Die Gebrechen der spanischen Monarchie

Cristina und Inaki – Die königliche Familie des Elefantenjägers Juan Carlos unterhält weiterhin die Iberische Halbinsel – Eine Bestandsaufnahme. Von Andreas Drouve
Foto: dpa | Nach dem Sturz in einer Jagdhütte benötigte Monarch Juan Carlos ein neues Hüftgelenk.
Foto: dpa | Nach dem Sturz in einer Jagdhütte benötigte Monarch Juan Carlos ein neues Hüftgelenk.

Einst undenkbar, nun bittere Realität: Spaniens Königshaus ist unpopulär und unglaubwürdig wie nie zuvor. Seit Jahren arbeiten die Royals an ihrer eigenen Demontage, gegen die ans Licht der Öffentlichkeit gedrungenen Skandale und Korruptionsverstrickungen hilft auch die bestgeschmierte PR-Maschinerie nichts mehr.

Die Mehrheit der krisengebeutelten Spanier, denen Massenarbeitslosigkeit, hunderttausendfache Zwangsräumungen von Wohneigentum sowie Kürzungen im ohnehin nur leidlich funktionierenden Gesundheits- und Sozialsystem zugesetzt haben, wünscht sich laut einer Umfrage mittlerweile eine Abdankung von König Juan Carlos. Dieser hat sich als weltfremder Elefantenjäger in Afrika und als außerehelicher Fremdgänger nachhaltig selbst in Verruf gebracht.

Wichtiger jedoch sind derzeit die Fragen: Welche Strippen zieht der Monarch im Hintergrund, welch immensen Druck mag er wohl hinter den Kulissen ausüben, um seiner jüngsten Tochter Cristina einen möglichen Prozess wegen Steuerbetrugs und Geldwäsche zu ersparen und damit weiteren Schaden vom Ansehen seiner Familie abzuwenden?

„Muss in eigener Sache vor Gericht aussagen:

Spaniens Infantin

Cristina steht im

Verdacht, an der

Hinterziehung von

Steuern und Geldwäsche beteiligt gewesen zu sein“

Nachdem im Vorjahr auf Geheiß des Landgerichts auf Mallorca die Ermittlungen gegen die Infantin mangels ausreichender Anhaltspunkte vorläufig noch abgewendet werden konnten, sieht Untersuchungsrichter José Castro nach neuerlichen Erkenntnissen, zusammengefasst auf 227 Seiten, nunmehr genügend Anhaltspunkte für Straftaten.

Für den 8. Februar ist in Palma de Mallorca ein Gerichtstermin angesetzt, bei dem die Infantin als Beschuldigte aussagen wird. Überraschend war zunächst, dass Cristina dagegen nicht nur keine Rechtsmittel einlegte, sondern um Vorverlegung der ursprünglich für März anberaumten Vorladung bat, damit sie, so ihr Anwalt Miquel Roca, „so schnell wie möglich“ ihre Situation darlegen könne. Die 48-Jährige sei „von ihrer Unschuld überzeugt“, verlautbarte Roca, bei dem immer damit zu rechnen ist, dass er Nebelbomben jedweder Art wirft, um abzulenken, um die ohnehin verworrenen juristischen Wege weiter zu verkomplizieren. Dazu war schon zu hören, dass eine jährliche Steuerhinterziehung, die trickreich in einen fünfstelligen Bereich hin- abgerechnet wurde, eigentlich gar keine Straftat sei.

Worum geht es im Zusammenhang? Cristinas Mann Inaki Urdangarín, ein vormaliger Profi-Handballspieler, und dessen Partner Diego Torres sollen im ersten Jahrzehnt des Jahrtausends öffentliche Gelder in Millionenhöhe veruntreut und Steuern hinterzogen haben. Über eine widerrechtlich als gemeinnützig etikettierte Stiftung und dubiose Verschiebungen bis hin in außereuropäische Steuerparadiese, flossen die Einnahmen in die eigenen Taschen – doch in wessen Taschen genau? Nur in jene von Urdangarín und Torres, gegen die bereits Anklage erhoben worden ist? Oder auch in die der Infantin beziehungsweise über eine (Schein-)Gesellschaft namens Aizoon zumindest in die Familienkasse?

Cristina will von alledem nichts gewusst haben. Die über ihren Anwalt vorab hinausposaunte Überzeugung von ihrer Unschuld entlockt den Spaniern allenfalls ein müdes Lächeln. Bekannt ist seit langem, dass Aizoon zu jeweils 50 Prozent von Inaki Urdangarín und seiner Gemahlin Cristina geführt wurde, doch nicht nur das. Über Aizoon wurden auch private Posten in Größenordnungen von mehreren hunderttausend Euro abgerechnet: Strom-, Gas- und Telefonkosten des Familienpalastes Pedralbes in Barcelona, Gehälter von Hausangestellten, Flugtickets für Familienreisen, Restaurantbesuche, Uhren, Trinkgelder, Verkehrsstrafzettel, Downloads aus dem Internet.

Setzt man trotz alledem noch die Unschuldsvermutung voraus, bleibt unter diesen Vorzeichen zu bedenken, ob Mann und Frau, Eltern von vier Kindern, in der heutigen Zeit wirklich so entfremdet zusammenleben, dass sie sich nicht einmal über Kontobewegungen oder geschäftliche Belange ihrer eigenen Firma austauschen?

Anders herum gefragt: Für wie dumm lassen sich ein spanischer Richter und der Rest der Menschheit verkaufen? Sind wirklich alle Spanier gleich, wie es die Verfassung vorgibt? Oder ist eine Königstochter nicht vielleicht doch gleicher als andere? Reichen da ein royales Schulterzucken und ein naives Statement, man habe wirklich nichts gewusst?

„Nach gegenwärtigem Stand übersteigt es

die Fantasie der Spanier, dass ein Mitglied des

Königshauses, ob es nun

Cristina oder Inaki heißt, einmal hinter

schwedischen Gardinen landet“

Ungewiss ist, wie unvoreingenommen, unabhängig oder beeinflussbar ein Richter sein kann. José Castro weiß des Staates höchste Stelle, den König, gegen sich. Vor wenigen Tagen hat sich Ministerpräsident Mariano Rajoy von der konservativen Volkspartei in einem Interview zu Wort gemeldet und sich explizit auf die Seite der „unschuldigen“ Infantin geschlagen. Und auf juristischer Ebene weht Richter Castro der Wind des Staatsanwalts Pedro Horrach ins Gesicht, der – als wäre er selbst der Verteidiger – sich massiv gegen jedwede Beschuldigungen der Königstochter ausgesprochen hat.

Bei der Schuldfrage ist damit zu rechnen, dass letztlich alles, falls überhaupt, an Inaki Urdangarín hängenbleiben könnte. Er, der ohnehin seit geraumer Zeit quasi vom Hof verbannt und von vormaligen Repräsentationsauftritten entbunden worden ist. Er, den man auf der offiziellen Homepage des Königshauses (www.casareal.es) nur noch als Marginalie und Pflichtnennung findet. Er, der so tief und nachweislich in die Angelegenheit verstrickt ist, dass es kaum mehr Ausflüchte gibt. Aber würde es am Ende von einem oder mehrerer Prozesse, sofern es wirklich dazu käme, für irgend jemanden eine Strafe, vielleicht sogar eine angemessene Strafe geben?

Die Spanier sehen das mit Skepsis, wie ein Blick in virtuelle Foren, Diskussionsrunden und soziale Netzwerke zeigt. Nach gegenwärtigem Stand übersteigt es die Fantasie, dass ein Mitglied des spanischen Königshauses, ob es nun Cristina oder Inaki heißt, einmal hinter schwedischen Gardinen landet.

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