Barmherzigkeit

... auch mit denen, die sich von der Politik noch irgendetwas erwarten

Von Guido Horst

Mit dem feierlichen Papst-Gedenken, das diese Tage die Gegend um den Vatikan in einen geradezu frühlingshaften Goldglanz taucht, blitzt wieder einmal der Unterschied zwischen der „civitas Dei“ und der „civitas terrena“ weithin sichtbar auf. „Barmherzigkeit“ hauchen die Heiligen und Märtyrer auf den Kolonnaden den frommen Pilgern zu, die am gestrigen Todestag des großen Johannes Paul II. gekommen waren, in der Erinnerung an ihn eine Woche der Andacht zu begehen. Während sich direkt daneben die „civitas terrena“ in ihren sattsam bekannten Schmerzen windet. Es ist eben nur ein Schritt, der vom heiligen Boden des Kirchenstaats in das säkulare Italien führt. Hat man das Kolonnadenrund verlassen, ist man im Reich der Berlusconis und Veltronis, in dem die ausufernde Zahl der Löcher, der „buchi“, auf den Straßen den guten Nachrichten aus Politik und Wirtschaft diametral entgegensteht.

Nun hat schon Kirchenvater Augustinus damals, auf der Schwelle vom vierten ins fünfte Jahrhundert, seine Lehre von der „civitas Dei“, dem Gottesstaat, und der „civitas terrena“, dem irdischen Staat, unter dem nicht nachlassenden Eindruck entwickelt, dass den Christen und der Kirche ihr so geliebtes Römisches Reich abhanden kommt. Unter den Schlägen der Vandalen und anderer Barbaren hauchte es das Leben aus. Der Glanz Roms, der der Kirche eben erst den Weg aus den Katakomben heraus gewiesen hatte, ging unter im Dunkel der Völkerwanderung. Was der „civitas Dei“ eigentlich keinen Abbruch tat. Erst als die Christen gelernt hatten, ihre Hoffnungen nicht auf die Römer zu setzen, waren sie gewappnet und bereit, das christliche Abendland entstehen zu lassen. „Barmherzigkeit“, hauchen die Heiligen und Märtyrer. Erbarmen mit denen in der Kirche, die sich von der Welt der Politik noch irgendetwas erwarten.

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