Die arme Kirche hat ein Gesicht

Begegnungen mit der sozialen Wirklichkeit Brasiliens. Von Anja Kordik
Foto: A. Kordik | Junge Mütter können auch ihre Kinder mit auf die Fazenda der Hoffnung bringen. Die Kinder erfahren dort liebevolle Zuwendung.
Foto: A. Kordik | Junge Mütter können auch ihre Kinder mit auf die Fazenda der Hoffnung bringen. Die Kinder erfahren dort liebevolle Zuwendung.

Wenn Papst Franziskus zum Weltjugendtag nach Rio de Janeiro kommt, wird er, seinem ausdrücklichen Wunsch folgend, eines der Armenviertel der Stadt besuchen: die Favela Varginha im Norden Rios, aufgrund der dort herrschenden Gewalt früher als „Gazastreifen“ bekannt. Seit die brasilianische Polizei hier wie in mehreren anderen Favelas eine ihrer sogenannten Befriedungstruppen stationiert hat, kehrt normaleres Leben ein. Papst Franziskus wünscht eine „arme Kirche“, eine Kirche an der Seite der Armen. Wenn er nach Varginha kommt, wird er auf dem Fußballballplatz zu den Menschen sprechen. Das Dach der Umkleidekabinen dient als Bühne.

Als sein Vorgänger Benedikt XVI. im Frühjahr 2007 zur Generalversammlung von Aparecida nach Brasilien kam, setzte auch er durch, dass eine direkte Begegnung mit der sozialen Wirklichkeit des Landes in sein Programm aufgenommen wurde. Er besuchte damals die Fazenda da Esperança („Fazenda der Hoffnung“) im südlichen Bundesstaat Sao Paulo. 1983 wurde sie von dem deutschen Franziskaner Hans Stapel als Projekt zur Rehabilitation von Drogensüchtigen ins Leben gerufen. Heute ist die Fazenda der Hoffnung zu einem weltweiten Netzwerk gewachsen.

Eine mit Schlaglöchern gepflasterte, kurvenreiche Straße führt hinauf nach Guaratinguetá, wo Bruder Hans seine Arbeit mit jungen Drogenabhängigen begann. Auf der Fazenda oberhalb des Ortes, mitten in den Bergen, ist ein grünes Paradies entstanden, mit kleinen Häusern, in denen die Rekuperanten in familienähnlichen Gruppen zusammenleben. Zum Projekt gehören auch verschiedene Werkstätten, unter anderem eine Schreinerei und eine kleine Getränkefabrik. Neben der täglichen Arbeit spielt auch das geistliche Leben eine wichtige Rolle: In der zeltartig gebauten Papst-Kapelle, die an den Besuch Benedikts XVI. erinnert, feiern die Fazenda-Bewohner jeden Mittwoch mit Bruder Hans eine Heilige Messe, die über einen überregionalen Fernsehsender landesweit übertragen wird. Es sind Menschen unterschiedlichen Alters, es sind verschiedenste Schicksale, die auf der „Fazenda der Hoffnung“ zusammenkommen, wie in Gesprächen mit den Bewohnern deutlich wird. Vom Überlebenskampf auf der Straße erzählen sie, von Erpressung durch Drogengangs, eigenem Hineingleiten in die Suchtfalle. Manche Bewohner sind ganz normal und engagiert einem Beruf, etwa in der Krankenpflege, nachgegangen, ehe persönliche und familiäre Probleme sie in die Sucht trieben. In der Regel bleiben die Rekuperanten ein Jahr auf der Fazenda, ehe sie soweit gefestigt sind, das sie in ihren Alltag zurückkehren können. Zum Teil bilden sie weiterhin soziale Netzwerke zur wechselseitigen Unterstützung.

Im Zentrum des riesigen Landes liegt Brasilia, die erste künstlich geschaffene Hauptstadt. Seit ihrer Gründung vor 53 Jahren ist die Stadt auf rund 2,5 Millionen Einwohner angewachsen. Brasilia – eine wohlhabende Stadt, eine Stadt der Regierungsbeamten und Banken, eine Stadt der Gegensätze: Denn abseits des Regierungsviertels mit seinen schimmernden Glasfassaden und extravaganten Gebäuden, Symbolen der Moderne, abseits auch der reichen Wohnviertel mit Gärten hinter Stacheldrahtzäunen, sind in den letzen Jahren zahlreiche Satellitenstädte entstanden. Und in diesen Randzonen, wo viele Zuwanderer aus anderen Landesteilen „stranden“, nehmen soziale Not und Gewalt zu. Inzwischen liegt Brasilia bei der Zahl von Gewaltdelikten mit Todesfolge im nationalen Ranking auf dem fünften Platz. Die Ortskirche in Brasilia, unterstützt von Priestern und Ordensleuten aus anderen Regionen, kümmert sich um die Zuwanderer in den Satellitenstädten. Der frühere Erzbischof von Brasilia, Dom Joao Bráz de Aviz, seit 2011 Kurienkardinal, nannte einmal die „Option für die Armen“ als Leitmotiv für die caritativ-soziale Arbeit der Kirche in Brasilia. So sind zum Beispiel viele Schulen und Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft in der Hauptstadt entstanden.

In der nördlichen Großstadt Fortaleza entstand vor einigen Jahren der „Condominio Espiritual“, der sogenannte „Geistliche Wohnkomplex“. Die Familie eines reichen Großgrundbesitzers hatte ein damals brachliegendes Gelände der Diözese als Schenkung übergeben, und diese stellte es für soziale Projekte zur Verfügung. Auf dem weitläufigen Areal haben sich geistliche Gemeinschaften aus Fortaleza angesiedelt und verschiedenste Initiativen ins Leben gerufen: Es gibt eine Tagesstätte, in der Kinder aus ärmeren Familien der Umgebung betreut werden: Sie haben außerdem draußen viel Platz zum Laufen und Klettern, werden aber von den ehrenamtlich tätigen Erzieherinnen liebevoll „in Schach“ gehalten. Besucher werden mit Singen und Tanz begrüßt. Sehr lebendig ist auch das „Kinderhaus“ einige Meter weiter; dessen Tür steht dort offen für Kinder und Jugendliche, die direkt von der Straße kommen.

Der „Condominio“ bietet auch ein Spiegelbild gesellschaftlicher Probleme in Brasilien, vor allem der fast allgegenwärtigen Gewalterfahrung: So werden Mädchen, die in ihren Familien Missbrauch erfahren haben, in einem Haus eigens von ausgebildeten Pädagogen betreut. Hier finden sie in einer ruhigen, freundlichen Umgebung einen Schutzraum, um das Erlebte auch mit therapeutischer Unterstützung zu verarbeiten.

Einige Häuser weiter hat sich seit 2004 das Projekt „O Caminho“ („Der Weg“) angesiedelt. Ziel dieser Initiative ist es, straffällig gewordene Jugendliche auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft zu begleiten. Dabei arbeiten die Mitarbeiter schon im Vorfeld mit der örtlichen Gefängnisseelsorge zusammen, zum Teil auch mit Justiz und Polizei. Denn einige Jugendliche, die meist auf der Straße gelebt haben, werden auch nach ihrer Zeit im Gefängnis von Drogenchefs oder korrupten Polizeibeamten erpresst, um etwa als Drogenkuriere tätig zu sein. Da schalten die Mitarbeiter von „O Caminho“ auch mal mit Unterstützung der Diözese einen Anwalt ein. Zudem werden die Jugendlichen angeleitet, gemeinsam kleine Wirtschaftsinitiativen aufzubauen, im Sinne einer „Ökonomie der Solidarität“.

So sind in der Kirche Brasiliens gerade an der Basis auf den unterschiedlichsten Feldern soziale Initiativen entstanden, die Hoffnung für die Zukunft vermitteln. Die katholische Kirche des Landes will in die Gesellschaft hineinwirken. So entwickelte die Brasilianische Bischofskonferenz anlässlich der letzten Präsidentschaftswahlen im Oktober 2010 einen Leitfaden zur politischen Ethik, in dem sie vor allem die Korruption anklagte und mehr politisch-gesellschaftliche Transparenz forderte – zwei Themen, welche auch die aktuelle Protestbewegung in den Vordergrund stellt. Kirche und Zivilgesellschaft in Brasilien gehen immer mehr ein Bündnis ein, wenn es darum geht, die Lebensbedingungen im Land positiv zu verändern.

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