Washington

Biden und Harris: Ein Pro-Choice-Duo?

Mit Kamala Harris als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft kann Joe Biden christliche Wähler nicht überzeugen.

Kamala Harris und Joe Biden
Joe Biden wäre bei Amtsantritt schon 78 Jahre alt. Allein deswegen kommt der zwei Jahrzehnte jüngeren Kandidatin eine besondere Bedeutung zu: Kamala Harris wird zur zentralen Figur für die Demokraten. Foto: Carolyn Kaster (AP)

Dass der nun auch offiziell ernannte Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten, Joe Biden, die kalifornische Senatorin Kamala Harris als „Running Mate“, also als mögliche Vizepräsidentin, auserkoren hat, ist in der säkularen Presse nahezu einstimmig als die richtige Entscheidung kommentiert worden. Und in der Tat spricht einiges für die 55-Jährige: Sie ist nicht weiß, sie ist eine Frau und sie gehört nicht zum extremen linken Flügel der Demokraten. Mit ihr kann Biden also wichtige Wählergruppen ansprechen, die im November mobilisiert werden müssen, wenn er US-Präsident Donald Trump schlagen will.

Neben der Kernwählerschaft gilt es für die Demokraten aber auch, Wähler der Mitte und moderate Konservative an die Urne zu bringen, die Trump nicht unbedingt weitere vier Jahre im Oval Office sehen wollen. Kann das mit Kamala Harris gelingen? Es erscheint zumindest fraglich, wenn man das Thema Abtreibung als Maßstab nimmt: Harris' Haltung hierzu gilt als derart entschieden „pro-choice“, dass Lebensschützer mit ihr wohl keinen Millimeter an Boden gewinnen könnten. Leidenschaftlich trat sie in der Vergangenheit für „reproduktive Rechte“ ein. Auch Abtreibungen zu einem späteren Zeitpunkt als dem momentan straffreien ersten Trimester einer Schwangerschaft wären für Kamala Harris durchaus vorstellbar.

Keine Zugeständnisse an Pro Life-Demokraten

In der Deutlichkeit nicht überraschend fielen dann auch die Reaktionen von US-Lebensschützern auf Harris' Nominierung aus: Das Duo Biden–Harris sei das abtreibungsfreundlichste in der Geschichte des Landes, betonte Judie Brown, Vorsitzende der Lebensrechtsorganisation „American Life League“ in einer Stellungnahme. Dass sich Biden für Harris entschieden habe, sei ein Beleg für die „totale Unterwerfung“ gegenüber der Abtreibungsorganisation „Planned Parenthood“, so Brown. Kein praktizierender Katholik könne das Duo unterstützen.

Eine weitere Lebensrechtsorganisation, „Democrats for Life of America“, beklagte, dass Harris den Abtreibungsgegnern innerhalb der demokratischen Partei überhaupt keine Zugeständnisse mache. 21 Millionen demokratischer Wähler würden so noch weiter von ihrer Partei entfremdet. Die Position der 55-Jährigen zum Lebensschutz sei weder mit der Mehrheit der Demokraten noch mit der Mehrheit aller Amerikaner in Einklang. Die Organisation forderte Harris und Biden auf, auf Pro-Life-Demokraten zuzugehen und das Programm der Partei bezüglich Abtreibung neu zu justieren. Neu justiert hat jedoch vielmehr Joe Biden seine persönliche Haltung zum Lebensschutz – wohl auch auf Druck von Kamala Harris, die ursprünglich selbst für das Präsidentenamt kandidieren wollte, ihre Kampagne mangels Unterstützung aber recht bald wieder einstellte. Mehrmals attackierte sie Biden im Vorwahlkampf, unter anderem, da er lange das „Hyde Amendment“ unterstützte – ein Gesetz, das die staatliche Finanzierung von Abtreibungen massiv einschränkt. Im Juni vergangenen Jahres zog Biden seine Unterstützung für das Gesetz zurück – ein Schlingerkurs, den Harris ihrem aktuellen politischen Partner damals vorhielt.

Massive "antikatholische Ressentiments"

Doch nicht nur wegen ihrer Haltung zum Lebensschutz stößt Kamala Harris bei vielen US-Katholiken auf massive Ablehnung: Die studierte Politikwissenschaftlerin und Juristin produzierte 2018, während ihrer Zeit im Justizausschuss des Senats, Schlagzeilen, da sie einen Kandidaten für einen Posten am Bezirksgericht des Bundesstaates Nebraska ablehnen wollte, da dieser Mitglied der konservativen katholischen Kolumbusritter war. Ihre Begründung: Die Kolumbusritter wären eine Organisation von „ausschließlich Männern“, die gegen „das Recht der Frau, sich zu entscheiden“ und gegen die gleichgeschlechtliche Ehe sei. Kritiker warfen ihr daraufhin massive „antikatholische Ressentiments“ vor. Selbst das von den Jesuiten herausgegebene „America Magazine“ ging damals mit Harris ins Gericht. Diese lege eine „überraschende Unkenntnis der zahlreichen „religiösen, wohltätigen und sozialen Dienste“ des Ordens an den Tag.

Gesetze zum Schutz der Religionsfreiheit, wie sie von der amtierenden Trump-Regierung verabschiedet wurden, dürften somit nicht sehr weit oben auf der politischen Agenda von Kamala Harris stehen. Und auch in jüngsten juristischen Streitfällen, wie etwa der Klage des Ordens der „Little Sisters of the Poor“ gegen das sogenannte Verhütungsmittelmandat, wird Harris ganz sicher nicht auf der Seite religiöser Einrichtungen stehen, die sich auf ihre Glaubens- und Gewissensfreiheit berufen. Mochten die Angriffe auf Biden im Vorwahlkampf noch so hart und häufig gewesen sein: In den für konservative Katholiken relevanten Fragen liegt sie ganz und gar auf Biden-Linie, übertrifft ihn teilweise sogar. Zu den persönlichen religiösen Überzeugungen der Juristin ist nur wenig bekannt. Die Tochter einer indischen Mutter und eines jamaikanischen Vaters wuchs aber in einem ethnisch und religiös vielfältigen Umfeld auf. Seit einiger Zeit ist sie Mitglied einer schwarzen Baptisten-Gemeinde. Ihr Ehemann Douglas Emhoff, mit dem sie seit 2014 verheiratet ist, ist Jude.

Harris steht für die Zukunft der Demokraten

Man kann Joe Biden nicht vorwerfen, dass er es sich leicht gemacht hat mit der Entscheidung für Kamala Harris, galten die beiden in der Vergangenheit doch nicht als natürliche Verbündete. Biden, der sich selbst als „Brücke“ zwischen zwei Generationen demokratischer US-Politiker sieht, hat mit ihr nun jedoch eine Frau an seiner Seite, die sich dem Auftreten nach zu urteilen durchaus auch die ganze große Aufgabe zutraut. Das sollte sie auch, wenn man bedenkt, dass Biden bei Amtsantritt bereits 78 Jahre alt wäre. Mag der langjährige Vizepräsident auch noch so oft betonen, er sei angetreten, um die zerstrittenen politischen und gesellschaftlichen Lager wieder zusammenzubringen: Wenn Kamala Harris die Zukunft der Demokraten repräsentieren sollte, können Konservative darin keine Rolle spielen.

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