ein Mensch im Gaza-Streifen hat nichts zu tun – außer Raketen Richtung Israel abzufeuern.” Die Arbeitslosigkeit lag im letzten Quartal 2020 bei 43 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei 70 Prozent.

Der nächste Krieg nur eine Frage der Zeit?

Ist der nächste Krieg nur eine Frage der Zeit? Sahar Vardi, israelische Kriegsdienstverweigerin und Mitgründerin der Aufklärungsplattform HaMushim vertritt eine eindeutige Position. Sie ist  überzeugt, die israelische Rüstungsindustrie „ist davon abhängig, ihre Produkte weiterhin testen, entwickeln und als ,kampferprobt' vermarkten zu können, das heißt, sie ist davon abhängig, dass der Konflikt fortbesteht”. Diese Industrie porträtiert ihr Landsmann Yotam Feldman in seinem investigativen Film „The Lab“. „Viele der Politiker, die über die nächste Militäroperation in Gaza entscheiden, sind persönlich im Waffenhandel verstrickt“, versicherte er vor Jahren. Seine Schätzung: 150 000 israelische Haushalte  lebten von diesem Industriezweig.

Der neue israelische Premierminister Naftali Bennett hatte kurz nach Kriegsende den noch amtierenden Premier Benjamin Netanyahu massiv kritisiert. Dessen Militäroperation sei durch „persönliche Überlegungen sowie Personenkult diktiert” worden. Wird er den zwei Millionen Gazanern, darunter 1 000 Christen, anders gegenübertreten als sein Vorgänger?


Der Autor veröffentlichte 2013 „Gaza – ganz nah, ganz fern“ (Aphorisma).

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