Der Gegner wird zum Schutzherren

Ernst-Wolfgang Böckenförde hat den deutschen Katholiken die Chancen des liberalen Staates erklärt. Sie haben sie nur zum Teil erkannt. Von Sebastian Sasse

Wann immer in Deutschland über das Verhältnis zwischen Kirche und Staat diskutiert wird, fällt sein Name. Ernst-Wolfgang Böckenförde, der am Sonntag im Alter von 88 Jahren gestorben ist, war nicht nur ein bedeutender Staatsrechtslehrer, der langjährige Bundesverfassungsrichter war auch der wahrscheinlich meistzitierte Wissenschaftler Deutschlands. Seit gut fünf Jahrzehnten gibt es keine Rede, keine Vorlesung, keine Debattenrunde zu dem Thema, ohne dass nicht das „Böckenförde-Diktum“ erwähnt wird. Es lautet: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann.“

Freilich der Erfolg hat auch seine Schattenseite: Der Satz ist immer mehr zum Baustein für Sonntagsreden von Politikern, zur Phrase geworden. Heute wird er gerne als Beleg angeführt, wenn der Status quo im Verhältnis zwischen Kirche und Staat verteidigt wird. Die ursprüngliche Stoßrichtung war aber gänzlich anders. Als Böckenförde 1967 diesen Satz in einem Aufsatz über die Verweltlichung des Staates und dessen Emanzipation von der Religion am Vorabend des Zweiten Vatikanums schreibt, geht es um Aufbruch. Der Satz hat nämlich zwei Ebenen: eine analytische, sie richtet sich an die ganze Öffentlichkeit, und eine appellative, der Adressat: die deutschen Katholiken. Die analytische Ansatz: Der freiheitliche Staat, die Bundesrepublik, ist kein totalitärer Staat. Denn der hat einen weltanschaulichen Überbau und zwingt diesen allen seinen Bürgern als Leitideologie auf. Der freiheitliche Staat hingegen ist weltanschaulich neutral. Freilich ist auch er darauf angewiesen, dass seine Bürger sich für das Gemeinwohl einsetzen. Dieser Einsatz lässt sich aber nicht von oben befehlen, der Motor für so eine aktive Staatsbürgerschaft liegt vielmehr in den eigenen weltanschaulichen Überzeugungen der Menschen, seien sie nun religiöser oder anderer Art. Daher schafft der Staat einen Freiraum, in der die Bürger eben genau gemäß dieser unterschiedlichen Prägungen frei agieren können. Der Appell des Katholiken Böckenförde an seine Glaubensgeschwister: Erkennt die Chance. Der alte Gegner aus dem Kulturkampf, der Liberalismus, ist plötzlich zu eurem Schutzherrn geworden. Ihr müsst nur diesen Freiraum, den er euch zusagt, auch in Besitz nehmen, vor allem: ihn ausfüllen.

Die breite Öffentlichkeit hat Böckenförde eher verstanden, die deutschen Katholiken eher nicht. Es wird immer stärker erkannt, welche Leistung darin liegt, den liberalen Staat mit einer anthropologischen Grundeinsicht zu versöhnen, die ihm eigentlich entgegensteht: Die staatliche Ordnung ist nur dann stabil, wenn sie sich im „Ausnahmezustand“ bewährt. Nur der Staatsbürger, der auch in der Krise loyal ist, ist wirklich loyal. So eine Loyalität wurzelt aber letztlich in vorrationalen Prägungen, eben in Weltanschauung oder Religion. Das wusste Böckenförde als Schüler Carl Schmitts. Aber anders als sein Lehrer versöhnt er diese Einsicht mit dem Liberalismus.

Der freiheitliche Staat entpuppt sich nicht als die befürchtete Gesinnungsdiktatur, die diese vorrationalen Prägungen wegerziehen will, er gibt diesen vielmehr Freiraum zur Entfaltung und macht sie so zu Stützpfeilern seiner eigenen Existenz. Ganz anders Böckenfördes innerkirchliche Wirkung: ein Missverständnis. Anstatt den Freiraum der staatlichen Demokratie zu nutzen, begannen die Katholiken, ihre Kirche zu demokratisieren. Und schliffen so genau jene Kanten ab, die das nötige Profil geben, um sich in diesem Freiraum zu positionieren. Hier zeigt sich eine spannende Parallele Böckenfördes zum Generationsgenossen Joseph Ratzinger: Die Verweltlichung des Staates und die Entweltlichung der Kirche sind parallel verlaufende Prozesse. Wer demnächst wieder Böckenförde zitieren will, sollte vorher Benedikts XVI. Freiburger Rede lesen.

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