Die Grenzen der Vorstellungskraft

Das Internetportal Wikileaks veröffentlicht weitere Dokumente zum Krieg im Irak Von Carl-H. Pierk

Nach der Enthüllung geheimer US-Militärdokumente zum Irak-Krieg durch das Internetportal Wikileaks hat der Gründer der Internetplattform Sorge um seine Sicherheit. Julian Assange sagte dem israelischen Sender „Channel 2“ am Sonntag, er habe „zusätzliche“ Maßnahmen ergriffen. „Ich fürchte nicht um mein Leben, aber wir mussten zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen treffen“, sagte Assange dem Privatsender an einem nicht näher benannten Ort in London. Dem Sender zufolge wurde das Gespräch in einem „muslimischen Kulturzentrum“ geführt. Assange, der es liebt, sich selbst in der Öffentlichkeit zu inszenieren, werde von Leibwächtern begleitet.

Assange rechnet nach eigenen Worten damit, dass die Vereinigten Staaten von Amerika versuchen könnten, ihn und andere zu ergreifen und der US-Gerichtsbarkeit zu unterstellen. Erst am Samstag habe ein ranghoher ehemaliger CIA-Vertreter wieder diese Möglichkeit in Erwägung gezogen, sagte Assange, ohne weitere Einzelheiten zu nennen. Ähnlich habe sich zuvor bereits das Verteidigungsministerium in einer Erklärung geäußert.

Das größte Informationsleck in der Geschichte der USA

Generalstabschef Mike Mullen hatte die Veröffentlichung der Dokumente ebenso wie zuvor bereits Pentagon-Sprecher Geoff Morrell und US-Außenministerin Hillary Clinton heftig kritisiert. Die neue Veröffentlichung ist das größte Informationsleck dieser Art in der Geschichte der USA.

Die Berichte, die aus einer Militärdatenbank des amerikanischen Verteidigungsministeriums stammen sollen, wurden wie bei der Preisgabe der fast 77 000 Afghanistan-Dokumente im Juli internationalen Medien zugespielt, die das Material vorab sichten durften und jetzt darüber berichteten, darunter die „New York Times“, die französische „Le Monde“, der britische „Guardian“ und „Der Spiegel“. Deren Angaben zufolge vermitteln die Unterlagen kein völlig neues, aber ein sehr detailliertes Bild über die Vorgänge im Irak. Den 391 832 geheimen Feldberichten von US-Soldaten zufolge seien in der Zeit vom 1. Januar 2004 bis zum 31. Dezember 2009 insgesamt 104 111 Menschen gestorben, darunter 66 081 Zivilisten, teilte Wikileaks mit.

Damit sei der Irak-Krieg verheerender als der in Afghanistan, schreibt die Internetplattform auf ihrer Website. Nähere Angaben zum Ursprung der Geheimakten machte Wikileaks nicht. In nüchterner Sprache schildern die Berichte Gefechte mit Aufständischen, Bombenanschläge und Zwischenfälle an US-Checkpoints, aber auch grausamste Misshandlungen von Irakern durch irakische Soldaten und Polizisten. Wikileaks zitierte Augenzeugen mit den Worten: „Die einzigen Grenzen, die es gab, waren die Grenzen der Vorstellungskraft.“

Die Militärdokumente legen nahe, dass die US-Streitkräfte diesen schweren Missbrauchsvorwürfen oftmals nicht nachgegangen sind. Es werden zahlreiche Fälle aufgeführt, in denen US-Soldaten Hinweise über Misshandlungen, Folterungen und Morde durch irakische Sicherheitskräfte dokumentiert, an ihre Vorgesetzten gemeldet und den Fall dann abgeschlossen haben.

Unter den nun veröffentlichten Berichten finden sich mindestens 300 derartige Vorfälle. „Wir hoffen, einen Teil des Angriffs auf die Wahrheit wieder wettmachen zu können, der vor dem Krieg stattfand, während des Krieges stattfand und der seit dem offiziellen Abschluss des Krieges weitergeht“, begründete Wikileaks-Gründer Assange in London die Veröffentlichung. Eine Analyse der Dokumente in Zusammenarbeit mit der Internet-Plattform „Iraq Body Count“ habe ergeben, dass 15 000 Menschen mehr im Krieg gestorben seien als bislang bekannt.

„Wir können nun sagen, dass seit 2003 insgesamt mehr als 150 000 Menschen im Irak getötet wurden“, sagte der Mitgründer von „Iraq Body Count“, John Sloboda. „Davon waren etwa 80 Prozent Zivilisten.“ Assange erklärte, in den Unterlagen fänden sich Belege für Kriegsverbrechen.

Wikileaks feiert mit der Veröffentlichung die Rückkehr in die Schlagzeilen. Die Plattform war seit Ende September wegen Wartungsarbeiten geschlossen und sorgte stattdessen mit internen Querelen für Schlagzeilen. Der deutsche Sprecher der Plattform, Daniel Domscheit-Berg, quittierte den Dienst und warf Gründer Julian Assange Allmachtsfantasien und einen autokratischen Führungsstil vor. Weitere Mitarbeiter folgten Domscheit-Berg. Zudem wurde gegen Assange in Schweden unter anderem wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung ermittelt.

Muss die Geschichte des Irak-Krieges umgeschrieben werden? Nein, denn im Grunde bieten die Geheimdokumente kaum neue Erkenntnisse. Spätestens seit den Folterbildern aus dem Gefängnis Abu Ghraib hat sich international ohnehin der Eindruck festgesetzt, dass der Krieg im Irak ein schmutziger Krieg war. Es wurde getötet, es wurde gefoltert, Söldner gebärdeten sich als brutale Invasoren, Schiiten und Sunniten massakrierten sich gegenseitig. Dass einer der grausamsten Diktatoren gestürzt wurde, ist darüber fast schon in Vergessenheit geraten.

Und nicht alles, was in den Dokumenten steht, muss wirklich den Charakter einer bitteren Wahrheit haben, die absichtlich vor der Weltöffentlichkeit vertuscht werden sollte. Es könnten vereinzelt auch Halbwahrheiten und Scheinfakten enthalten sein, etwa wenn die Berichterstatter aus subjektiver Perspektive falsche Schlüsse gezogen haben oder gegenüber Vorgesetzten über Versäumnisse hinwegtäuschen wollten. Die Dokumente, es sind Quellen aus verschiedenen Quellen.

Bringt Wikileaks weitere Menschen in Gefahr?

Hat aber Wikileaks bei der Bearbeitung der Dokumente wirklich alles getan, um keine weiteren Menschenleben zu gefährden? In der jüngsten Enthüllungsaktion zum Irak-Krieg wurden nach Angaben des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums die Namen von 300 Einheimischen erwähnt, die nun Gefahr liefen, Opfer von Vergeltungsanschlägen zu werden. Ein Vorwurf, den Wikileaks so nicht stehen lassen wollte. Die Irak-Dokumente seien entsprechend redigiert worden. Sie enthielten „keine Informationen, die Einzelne schädigen könnten“.

Dennoch gäben sie Aufschluss über die Taktiken des US-Militärs, meint Pentagonsprecher Geoff Morrell. Er sagte in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN, dass die Taliban und andere sich die Informationen zunutze machten, um Schwachstellen der US-Streitkräfte und verbündeter Truppen auszuloten.

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