Berlin

Aus dem Anschlag lernen

Der Anschlag auf der Berliner Autobahn zeigt, wo Deutschland in der Terrorismusbekämpfung seine Hausaufgaben machen muss.
Anschlag auf Autobahn
Foto: stefan zeitz via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Der Täter hatte bevor die Polizei eintraf auf der Autobahn einen Gebetsteppich ausgebreitet. Auf Arabisch rief er, dass alle sterben müssten.

Der Anschlag auf der Berliner Autobahn letzte Woche Dienstag hatte eine Schockwirkung auf die deutsche Öffentlichkeit: Ein Iraker machte mit seinem Wagen gezielt Jagd auf Motorradfahrer. Schon einen Tag später stellte die Berliner Staatsanwaltschaft fest, dass die Tat islamistische Hintergründe habe. Die Kollisionen seien als gezielte Anschläge zu werten. Der 30-Jährige hatte nach seiner Tat und bevor die Polizei eintraf, auf der Autobahn einen Gebetsteppich ausgebreitet. Auf Arabisch rief er, dass alle sterben müssten. Bevor er zur Fahrt auf die Stadtautobahn gestartet war, hatte er auf seiner Facebook-Seite verschiedene Postings abgesetzt, in denen auch von "Märtyrern" die Rede war. Mittlerweile befindet sich der Täter in der Psychiatrie im Haftkrankenhaus. Es wird geprüft, ob er schuldfähig ist oder psychisch erkrankt sei, aus einem religiösen Wahn gehandelt habe.

Asylantrag 2017 abgelehnt

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Bestimmte Einzelheiten zum Hintergrund des Täters konnten bereits geklärt werden: Seit 2016 lebte der Flüchtling in einer Containersiedlung in Berlin. 2017 ist sein Asylantrag abgelehnt worden. Er sei aber nicht abgeschoben worden, da schon seit Jahren in Deutschland niemand in das Bürgerkriegsland Irak zurückgeführte werd, erklärte der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD) im Abgeordnetenhaus. Weiterhin machte der Innensenator öffentlich, dass der Täter vom Staatsschutz als Bekannter eines Gefährders in Berlin registriert worden sei. Die beiden Männer hätten gemeinsam in dem Wohnheim zusammengelebt, das sei aber schon eine Weile her gewesen. Der Bekannte, ein Syrer, habe sich zwar den Sicherheitsbehörden gegenüber als jemand ausgegeben, der von der Terrormiliz "Islamischer Staat" verfolgt worden sei. Die Sicherheitsbehörden ihrerseits hätten ihn aber anders eingeschätzt. Bei dem 30-jährigen Täter selbst schließlich sei davon auszugehen, dass er nicht als sogenannter Schläfer nach Deutschland gekommen sei.

Die endgültigen Ergebnisse dieser Ermittlungen müssen natürlich abgewartet werden, um eine endgültige Deutung dieses Falles vornehmen zu können. Trotzdem kann man aus dem bisher Bekannten doch auch jetzt schon einige Schlüsse ziehen, die beachtet werden müssen, wenn Deutschland sich besser vor den Gefahren eines islamistischen Terrorismus wappnen will: Die erste Einsicht mag banal klingen, ist aber vielleicht die entscheidende, denn sie ist von grundsätzlicher Bedeutung: Die Bedrohung ist latent, sie reicht in unseren Alltag herein. In einigen Medienberichten war zu lesen, der Anschlag habe sich "wie aus dem Nichts" ereignet. Diesen Eindruck kann aber nur haben, wer die letzten Jahre verschlafen hat. Es sei nur an den Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt erinnert. Wenn der Normalbürger die Gefahr verdrängt, einfach weil es ihm schwerfällt, mit ihr zu leben, dann mag man ihm das verzeihen. Wenn diese Verdrängung aber auch bei Politikern und den Verantwortlichen der Sicherheitsbehörden diagnostiziert werden müsste, wäre dies fatal.

Wohnheime stärker in den Blick nehmen

Die zweite Erkenntnis bezieht sich eher aufs Praktische: Sicher, man kann noch nicht genau sagen, wie der Kontakt zwischen dem Täter und einem als Gefährder eingestuften Mitbewohner ausgesehen hat. Aber eines ist klar: Die Wohnheime müssen stärker in den Blick genommen werden. Denn egal, ob dort nun tatsächlich Schläfer angeworben werden und islamistische Propaganda verbreitet wird oder ob es die soziale Situation dort ist, die Menschen in einen religiösen Wahn treibt, das Umfeld ist ein zentraler Faktor. Damit wird auch deutlich: Wenn der Satz "Wir schaffen das" tatsächlich ernst gemeint ist, dann kann er sich nicht darin erschöpfen, die Menschen allein materiell zu versorgen. Man muss sich auch mit ihrer Psyche auseinandersetzen und damit, wie sich unter den Bedingungen, in denen sie leben, eine gefährliche Weltanschauung formen kann.

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