„Der Exodus arabischer Christen hält an“

Franziskaner-Kustos Gianbattista Pizzaballa über die Auswirkungen des Pilger-Booms im Heiligen Land und die Lage der Kirche

Das Heilige Land erlebt derzeit einen Pilgerboom; manchem scheinen es sogar schon zu viele. Profitieren die einheimischen Christen von diesem Aufschwung?

Wirtschaftlich ganz sicher. Denn alle, die im Pilgersektor und im religiösen Tourismus arbeiten – darunter viele Christen – verdienen jetzt gut. In geistlicher Hinsicht trifft das nicht direkt zu. Pilger haben ihren eigenen Tagesablauf – und die Ortskirchen auch. Indirekt bestärkt es freilich die winzige christliche Minderheit zu sehen, dass Millionen Mitchristen aus aller Welt kommen, dass sie zu einer weltweiten Gemeinschaft gehören. Zudem zeichnet sich bei Pilgerreisen ein neuer Trend ab. Viele Gruppen aus Diözesen und Pfarreien wollen die Ortskirche treffen. Sie gehen in Nazareth oder Bethlehem und auch in Jerusalem zu Messen in die Gemeinden, an die sich Begegnungen anschließen.

Der Pilgerboom sprengt die Kapazitäten der Heiligen Stätten. In der Grabeskirche herrscht mitunter Chaos. Was tun Sie?

Das ist ein sehr sensibles Thema. Die Grabeskirche ähnelt in der Tat zu bestimmten Tagesstunden einem Markt und keiner Kultstätte. Das Problem ist erkannt und allen bewusst. Aber Organisation ist im Nahen Osten praktisch ein Fluch; es ist schwierig, etwas Konkretes zu organisieren. An manchen unserer Heiligen Stätten gibt es bereits Vorkehrungen. Aber in der Grabeskirche wird man dafür angesichts der komplizierten Zuständigkeiten mehrerer Kirchen noch Zeit brauchen.

Es gibt in Jerusalem einen neuen Lateinischen Patriarchen und einen neuen melkitischen Oberhirten. Neue Führungspersonen: Wird das die Kirche im Heiligen Land verändern?

Im Nahen Osten ändert sich alles, weil sich nichts ändert. Aber jeder Kirchenführer kommt mit seiner eigenen Persönlichkeit und seinem Stil, da dürften sich auch neue Elemente finden. Freilich lässt der Sockel, auf dem die Kirche sich bewegt – die Tradition – keine außerordentlichen Veränderungen erwarten. Ich glaube auch nicht, dass sie notwendig sind. Aber natürlich erwartet man sich das ein oder andere Neue.

Hält der Exodus der arabischen Christen trotz der derzeitigen Veränderungen an?

Aus dem Bereich der Palästinensischen Autonomieverwaltung hält der Exodus an, mal mehr, mal weniger stark. Sicher kann man etwas unternehmen, aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Die Abwanderung hat viele Ursachen, allem voran den politischen Konflikt und daraus folgend die wirtschaftliche und soziale Unsicherheit. Dieses Problem können nicht wir lösen. Die Kirche kann nicht allen Arbeit und Wohnungen geben. Wir arbeiten stark im Bildungsbereich, für die Bewusstseins- und Gewissensbildung. Das ist die Mission der Kirche.

Der Papst hat das Paulusjahr ausgerufen. Was passiert dazu im Heiligen Land?

Die Ordinarienkonferenz hat eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Erzbischof Elias Chacour aus Haifa beauftragt, Aktivitäten zum Paulus-Jahr zu organisieren. Die Franziskaner-Kustodie plant eine Reihe von Veranstaltungen, weitgehend in Syrien. Wir haben bereits eine neue Kapelle bei Damaskus an der Stelle eingeweiht, an der die Tradition seine Bekehrung lokalisiert. Zudem planen wir für Januar eine große Konferenz in Damaskus über die Gestalt des Paulus – auf Arabisch, denn viele Konferenzen werden in westlichen Sprachen organisiert.

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