Der Mann und seine Krawatte

Das umstrittenste Textil der Zivilisation verliert seine Fans

Von Bernhard Huber

Der Mann ist von Natur aus bescheiden. In einer Zeit, als Reklamesprüche noch gewirkt haben, brauchte er lediglich drei Dinge: Feuer, Pfeife sowie eine eindringlich beworbene Tabaksorte. Nachdem heute, von Helmut Schmidt abgesehen, in der Öffentlichkeit nicht mehr geraucht wird, haben sich die männlichen Ansprüche an das Leben noch einmal auf ein nahezu existenzbedrohendes Maß reduziert. Sogar um die Krawatte muss man sich sorgen. Dabei steht gerade sie nach der Lehre von Dresscode-Beratern in einer untrennbaren Verbindung zum korrekten Auftreten eines Mannes. Seit jeher ist die Krawatte das umstrittenste Textil der Zivilisation. Das beweist schon die Tatsache, dass man gar nicht recht weiß, wozu dieses um den Hals geschlungene Stück Stoff überhaupt gut sein soll. Weder wärmt sie noch schützt sie vor Sonne und Regen. Im besten Falle schmückt sie.

Aber vielleicht kann sie sich eben deshalb eigener Fanclubs rühmen. Doch ach! In New York hat sich nun kürzlich die Men's Dress Furnishing Association selbst aufgelöst, nachdem sie 60 Jahre lang ihre Existenzberechtigung allein aus der Krawatte bezogen hatte. Das nicht etwa, weil ihre Ziele erreicht worden wären und sich der Verband deshalb überflüssig gemacht hätte. Der Grund für das Ende war der Schwund engagierter Mitglieder, die dem krawattenfeindlichen Zeitgeist noch ihre Stirn bieten wollten. Man weiß ja, dass heute von den Gewerkschaften bis zu den Parteien so ziemlich alles schwindet, was Mitglieder hat. Aber deshalb löst man sich nicht gleich auf. Vermutlich sind die Herren im Wall Street-Amerika zu sehr damit beschäftigt, ihre Gürtel enger zu schnallen, so dass sie auf die Frage, ob sie sich auch noch den Hals mit dem einfachen oder mit dem doppelten Windsorknoten zuschnüren sollen, keine Energie verschwenden wollen.

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