„Christliches Menschenbild in den Vordergrund rücken“

Unions-Fraktionschef Volker Kauder über „Menschenwürde“ und „Freiheit“, „Religionsfreiheit“, den Islam und das „C“ in der Politik. Von Carl-H. Pierk

Der KKV-Bundesverband hätte mit seinem Festredner anlässlich seines 87. Bundesverbandstages in Freiburg keine bessere Wahl treffen können. Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Bundestag, war prädestiniert dazu, das Tagungsthema „Aufbruch für Werte – gemeinsam für eine aktive Bürgergesellschaft gestalten“ zu interpretieren und geistige Pflöcke einzuschlagen. Das tat Kauder in gewohnt prägnanter Art. Vollkommene Übereinstimmung mit den Prinzipien des katholischen Sozialverbandes konnte KKV-Bundesvorsitzender Bernd-M. Wehner dankbar, aber nicht überrascht, feststellen.

Kauder rief in seiner Festrede dazu auf, das christliche Menschenbild müsse der zentrale Leitfaden der politischen Überlegungen und Entscheidungen sein. Kauder ging es besonders um zwei Gedanken: Die unantastbare Würde und fundamentale Gleichheit jedes Einzelnen, begründet durch die Gottesebenbildlichkeit. Dazu die Freiheit des Menschen, „die wir an vielen Stellen der Bibel finden, zum Beispiel bei Paulus in seinem Brief an die christlichen Gemeinden in Galatien“. Menschenwürde und Freiheit als Gestaltungsmaßstäbe einer Politik im Zeichen des „C" – das mag zunächst abstrakt klingen, hat aber für Kauder ganz konkrete Konsequenzen. Zunächst einmal müsse eine am christlichen Menschenbild orientierte Politik den Rahmen schaffen, der ein würdevolles Leben in Freiheit ermöglicht, ohne diese Freiheit absolut zu setzen. Denn die individuelle Freiheit des einen habe ihre Grenzen in der Freiheit und Würde des anderen.

Der Mensch ist – so habe es der Apostel Paulus in seinem Brief an die christlichen Gemeinden in Galatien gesagt – „zur Freiheit berufen“. „Zur Freiheit berufen“, das meine: Gott hat dem Menschen die Fähigkeit gegeben, zwischen Gut und Böse zu wählen. Aus dieser Befähigung erwachse die Einsicht in die Fehlbarkeit des Menschen und seine Verantwortung. Auch darauf mache der Galaterbrief aufmerksam. So laute die Passage, in der Paulus von der Freiheit des Menschen spricht, in ihrem ganzen Wortlaut: „Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen! Allein sehet zu, dass ihr durch die Freiheit dem Fleisch nicht Raum gebet; sondern durch die Liebe diene einer dem andern“ (Gal. 5,13).

Kauder hat sich als Verteidiger der Religionsfreiheit einen Namen gemacht. Vor den Mitgliedern des KKV forderte er, Religionsfreiheit müsse überall als grundlegendes Menschenrecht herrschen. Hier bestehe beim Islam das Problem, dass nach dessen Religionsgesetz kein Muslim einen anderen Glauben annehmen dürfe. Das führe besonders zur Diskriminierung von ehemaligen Muslimen, die Christen geworden seien. In dem Kontext eröffnete sich sogleich die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre. Kauder kategorisch: „Nein. Muslime gehören zu Deutschland, der Islam nicht“, antwortete er. „Was zu uns gehört, muss prägend sein, identitätsstiftend. Das ist der Islam nicht.“ Die Frage einer EU-Mitgliedschaft der Türkei schloss sich an. Da müssen nach Ansicht Kauders erst einmal die Begriffe zurechtgerückt werden. Europa bestehe nicht allein aus Euro und Cent. „Europa ist eine Werte- und Schicksalsgemeinschaft, geprägt vom Wert der christlich-jüdischen Tradition“, betonte Kauder. Im Blick auf die Türkei sagte der Unionspolitiker: „Ich trete dafür ein, dass die Muslime in Deutschland Moscheen bauen dürfen. Ich verlange aber auch, dass in der Türkei Kirchen gebaut werden können.“ Wer die Religionsfreiheit in seinem Land nicht gewährleiste, „der ist von unserer Wertegemeinschaft weit entfernt“.

Kauder stellte aber auch die Frage, wie es um das Christentum in Deutschland steht. Ohne Zweifel könne bei uns jeder seine Religion frei leben. Dennoch sei ein dramatischer Werteverlust im gesellschaftlichen Zusammenleben festzustellen. Daher sei es wichtig, den christlichen Werten im Alltag neue Impulse zu geben. Das christliche Menschenbild müsse dabei Kompass sein. „Wir haben allen Grund, in einer Zeit, in der die Menschen verunsichert sind, das christliche Menschenbild mehr in den Vordergrund zu rücken“, sagte Kauder. Ehe und Familie zu verteidigen, das gehöre zum christlichen Menschenbild. Für ihn stehe das Ehegatten-Splitting nicht zur Diskussion. Zugleich sprach er sich für ein klares Nein zur Sterbehilfe aus. „Das ist nicht unsere Position, wenn wir den C-Kompass hinlegen.“ Vielmehr unterstütze man die Hospizbewegung, sie helfe beim Sterben, führe aber nicht zum Sterben. Kauder zeigte sich solidarisch mit der verabschiedeten „Freiburger Erklärung“, die „die aktive Bürgergesellschaft als Grundlage nachhaltiger Sozialer Marktwirtschaft und funktionierender Solidarität“ zum Inhalt hat. Tiefgreifende Veränderungen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft lenkten den Blick verstärkt auf die Notwendigkeit bürgergesellschaftlichen Engagements und gelebter Demokratie. Die Bürgergesellschaft ist somit soziales Netzwerk und kommunikativer Raum einer wachsamen politischen Öffentlichkeit.

Themen & Autoren

Kirche