Brückenkopf für den Drogenhandel

Organisiertes Verbrechen: Über westafrikanische Staaten wie Mali kommen immer mehr Drogen aus Lateinamerika nach Westeuropa. Von Anja Kordik
Foto: dpa | Lateinamerikanische Drogenkartelle nutzen afrikanische Staaten, besonders destabilisierte Krisenstaaten wie Mali, als Drogenumschlagplatz. Kenianische Soldaten bewachen beschlagnahmtes Kokain.
Foto: dpa | Lateinamerikanische Drogenkartelle nutzen afrikanische Staaten, besonders destabilisierte Krisenstaaten wie Mali, als Drogenumschlagplatz. Kenianische Soldaten bewachen beschlagnahmtes Kokain.

Bei der Sicherheitskonferenz in München am vergangenen Wochenende stand neben Syrien und Iran ein weiterer Krisenherd im Vordergrund: Mali. Unter anderem ging es um die Frage der deutschen Beteiligung am französischen Militäreinsatz in dem westafrikanischen Staat. Ein Problemfeld, das bei der Konferenz in München nicht unmittelbar thematisiert wurde, das aber die von dem Konflikt ausgehenden Gefahren für die globale Sicherheit erhöht, ist die zunehmende Verstrickung westafrikanischer Staaten in die organisierte Kriminalität, konkret in den internationalen Drogenhandel.

Mali ist in den letzten Jahren eines der zentralen westafrikanischen Transitländer für den Drogenhandel aus Lateinamerika nach Westeuropa geworden. Rund 80 Prozent des in Westeuropa beschlagnahmten Kokains aus der Andenregion ist über Westafrika auf den europäischen Markt gelangt. So schätzt das Büro der Vereinten Nationen für Drogen und Verbrechensbekämpfung, dass jährlich mindestens 50 Tonnen Kokain aus der Andenregion nach Afrika gelangen. Westeuropa hat sich für die gut organisierten Drogenbanden vor allem in Kolumbien zu einem sehr attraktiven Markt entwickelt. In Europa lassen sich inzwischen doppelt so hohe Preise erzielen wie in den Vereinigten Staaten, zumal die US-Küsten stark kontrolliert werden.

Westafrika ist für Schmuggler das Tor nach Europa

So hat sich in den vergangenen Jahren eine Art von neuer „transatlantischer Partnerschaft“ für den Drogenhandel aus Lateinamerika entwickelt. Drogenkartelle in Kolumbien kaufen „ausgemusterte“ Jets zu Billigpreisen und benutzen den Osten Venezuelas als Startrampe für ihre „Luftbrücke“ nach Westafrika; von dort geht das Kokain per Kurier nach Westeuropa. Westafrika und Mali im Zentrum eignet sich ideal als Brückenkopf für den Drogenhandel, denn über dem Atlantik fehlt ein ausreichender Radarschutz. Hinzu kommen Armut, politische Instabilität und schwache Rechtssysteme, welche die Ausbreitung krimineller Strukturen in der westafrikanischen Region mit begünstigen. Im bitterarmen Guinea-Bisseau etwa wird Kokain für den westeuropäischen Markt umgeschlagen, dessen Wert das Bruttoinlandsprodukt von 400 Millionen Dollar bei weitem übersteigt.

Der Norden Malis ist ebenfalls politisch fragil: ein wenig besiedeltes Gebiet mit nomadischer Tradition, deren wirtschaftliche und soziale Strukturen jedoch immer mehr zusammenbrechen, während Auseinandersetzungen rivalisierender Stammesgruppen hervorbrechen. Hinzu kommt die weitgehende Handlungsunfähigkeit der Zentralregierung in der Hauptstadt Bamako, seit im März 2012 der damalige Präsident Amadou Tourmani Touré durch einen Militärputsch gestürzt wurde. Der amtierenden Zentralregierung unter Übergangspräsident Diouncounda Traoré ist es bisher nicht gelungen, auch nur ansatzweise Autorität im Norden herzustellen.

Der Fall Westafrika zeigt, wie komplex und international vernetzt regionale Konflikte heute sind. Wenn es um eine dauerhafte Stabilisierung der Region geht, spielt nicht zuletzt auch die Frage der Entwicklungszusammenarbeit eine Rolle. Diese Erkenntnis scheint sich auch auf politischer Ebene in der EU durchzusetzen. So haben die EU-Außenminister Ende Januar in einer gemeinsamen Erklärung angekündigt, die Entwicklungshilfe für Mali wieder aufzunehmen. Nach dem Staatsstreich im März 2012 hatte die EU ihre Entwicklungshilfe für das Land ausgesetzt. Für den Zeitraum 2008 bis 2013 waren insgesamt 583 Millionen Euro eingeplant. In der Erklärung der Außenminister heißt es nun, die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung in Mali erlaube die schrittweise Wiederaufnahme der Entwicklungshilfe. Zuvor hatte das Parlament in Bamako als wichtiges Signal eine politische Agenda für eine Rückkehr zur Demokratie und zur Ablösung der Übergangsregierung gebilligt.

Wesentlich ist auch angesichts der Komplexität der Problematik der Blick auf soziale Ursachen in den anderen, ebenfalls involvierten Regionen wie Lateinamerika. Ohne diese sozialen Faktoren könnte der internationale Drogenhandel nicht florieren. So sind die armen Bauern der Andenregion oftmals von ihren Einnahmen aus dem Kokaanbau abhängig und werden damit für Drogenbanden erpressbar. Die bolivianische Regierung unter Präsident Evo Morales hat nach einem Bericht der in Miami erscheinenden spanisch-sprachigen Zeitung „El Nuevo Herald“ vor kurzem ein konsequentes Vorgehen gegen den illegalen Kokaanbau im Lande angekündigt. In einer groß angelegten Kampagne begannen mit Macheten bewaffnete Soldaten bereits in großem Stil, illegale Kokafelder „auszuradieren“. Insgesamt 2 000 bolivianische Soldaten und Polizisten sollen in diesem Jahr in dieser landesweiten Anti-Drogen-Kampagne eingesetzt werden. Präsident Morales erklärte in diesem Zusammenhang, die Ergebnisse der Bekämpfung des Drogenanbaus hätten sich in den vergangenen Jahren verbessert, seit der bolivianische Staat seine Anti-Drogen-Politik „nationalisiert“, also in eigene Hände genommen habe. 2009 führte Bolivien eine Auseinandersetzung mit der amerikanischen „Drug Enforcement Administration“ (DEA), eine dem US-Justizministerium unterstellte Strafverfolgungsbehörde. Die bolivianische Regierung warf der Behörde damals Einmischung in politische Angelegenheiten des Landes vor und wies die in Bolivien tätigen US-Beamten aus. Morales verwies jetzt auf zunehmende Erfolge der bolivianischen Antidrogen-Politik – im Gegensatz zu den nach seiner Meinung eher fruchtlosen Versuchen in den Nachbarstaaten Peru und Kolumbien, die beide noch über US-Basen verfügen.

Ob Morales' Kritik an der Drogenpolitik seiner Nachbarn und der USA berechtigt ist oder nicht: Die verstärkte Kampagne in Bolivien zeigt zumindest die Bereitschaft seiner Regierung, das Problem im wahrsten Sinne „an der Wurzel“ zu packen. Klar ist aber auch: Ohne eine systematische Bekämpfung der sozialen Polarisierung in den lateinamerikanischen Staaten wird der internationale Drogenhandel weiter florieren können – mit allen Folgen eben auch für andere Regionen der Welt.

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