Der Gastkommentar: Gesamtdeutsch aufarbeiten

In der DDR gab es 474 staatliche Kinderheime, 38 Spezialkinderheime, 32 Jugendwerkhöfe und den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Hierin wurden einerseits Kinder eingewiesen, die als verhaltensauffällig oder schwer erziehbar galten, andererseits aber auch nur Auseinandersetzungen mit den Jugendhilfeorganen hatten, politisch missliebig waren oder deren Eltern wegen sogenannter „Republikflucht“ inhaftiert waren. Straffällig geworden waren diese Jugendlichen nicht. Insbesondere der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau war berüchtigt für seine Brutalität: Wenn Jugendliche nicht „spurten“, kamen sie tagelang in Dunkelzellen. Putzen und Sport bis zur Erschöpfung, Arrest und Demütigungen waren tägliches Programm. Die Individualität der Jugendlichen sollte gebrochen werden und sie sollten sich den „sozialistischen Lebensnormen“ unterordnen. Das Erziehungssystem setzte nicht auf Einsicht, sondern auf Zwang. Bisher liegen der Gedenkstätte in Torgau und mir als Bundestagsabgeordnetem der Region über 55 Einzelfälle vor, in denen Opfer sexuelle Misshandlungen bis hin zu Vergewaltigungen in Torgau und anderen Jugendwerkhöfen und Kinderheimen der DDR schildern. All diese Fakten veranlassten mich und die Gedenkstätte in Torgau, die Berufung eines Opfervertreters für die missbrauchten Jugendliche in der DDR zu fordern. Drei wesentliche Punkte sind unterschiedlich zu den westdeutschen Fällen: Erstens waren die Missbrauchsfälle in der ehemaligen DDR, insbesondere im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau, mindestens so schwerwiegend wie im Westen, wahrscheinlich sogar schwerer. Zweitens waren es keine Entgleisungen im Einzelfall, sondern beruhten auf einem Erziehungssystem der systematischen Brechung der Individualität des Insassen. Drittens stand den Missbrauchsopfern in der ehemaligen DDR nicht einmal theoretisch der Weg offen, sich an Polizei, Gerichte, Medien oder dergleichen zu wenden, um der sexuellen Gewalt ein Ende zu bereiten! Meines Erachtens müssen wir den sexuellen Missbrauch gesamtdeutsch aufarbeiten, und es darf keine Opfer erster und zweiter Klasse, beziehungsweise vergessene Opfer in der ehemaligen DDR geben. Auch monokausale Erklärungen des Kindesmissbrauchs, etwa mit dem Zölibat, werden der gesamtdeutschen Wirklichkeit nicht gerecht. Umso erstaunter bin ich bis heute, dass die Bitte nach einem Opfervertreter am Runden Tisch von der Bundesfamilienministerin abgelehnt wird.

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16.09.2021, 13 Uhr
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