Das Fell des libyschen Bären

Italien im Krieg – und niemand hat es gewollt. Von Guido Horst
Foto: dpa | Flüchtlingsströme und Libyen-Krieg lassen in Italien die Nerven blank liegen.
Foto: dpa | Flüchtlingsströme und Libyen-Krieg lassen in Italien die Nerven blank liegen.

Mit einer Mehrheit von Stimmen aus dem Lager der Regierung und dem der Opposition haben am Mittwoch und Donnerstag beide Kammern des italienischen Parlaments – Senat und Abgeordnetenhaus – der Mitwirkung der eigenen Streitkräfte am Libyen-Einsatz der NATO zugestimmt. Aber Brüll-Attacken und ein Außenminister, der fluchtartig die Parlamentsaula verließ, zeigten an, dass im politischen Rom alles andere als Einigkeit besteht. Die Nerven liegen blank. Die große Angst der Italiener ist die, dass sich „die Anderen“ – allen voran Frankreich unter der Führung des umtriebigen Präsidenten Nicolas Sarkozy – die Vorkommen an Erdöl und Erdgas in Libyen neu aufteilen, während nach Italien keine Energieströme mehr, sondern nur noch Flüchtlingsströme fließen. „Den anderen das Öl, uns die Einwanderer“ titelte am Mittwoch die Zeitung „Il Giornale“ und brachte damit die Stimmung im Lande auf den Punkt.

Neben dem Bürgerkrieg in Libyen spielt sich in Europa ein diplomatischer Krieg innerhalb der Koalition ab, die dem Diktator Gaddafi den Kampf angesagt hat. Und Italien muss mitspielen, wenn es am Ende dabei sein will, wenn das Fell des Bären zu verteilen ist. Doch ob es je dazu kommt, ist offen. Gaddafi hält sich in seinem Bunker und die Nachrichten von den verschiedenen Schauplätzen des Bürgerkriegs sind widersprüchlich. Das ist der erste Grund, warum in Italien die Nerven blank liegen. Wie will man einen Krieg gewinnen, wenn man keine Bodentruppen in das Kriegsgebiet entsendet? Schon mehren sich die Stimmen, die eine Ausweitung der Kampfhandlungen erwarten. Dann wäre Italien – neben Afghanistan – in ein weiteres militärisches Abenteuer verwickelt. Und die Zahl der Särge mit toten Soldaten, die auf italienischen Flughäfen in Empfang zu nehmen sind, würde nochmals steigen.

Doch es geht um mehr. Den Italienern und im Ausland ist nur die bunt-barocke und teilweise zirkushafte Fassade bekannt, mit der sich die libysch-italienische Freundschaft bisher präsentierte: Gaddafi in seinem Wüstenzelt in römischen Parks, die Reiter aus der Wüste mit ihren Berber-Pferden vereint mit italienischen Carabinieri, der Kuss Berlusconis auf die Hand des Diktators, dessen Schutztruppe aus weiblichen Amazonen, die Vorträge Gaddafis über den Koran, die er in Rom vor ausgewählten jungen Damen hielt. Aber hinter dieser Fassade wurden kräftig Geschäfte gemacht. Der libysche Diktator war beim Autobauer Fiat in Turin genauso beteiligt wie bei der UniCredit, der größten Bank Italiens. Umgekehrt sitzen italienische Firmen in Libyen. Vom Energieriesen Eni bis zu mittelständischen Unternehmen. Das alles ist ins Wanken geraten. Mit Gaddafi wird man sich nie mehr an einen Tisch setzen können. Das hat der Libyer in wütenden Tiraden gegen das „verräterische Italien“ deutlich gemacht. Was aber kommt nach Gaddafi? Wenn Italien auch nur einen Teil der Geschäftsbeziehungen retten will, die es bisher mit der ehemaligen Kolonie in Nordafrika verbanden, muss es nun mit in den Krieg ziehen, ob es will oder nicht.

Der dritte Grund, warum in Italien die Nerven blank liegen: In Lampedusa treffen immer mehr Bootsflüchtlinge ein. In der vergangenen Woche hatte ihre Zahl die der einheimischen Bevölkerung kurzfristig überflügelt. Die italienische Marine schickte ein Kriegsschiff, um einen Teil der Gelandeten auf die Insel Sizilien zu transportieren, wo man ein weiteres Aufnahmelager eröffnet hat. Dort angekommen, stießen Carabinieri und italienisches Militär, die den Flüchtlingstransport begleiteten, auf eine Menschenkette von Bürgermeistern der Umgebung, die die Verlegung der Flüchtlinge in ihre Region verhindern wollten. Auch in Lampedusa hatten die Inselbewohner aufbegehrt. Noch bewegen sich die Zahlen im vierstelligen Bereich. Was aber geschieht, wenn nicht nur Tunesier, sondern auch Libyer, Schwarzafrikaner, Ägypter, Flüchtlinge aus anderen arabischen Ländern den Sprung über das Mittelmeer nach Italien wagen? Als die Unruhen in Algerien und Libyen begannen, hat Italien ein Lager für fünfzigtausend Flüchtlinge in Tunesien errichten lassen. Jetzt zeigt sich, dass damit nichts auszurichten ist, wenn der Druck auf die Bevölkerung in Nordafrika steigt.

Die Opposition im italienischen Parlament schäumte vor Wut, als sich Regierungschef Berlusconi bei der Libyen-Debatte weder im Senat noch in der Abgeordnetenkammer blicken ließ. Man vermisst politische Führung und eine starke Hand, die die Krise meistern könnte. Berlusconi trauert seinem Freund Gaddafi nach und rechnet mit einem Blutbad in Libyen. Beim letzten Besuch des Wüstendiktators hätte sich in Rom niemand gedacht, dass die Achse Rom – Tripolis nun in Blut und Bombenhagel untergeht. Ohne dass auch nur ein einziger Politiker Italiens sagen könnte, was in und von Libyen noch übrig bleiben wird, wenn der Bürgerkrieg beendet ist, sieht man sich jetzt gezwungen, mitzuziehen in einen Krieg, den niemand im Stiefelstaat wollte. In Mailand halten Unternehmer und Vertreter der italienischen Banken Notstandssitzungen ab, um zu beraten, was man von den Geschäftsbeziehungen mit Libyen retten kann. In den italienischen Kasernen dagegen rüsten sich die Soldaten für den Kampfeinsatz – zunächst noch per Luft. Aber wer weiß, was da noch alles kommen wird.

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