Der Gastkommentar: Die Verklärung der DDR entlarven

Zwanzig Jahre ist es her, dass die innerdeutsche Mauer fiel und die Grenzen sich öffneten. Was waren das für Tage und Wochen im Herbst 1989! Ich empfand damals wie viele andere: Hier ist weder Berechenbares noch rein Zufälliges geschehen. Hier war nicht nur das Maß voll und die Zeit reif. Hier sind auch nicht allein Menschen am Werk gewesen. Gott selbst hat hier ein Zeichen gesetzt, hat Menschen – mit den Worten des Psalms 66 – „in die Freiheit hinausgeführt“.

Es gilt, ihm von Herzen dafür zu danken. Wir müssen aber auch die Erinnerung an die vielen wach halten, die mit dazu beigetragen haben, dass ein Unrechtssystem gewaltlos zu Fall kam, dass die Einheit unseres Landes wieder hergestellt werden konnte und Europa heute tatsächlich befriedeter denn je in Erscheinung tritt. Ich denke da besonders an die mutigen Bürgerrechtler und die friedlichen Demonstranten, aber ebenso an etliche Männer der Kirche und an Politiker, die prophetisch und entschieden gehandelt haben. Von großem Einfluss auf die Vorgänge im Herbst 1989 war zweifellos Papst Johannes Paul II., der aus seiner Kritik am Kommunismus nie einen Hehl gemacht hat.

Aufgerüttelt hat mich, was Freya Klier, Mitglied der damaligen kirchlichen Oppositionsbewegung, jüngst in einem Artikel der „Zeitschrift für Kultur, Politik und Geschichte (MUT) schrieb: „Von Jahr zu Jahr werden die Farben, mit denen die DDR gemalt wird, bunter, erscheint das Land, aus dem Millionen von Menschen in oft tiefer Verzweiflung flohen, wieder ein Stück wärmer, menschlicher.“ Zwanzig Jahre nach der Wende gilt es, solche Verklärung zu entlarven und die Erinnerung an das Unrechtsregime in der DDR wachzuhalten, das Menschen systematisch bespitzelt, eingemauert und Andersdenkende eingesperrt und gefoltert hat. Schon das Volk Israel, das Gott in die Freiheit geführt hatte, murrte bei der langen Wüstenwanderung und sehnte sich absurderweise nach den „Fleischtöpfen Ägyptens“ zurück, obwohl es dort geknechtet und geschlagen worden war. Freiheit ist ein ebenso kostbares wie anspruchsvolles Gut. Als Christen müssen wir immer wieder darauf hinweisen, dass es keine Freiheit ohne Bindung und Begrenzung geben kann. Diese Wahrheit ans Licht zu bringen und umzusetzen, ist lebensnotwendig in den neuen wie den alten Bundesländern. Wir müssen Gesicht zeigen gegen alle Kräfte, die mit billigen Parolen und auf menschenverachtende Weise ihre extremen Vorstellungen durchsetzen wollen.

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