Bestürzung in Italien über Gewaltexzess auf Flüchtlingsboot

Muslime werfen Christen von Bord – Bischöfe und islamische Gemeinde entsetzt – „Neue Dimension des Flüchtlingsdramas“

Rom (DT/KNA/dpa) Mit Bestürzung und Appellen zum Dialog haben die katholische Bischofskonferenz und die islamische Gemeinde in Italien auf den mutmaßlich religiös motivierten Gewaltexzess auf einem Flüchtlingsboot reagiert. „Wir stehen vor einer neuen Dimension im Flüchtlingsdrama“, sagte der Leiter der Flüchtlingsseelsorge der Bischofskonferenz, Giancarlo Perego, laut der italienischen Tageszeitung „Avvenire“ (Freitag). Der Vorfall sei ein „Drama der Verzweiflung“. Perego warnte davor, den religiösen Hass hierbei als Motiv in den Vordergrund zu stellen.

In Italien waren am Donnerstag 15 muslimische Flüchtlinge aus dem Senegal und der Elfenbeinküste unter dem Vorwurf des Totschlags festgenommen worden. Sie sollen laut Augenzeugenberichten während der Überfahrt nach Europa zwölf christliche Mitreisende aus Nigeria und Ghana aus religiösem Hass über Bord geworfen haben.

Der Präsident der Vereinigung der islamischen Gemeinden Italiens, Izzedin Elzir, verurteilte den Vorfall als „Barbarei“ und „Höchstmaß an Unmenschlichkeit“. Zugleich rief er die Politik zum Handeln auf. Sie müsse ihre „Kultur der Gleichgültigkeit“ aufgeben. Elzir verwies dabei auf eine entsprechende Äußerung von Papst Franziskus.

Der in der Bischofskonferenz für Flüchtlinge zuständige Kardinal Francesco Montenegro rief laut „Avvenire“ zum Dialog der Religionen auf. Andernfalls würden Mauern entstehen, die höher als die Berliner Mauer seien, so der Erzbischof von Agrigent auf Sizilien.

Aus religiösem Hass gehandelt

Wie italienische Medien übereinstimmend berichteten, genehmigte Justizminister Andrea Orlando am Donnerstagabend die Strafverfolgung der 15 muslimischen Migranten, weil sie vor der Küste Siziliens zwölf Christen aus einem Flüchtlingsboot über Bord geworfen haben sollen. Die Tat sei zwar in internationalen Gewässern geschehen, aber nach der Anordnung des Ministers konnten die Verdächtigen im sizilianischen Palermo festgenommen werden. Den Berichten zufolge sollen die Muslime aus religiösem Hass gehandelt haben.

Die Männer sollen demnach aus den afrikanischen Ländern Mali, Senegal und Elfenbeinküste stammen. Einer von ihnen sei minderjährig. Der Streit ereignete sich den Berichten zufolge auf einem Schlauchboot. Zeugen berichteten, die Muslime hätten die zwölf christlichen Flüchtlinge ins Wasser geworfen. Ob diese zu dem Zeitpunkt noch am Leben waren, war zunächst unklar. Die Opfer sollen aus Ghana und Nigeria stammen.

Dutzende weitere Migranten wurden von dem Boot gerettet. Sie identifizierten die mutmaßlichen Täter später. Den Berichten zufolge konnten die Überlebenden sich nur retten, weil sie sich gemeinsam zur Wehr setzten und Menschenketten bildeten, um an Bord zu bleiben.

Italien ächzt unter dem Ansturm verzweifelter Menschen, die sich auf die lebensgefährliche Überfahrt von Afrika über das Mittelmeer gen Norden machen. Kommunen und Regionen warnen, keine Flüchtlinge mehr aufnehmen zu können.

Bei den Überfahrten kommt es immer wieder zu Unglücken. Am Donnerstag ertranken bei einem Schiffsuntergang vor der italienischen Küste möglicherweise 41 Menschen. Anfang der Woche waren beim Kentern eines vollbesetzten Bootes nach Angaben der Organisation Save the Children bis zu 400 Menschen ertrunken – dies wäre eine der schlimmsten Flüchtlingskatastrophen der vergangenen Jahre im Mittelmeer. Eine Sprecherin der EU-Kommission sagte, es gebe „überhaupt keine zuverlässigen Informationen“, die die genannte Zahl belegen würden. Nach ihren Angaben rettete die italienische Küstenwache seit dem vergangenen Freitag mindestens 7 850 Migranten.

„Derzeit hat die Kommission weder das Geld noch die politische Rückendeckung, um ein europäisches Grenzschutzsystem auf den Weg zu bringen, das Such- und Rettungsoperationen durchführen könnte“, sagte die Sprecherin. Die Brüsseler Behörde untersuche aber, ob eine Aufstockung der Ressourcen der EU-Grenzschutzagentur Frontex „machbar oder wünschenswert“ sei. Im Mai will die Kommission ein Strategiepapier zur Migrationspolitik vorlegen.

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