Bildung muss Mittelpunkt der Bemühungen aller Länder sein

Jörn Kalinski, Sprecher der Kampagne „1Goal – Bildung für alle“, fordert ein Einhalten entwicklungspolitischer Versprechen

Hilfsorganisationen haben zur WM in Südafrika eine Bildungskampagne ausgerufen. Welche Ziele verfolgt die Kampagne?

Die Globale Bildungskampagne gibt es schon seit 1999. Jetzt, anlässlich der WM in Südafrika wollen wir die Aufmerksamkeit, die auf Afrika gelenkt wird, nutzen, um auf die Probleme und Potenziale des Kontinents aufmerksam zu machen. Konkret wollen wir Druck auszuüben auf die Politiker in den Regierungen der reichen und armen Länder, damit sie ihr Versprechen einhalten, bis zum Jahr 2015 Bildung für alle durchzusetzen. Bildung für alle heißt: gebührenfreie, qualitativ gute Grundbildung für alle Menschen. Über 72 Millionen Kinder auf der Welt haben keinen Zugang dazu. Viele von ihnen leben in Afrika.

Die Forderung einer Grundbildung gehört zu den Millenniumszielen der UNO, die bis 2015 umgesetzt werden sollen. Sind die Maßnahmen der deutschen Politik ausreichend?

Es muss noch viel mehr getan werden. Die Maßnahmen der Politik reichen nicht aus, auch wenn es gute Ansätze gibt. Gerade für den Bildungssektor fordern wir eine stärkere Konzentration auf den Bereich Grundbildung. Deutschland steht da als ein Geber, der viel in Bildung investiert. Wenn man aber genauer hinschaut, bezieht sich ein großer Teil dieser Ausgaben auf Studienplatzkosten für Studierende in Deutschland: Das finde ich gut, aber man sollte keine Augenwischerei betreiben. Im Bereich der Grundbildung besteht Nachholbedarf. Unsere grundsätzliche Forderung ist, das Versprechen, bis zum Jahr 2015 0,7 % des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben, auch einzuhalten. Laut einem Stufenplan der EU sollte Deutschland im Jahr 2010 0,51% seines Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit aufbringen. Das wird Deutschland aber nicht schaffen. Nach 2008 mit 0,38 % und 2009 sogar nur 0,35% rechnet man für 2010 höchstens mit 0,40 %.

Kann man angesichts der ernüchternden Zahlen überhaupt das Ziel für 2015 erreichen?

Nicht alle Länder hinken hinterher. Viele nordische Länder, aber auch die Niederlande, erfüllen die prozentualen Ansätze bereits. Aber es ist nie zu spät: Deshalb machen wir auch Druck und nutzen die Chance der WM, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Nicht nur in den Geberländern, sondern auch in den Regionen Afrika und Asien. Die betreffenden Länder müssen Bildung noch stärker in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellen.

Welche Rolle spielt eine ausreichende Grundbildung für Kinder in den ärmeren Ländern?

Bildung spielt überall auf der Welt dieselbe Rolle. Ohne ausreichende Grundbildung können sie nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und ihre Rechte wahrnehmen. Natürlich wird es dann auch schwer mit der ökonomischen Entwicklung. Wenn Kinder keine Grundbildung haben und später keinen Beruf bekommen, werden sie höchstwahrscheinlich ihr Leben lang in der Armutsfalle gefangen bleiben. Es gibt statistische Untersuchungen, die besagen, dass jedes Jahr Grundbildung die Produktivität von Kleinbauern erhöht, dass Kinder von Müttern, die eine Grundbildung besitzen, eine um 50 Prozent höhere Chance haben, älter als fünf Jahre alt zu werden im Vergleich zu Kindern von Analphabetinnen. Ohne Grundbildung werden die Menschen nicht aus der Armut entrinnen können und ohne Grundbildung werden die anderen Millenniumsziele wie Armutsreduzierung, Verringerung der Kinder- und Müttersterblichkeit und Zurückdrängung von HIV/Aids nicht erreicht.

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