Christus hat den Tod besiegt

Inmitten von Krieg und Verfolgung bedeutet Ostern die frohe Botschaft des Lebens für alle Menschen – „Wir sind Kinder der Auferstehung“. Von Patriarch Gregor III. Laham
Foto: Archiv | Wie die beiden Jünger von Emmaus bittet Patriarch Gregor III. Laham in seinem Osterbeitrag für die „Tagespost“: Herr komme zu uns und bleibe bei uns – daheim, in unseren Häusern, unseren Vierteln, ...
Foto: Archiv | Wie die beiden Jünger von Emmaus bittet Patriarch Gregor III. Laham in seinem Osterbeitrag für die „Tagespost“: Herr komme zu uns und bleibe bei uns – daheim, in unseren Häusern, unseren Vierteln, ...

Wir Christen sind Überbringer der wirklich lichtvollen Botschaft der Auferstehung und des Lebens, der Hoffnung und der Freude im Herzen eines jeden Menschen. Möge das Fest der Auferstehung in diesem Jahr, dem fünften von Krieg und Elend, ein Fest der Freude für alle Kinder unseres leidenden Nahen Ostens sein!

Wir haben vierzig oder sogar fünfzig Tage gefastet und gebetet, dass Gott unsere Länder, vor allem Syrien und den Irak, von dem bösen Geist befreien möge, der nur durch Gebet und Fasten vertrieben werden kann.

„Gott ist der Herr und ist uns erschienen.“ Lasst uns dieses Fest feiern und Christus, der von den Toten auferstanden ist, voller Freude empfangen. Wie die beiden Jünger von Emmaus rufen wir ihn dazu auf, zu uns zu kommen und bei uns zu bleiben – daheim, in unseren Häusern, unseren Vierteln, unseren Herzen, unseren Institutionen –, indem wir wie sie sagen: „Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt“ (Lk 24,29).

Wir werden unsererseits – wie die beiden Jünger auf der Straße nach Emmaus, Lukas und Kleopas – Überbringer der Botschaft der Freude und verkünden den anderen Menschen unsere geistliche Erfahrung, unsere Erfahrung des Glaubens. So fühlen wir wirklich die Freude der Auferstehung und spüren, dass Jesus uns in dieser Tragödie begleitet und vor vielen Gefahren errettet hat.

Viele unserer Gemeindemitglieder und viele andere Bürger sind als Märtyrer gefallen und Opfer des grausamen Krieges geworden. Wir würden gerne vor allem drei Ereignisse erwähnen, die unsere Gefühle wirklich erschüttert und unsere Moral zerstört haben, die Furcht in unseren Herzen haben aufsteigen lassen und viele von uns aus Angst veranlasst haben, zu emigrieren, weil es hier keine Sicherheit gibt.

Erstens: Unsere Brüder und Schwestern in Mossul und der Ninive-Ebene sind vertrieben worden. Zweitens: Der „Islamische Staat“ (IS) hat einundzwanzig Kopten, die ägyptische Bürger waren, niedergemetzelt. Und drittens: Viele unserer assyrischen Brüder und Schwestern, Söhne und Töchter von fünfunddreißig Dörfern am Fluss Chabur in Nordsyrien, sind vertrieben, entführt und getötet worden. Wir entbieten allen, die leiden, unser von Herzen kommendes Beileid. Wir werden immer auf unseren Herrn und Erlöser Jesus Christus vertrauen, der von den Toten auferstanden ist und den Tod besiegt hat.

Lasst uns nicht vergessen, dass wir Kinder der Auferstehung sind. Lasst uns auch nicht vergessen, dass Damaskus und die umliegende Region, wo so viele Kämpfe stattgefunden haben, der Ort ist, an dem Jesus, nachdem er von den Toten auferstanden war, dem Verfolger Saulus erschienen ist, der mit der Absicht nach Damaskus unterwegs war, die neue Kirche zu zerstören, die dort entstanden war. Er war auf der Straße nach Damaskus unterwegs, um zu töten, zu metzeln, zu entführen und Gefangene zu machen, als er Christus, der von den Toten auferstanden war, selbst sah. – Er erschien ihm und sagte: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ (Apg 9,4).

Am Tag des glorreichen Pascha – dem Übergang vom Tod zum Leben, von der Knechtschaft zur Freiheit, von der Unwürdigkeit zur Würde, vom Krieg zum Frieden – verkünden wir aus Damaskus mit allen Mitteln, die unseren Kirchen und Gemeinden zur Verfügung stehen, diesen Ruf des Sieges und des Lebens: „Christus ist auferstanden!“.

Aus den leidenden Ländern im Nahen Osten, aus Syrien, Irak, dem Libanon, Palästina und vor allem aus Jerusalem, der Stadt der Auferstehung, richten wir diesen Aufruf an die ganze Welt. Statt sich den verschiedenen Takfiri- und Dschihad-Gruppen sowie anderen mordenden, terroristischen, zerstörerischen Gruppierungen anzuschließen, sagen wir: „Schließt euch den zweihunderttausend Christen an, die das Fest der Auferstehung und des Lebens, der Liebe, der Solidarität, der Vergebung, der Versöhnung, der Freude und der universalen Brüderlichkeit feiern.“

Ein Oster-Aufruf aus den leidenden Ländern in Nahost

Wir richten diesen Aufruf vor allem an alle, die sich unter die Fahnen dieser Organisationen einschreiben, und sagen ihnen, sie sollen sich uns anschließen, den Söhnen und Töchtern der Auferstehung. Wir sagen ihnen: „Wir möchten, dass auch Ihr an der Freude des Festes teilhabt. Wir lieben euch!“ Mit den Worten des Osterhymnus der Kirche: „Dies ist der Tag der Auferstehung! Lasst uns um dieses Festes willen Freude verbreiten und uns einander umarmen. Lasst uns auch die ,Brüder‘ nennen, die uns hassen. Lasst uns um der Auferstehung willen alles vergeben und so rufen: Christus ist auferstanden von den Toten, im Tode hat er den Tod zertreten, und den Toten in den Gräbern das Leben geschenkt!“

Der Aufruf zur Versöhnung bedeutet, einander zu umarmen und den Streit beizulegen. Seit dem ersten Krisenmonat in Syrien verkünden wir unablässig diesen Appell. Auch heute rufen wir wieder dazu auf, einander zu umarmen und sich zu versöhnen. Wir richten diesen Aufruf an alle Söhne und Töchter in Syrien, wo immer sie sein mögen, gleich, welchem Ritus oder welcher Gemeinschaft sie angehören, einschließlich der verschiedenen Oppositionsgruppen – wer immer und wo immer sie sein mögen: wir sind alle Kinder Syriens! Wir sind froh über die verschiedenen Begegnungen, die in Russland und an anderen Orten mit der Absicht organisiert worden sind, verschiedene Perspektiven zusammenzubringen, um eine friedliche Lösung – auf die wir alle hoffen – dieser wirklich tragischen Krise herbeizuführen, die uns alle zu Opfern gemacht hat.

In allen unseren Kirchen werden wir die Hände im Gebet erheben, auf dass dieses große Ziel verwirklicht werden möge. Wir sagen jedem mit den Worten des Koran: „Kommt herbei zu einem Wort, das gleich ist zwischen uns und euch“ (Al-Imran 3,64). Möge Gott gewähren, dass der Tag der Versöhnung, der Erlösung und der gegenseitigen Umarmung komme! Dann wird es für Syrien wirklich ein großes Fest geben, ein Fest der Auferstehung und des Lebens.

Wie groß wird unsere Freude an diesem großen Fest sein, wenn Freude in die Herzen der großen Mehrheit der Angehörigen dieser Gesellschaft einkehrt, die so sehr von menschlichem Krieg und Streit erfüllt ist – obwohl sie sich unter einem Kamilavkion oder Turban als religiös ausgeben, und Symbole oder Fahnen hochhalten, die mit dem einen oder anderen Slogan geschmückt sind. Doch am Ende können sie bloß als menschliche, mörderische Kriege angesehen werden.

So sagen wir jedem im Osten wie im Westen: Weist jeden Gedanken zurück, dass es bei diesem Konflikt um Religion geht. Wenn ich mir ansehe, was in unseren Ländern geschieht, scheint mir, dass IS absolut gar nichts mit Religion zu tun hat. IS ist eher ein Instrument, das sich auf dumme und unverschämte Weise den äußeren Anschein einer religiösen Bewegung gibt. Doch in Wirklichkeit zeigt diese Bewegung den Islam in einer äußerst abstoßenden, falschen und böswilligen Gestalt.

Das ist nicht nur ein Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten, obwohl dieser Aspekt in Syrien hier und da als wesentlich angesehen wird. Sogar dieser Kampf ist ein Werkzeug und ein Deckmantel für einen Stellvertreterkrieg in unserer Region auf Kosten aller Bürger geworden.

Religiöse Konflikte sind vermarktbar geworden

Das steht auf einer Linie mit dem, was Papst Franziskus in seiner diesjährigen Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar sowie in seiner Botschaft für die Fastenzeit gesagt hat, in denen er die Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenkt, dass Menschen nicht benutzt werden sollten. So sage ich mit großer Gewissheit und großem Schmerz, dass die Religion zu einem Werkzeug geworden ist; Menschen sind instrumentalisiert und zu einer Ware gemacht worden. Religiöse Konflikte sind vermarktbar geworden. Das Töten Unschuldiger ist zu einer Ware und einem Instrument geworden. Das Niedermetzeln von Christen ist zu einem Werkzeug geworden. Die Krise in Syrien – oder der Weltkrieg in Syrien – ist ein Instrument und eine Ware geworden.

Diejenigen, die von dieser Situation und der Tragödie unserer arabischen Welt und unserer arabischen Gesellschaften profitieren, sind viele unter uns: lokale, regionale und internationale Krawalle, bei denen Krieg gegen Menschen geführt und wir alle zu Instrumenten gemacht werden. Sogar das Töten christlicher Brüder und Schwestern, ihre Vertreibung aus ihren Dörfern, ihrem Eigentum und ihren Heiligtümern, ist ein Werkzeug für unergründliche Ziele geworden. Das Töten unserer Kinder, christlicher Kinder, ist auch eine Ware und ein Werkzeug geworden, hinter dem sich andere Gründe verbergen. Der Syrienkrieg ist auch eine Ware: Jeder kauft sie; jeder Bürger, sogar unter uns, benutzt die Krise auf die ein oder andere Weise als rentable Ware, und wir fragen uns, ob heutzutage nicht etwas von der IS-Ideologie seinen Weg in jeden Menschen gefunden hat.

Wir sehr werden wir uns an dem großen Festtag freuen, wenn Freude in die Herzen aller Kämpfer in Syrien Einzug hält, wenn sie ihre Waffen ablegen und alle zusammen im Licht der Auferstehung und des Lebens wandeln werden.

Du bist ein Apostel, wenn du an die Auferstehung und das Leben glaubst und wenn du die Auferstehung und das Leben verkündest. Lasst uns eine Kraft für Leben, Wohlstand und Fortschritt sein. Lasst uns eine Kraft sein, die eine Kultur des Lebens stiftet und nicht Instrumente von Tod, Krieg und Zerstörung. Das ist der Sinn des Lebens: das ist seine Schönheit.

Abschließend entbiete ich allen Lesern der „Tagespost“ meine herzlichsten Grüße! Bitte betet für unsere Bischöfe, Ordensleute, Priester und all unsere Gläubigen – vor allem für die Laien, die sich in der Pastoralarbeit, in der Gemeinde und der Kirche engagieren und wirklich Diener der Auferstehung und des Leben sind – und helft ihnen großherzig. Sie verwirklichen, was Jesus gesagt hat: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).

Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden.

Der Autor, Patriarch Gregor III. Laham, ist Oberhaupt der Melkiten mit Sitz in Damaskus. Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller

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