„Christen im Irak erleben die Hölle“

Terror und Gewalt sollen die Uralt-Bewohner aus ihrer Heimat vertreiben, bedauert der chaldäische Pfarrer Peter Patto

Ihr Hilferuf ist dramatisch. Wie ernst ist die Lage der Christen im Irak?

Wirklich sehr ernst. Wir haben vorher nie etwas Vergleichbares erlebt. Auch zuzeiten Saddams war es nicht so schlimm. Solange man nichts gegen ihn oder seine Baath-Partei gesagt hat, konnte man gut leben. Im Vergleich zur Zeit unter ihm erleben Christen im Irak die Hölle. Das Problem ist: Es gibt viele militärische Gruppierungen oder Terroristen, die alle Waffen haben. Und obwohl sie gegeneinander kämpfen, Kurden, Schiiten, Sunniten, sind sie einig gegen die Christen. Sie wollen uns aus dem Irak vertreiben. Das war auch eine Botschaft, als einer unserer Priester entführt wurde und gegen Lösegeld freikam. Er sollte dem Patriarchen und dem Papst sagen, dass sie keine Christen mehr im Irak haben wollen.

Jüngstes Opfer der Gewalt gegen Christen war im März der Erzbischof von Mossul, Paulos Faraj Rahho. Welche Folgen hat sein Tod?

Im Irak werden täglich irgendwo christliche Laien entführt oder getötet. Allein in Mossul wurden bisher drei Priester getötet. Mehr als ein Dutzend wurde entführt und kam gegen hohe Lösegelder wieder frei. Viele Kirchen wurden inzwischen zerstört. Aber jetzt ist der erste Bischof ums Leben gekommen. Dahinter stand das Ziel, den Christen Angst zu machen, damit sie Mossul verlassen – was jetzt geschieht: Zuvor waren bereits viele Reiche aus der Stadt geflohen – nach Syrien, Jordanien oder in den Nordirak und die Türkei –, aber jetzt ziehen auch die Ärmsten fort, die sich das nicht leisten konnten. Sie gehen in Vororte, wo es noch eine christliche Mehrheit gibt. Sie wollen dort ihr Überleben sichern.

Ist das innerhalb dieser Orte möglich?

Ja, solange es innerhalb dieser Wohnviertel eine christliche Mehrheit gibt. Aber das Leben dort ist sehr, sehr schwierig, weil es keine Arbeit gibt.

Und wenn es gelänge, die Situation im Irak endlich zu befrieden: Hätten die Christen dann eine bessere Perspektive?

Nein, nicht wirklich. Weil unser Problem mit dem Islam nicht erst jetzt aufgetaucht ist. Es ist schon 1 400 Jahre alt. Zuvor war der Irak praktisch christlich. Aber dann kamen die Muslime und haben immer wieder Priester, Bischöfe, unsere gebildeten Leute und die Reichen getötet. Oder sie haben gleich ganze Dörfer angegriffen, die Männer getötet und alles zerstört. Vor tausend Jahren waren über neunzig Prozent des Irak noch christlich. Jetzt sind wir bei weniger als zwei Prozent.

Ist dies den Christen im Westen bewusst?

Leider nicht. Es gibt viele, auch Politiker, die sehr verwundert sind, wenn ich sage: „Ich bin ein Christ aus dem Irak.“ Davon haben sie noch nie etwas gehört! Nur die wenigsten hier in Europa wissen, dass es im Irak Christen gibt. Wir wollen dies deshalb bewusstmachen. Was wir vor allem brauchen, ist Hilfe zum Überleben. Wir wollen keine Macht oder irgendwelche Ministerien übernehmen. Wir wollen nur in Frieden leben, wir wollen respektiert werden. Wir sind die Uralt-Bewohner des Irak, die immer schon dort waren. Wir sind keine Ausländer, die erst jetzt mit den Amerikanern und ihren Verbündeten ins Land gekommen sind, wie viele denken. Die Europäer müssen deshalb der irakischen Regierung klar machen, dass die Christen im Irak einen besonderen Schutz brauchen.

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