Demokratie für Anfänger

Parlamentarismus live kann unterhaltend und bildend sein

Von Stephan Baier

Wie so oft in ihrer ruhmreichen Geschichte hat auch in diesen Tagen die tschechische Politik Maßstäbe gesetzt, von der sich andere inspirieren lassen können. Bereits im Vorfeld der ersten Versuche, im Parlament einen neuen – oder doch wieder den alten – Staatspräsidenten zu wählen, gab es so viele Korruptionsvorwürfe, dass ihre Aufzählung den Rahmen dieser Glosse sprengen würde.

Dass ausgerechnet die Kommunisten nun offen darum werben, man möge ihre wahlentscheidenden Stimmen kaufen, zeigt, dass sie die von Präsident Vaclav Klaus dozierte freie Marktwirtschaft endlich kapiert haben.

Als letztlich eine von 140 nötigen Stimmen fehlte, mag sich Klaus' Parteifreund und Regierungschef Mirek Topolanek wie in einem Roman von Kafka gefühlt haben, doch mangelte es ihm leider an dessen Sprachniveau. „Geht alle in den A...!“, entfuhr es dem Ministerpräsidenten, der leider vergessen hatte, dass dank der eingeschalteten Mikrophone die Nation mithörte. Was können wir daraus doch alles lernen!

Erstens: Marktwirtschaft löst nicht jedes Problem. Wo jeder jeden zur Wahlkapitulation einlädt, wird die Gefechtslage unübersichtlich. Korruption wirkt nur, wo nicht alle ganz korrupt sind. Zweitens: Demokratische Vorgänge gewinnen an Schlagzeilen, aber nicht zwingend an Ansehen, wenn sie im Fernsehen übertragen werden. Die Menschen lieben das Geheimnis. Einmal laut „extra omnes!“, und zu die Tür! Das hat sich bewährt. Drittens: Wer seinen Kandidaten durchbringen will, sollte diplomatisch „Aber meine Herren, ich muss doch bitten!“ näseln können, auch wenn er die Wahlberechtigten gerne ... siehe oben. Kann er das nicht, sollte er zumindest das Mikro ausschalten. Die Prager Präsidentenwahl wird am kommenden Freitag fortgesetzt. Das wird sicher wieder lehrreich.

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