Der Gastkommentar: Prüfstein Pauluskirche

Es war ein Fest der Integration – und eine Sternstunde des Glaubens, als vor gut einer Woche die Eröffnung der größten deutschen Moschee in Duisburg-Marxloh feierlich begangen wurde. Sternstunde, weil von dem Ereignis ein Signal ausgegangen ist – weit über Duisburg hinaus. Ein Signal, das Muslimen in Deutschland zeigt: Ihr habt ein Recht darauf, euren Glauben in Würde zu leben – nicht im Hinterhof, sondern in Gotteshäusern, die erahnen lassen, welch großes Geschenk der Glaube für viele ist. Muslimen geht es da nicht anders als Christen. Insofern überrascht es, dass auch von Christen Stimmen zu hören sind, die im Bau repräsentativer Moscheen etwas Bedrohendes sehen. Das Gegenteil ist der Fall. Wer die Muslime in ihrem Wunsch nach würdigen Gebetsstätten unterstützt, stärkt eine zentrale Errungenschaft unserer abendländischen Kultur, nämlich das Recht auf freie Religionsausübung. Das sehen auch die deutschen Bischöfe so, die die Muslime in ihrem Streben nach würdigen Gotteshäusern bestärken.

Das Gebiet der heutigen Türkei ist ein Ort uralter christlicher Traditionen, aber dort ist ein solcher Perspektivenwechsel bislang weitgehend ausgeblieben. Das ist ein nur schwer begreiflicher Anachronismus für ein Land, das in die EU strebt, also in eine auf jüdisch-christlichem Fundament stehende Staatengemeinschaft. Was für die Muslime bei uns gilt, muss endlich auch für die Christen in der Türkei gelten! Nach Jahrhunderten der Verfolgung sind es gerade noch 125 000 Menschen. Zu den schmerzhaftesten Zeichen der Ausgrenzung heute gehört, dass Ankara die Genehmigung für den Bau eines Pilgerzentrums in Tarsus verweigert, der Geburtsstadt des Völkerapostels Paulus. Doch auch anderswo werden Christen, die eine Kirche bauen wollen, Steine in den Weg gelegt. So konnte der katholische deutsche Pfarrer von Antalya, Rainer Korten, zwar eine Kirche in Antalya einrichten, musste aber versichern, dass dort auf Missionstätigkeit verzichtet würde. Wenn Multikulturalismus, wenn kulturelle und religiöse Vielfalt ein Reichtum sind, so wie dies in den Reden in Marxloh immer wieder beschworen wurde, dann fragt man sich: Warum verweigert sich die Türkei diesem Reichtum?

Es geht nicht darum, so etwas wie Gegenleistung für Marxloh zu fordern. Es geht um gleiche Standards und um konkrete Schritte der Menschlichkeit. Sie würden im Übrigen auch zeigen, dass Ankara bereit ist, die Wirklichkeit mit dem Anspruch der türkischen Verfassung in Einklang zu bringen. Dort heißt es in Artikel 24: „Jedermann genießt die Freiheit des Gewissens, der religiösen Anschauung und Überzeugung.“ Manches deutet darauf hin, dass der Geist der Verfassung in der Türkei künftig ernster genommen wird. Der Präsident des Amtes für religiöse Angelegenheiten der Türkei, Ali Bardakoglu, versicherte mir am Rande der Moschee-Eröffnung in Marxloh, dass er dem Tarsus-Projekt positiv gegenübersteht. Ein Signal, das hoffnungsfroh stimmt.

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