Auf der Blutspur von Boko Haram

Im mehrheitlich muslimischen Norden Nigerias leiden nicht nur die Christen unter Armut, Gewalt, Terror und politischer Korruption. Von Stephan Baier
Foto: Stephan Baier | Die Killer kamen nach der Sonntagsmesse auf Motorrädern. Niemand schützt die Menschen im Kernland von Boko Haram.
Foto: Stephan Baier | Die Killer kamen nach der Sonntagsmesse auf Motorrädern. Niemand schützt die Menschen im Kernland von Boko Haram.

„Die Menschen haben jetzt Angst, zur Kirche zu kommen“, sagt der Pfarrer der Kirche zur Gottesmutter vom Guten Rat. „Sie leben mitten unter uns. Keiner kann sagen, wer sie sind. Wenn aber einer etwas sagt, dann kommen sie und bringen ihn um.“ Sie kommen nachts in die Häuser, schneiden den Schlafenden mit Messern die Kehle durch. Eine Frau, deren Mann von den Terroristen ermordet wurde, weiß zu berichten, wie sie ihren Opfern mit Sägen den Kopf abtrennen und neben den Körper legen. Wir sind im Osten Nigerias, nahe der Grenze zu Kamerun, im Kernland von Boko Haram.

In Madagali überfielen sie im Vorjahr die Polizeistation. Der Begleiter vom kirchlichen „Komitee für Gerechtigkeit, Entwicklung und Frieden“ steigt lieber nicht aus dem Auto. „Die Boys sind überall hier auf dem Platz“, meint er. Mit Ausländern und bewaffneten Polizisten gesehen zu werden, wäre sein Todesurteil. „Man kann nie sicher sein. Die Boys sind schnell zu mobilisieren.“ Die „Boys“ sind arbeitslose, arme Jugendliche, die von der Terrorgruppe für 500 Naira (umgerechnet 2,50 Euro) mobilisiert und zum Töten ausgesandt werden. In Gulak überfielen sie im Dezember die örtliche Bank und die benachbarte Polizeistation. Fünf in Zivil gekleidete Polizisten bewachen die Ruine, den Zeigefinger am Abzug ihrer AK-47. In Shuwa erzählt die 29-jährige Sarah, wie die Leute von Boko Haram im März 2012 ihren Mann, einen Polizisten, zusammen mit zwei Kollegen im Dienst ermordeten. Daraufhin wurde die Polizei aus dem Ort abgezogen. Niemand beschützt sie und ihre sechs Kinder. „Sie haben gedroht, diesen Ort wieder anzugreifen, aber sie sagten nicht, wann.“

Wer Geld hat, hat Macht in Nigeria – und umgekehrt

Hier regiert die Angst. Keiner schützt die Menschen vor dem täglichen Terror der Fanatiker. In Womu kamen die Katholiken gerade von der Sonntagsmesse, als vier Jugendliche auf Motorrädern daherknatterten und mit Gewehren in die Menge schossen. „Acht friedliche Farmer starben, viele rannten davon“, erzählt Emmanuel, der Sprecher des Dorfes, das je zur Hälfte aus Christen und aus Muslimen besteht. „Wir sind hilflos. Es gibt hier keine Sicherheit. Sie können mit uns tun, was sie wollen!“

Die Männer aus Maiduguri, der Heimat von Boko Haram, wollen sich nicht fotografieren lassen. Auch ihre Namen sollen nicht genannt werden: „Wir wollen nicht das nächste Ziel sein.“ Einer war ein „traditional ruler“, eine angesehene Persönlichkeit des Ortes, bis acht Terroristen sein Haus um Mitternacht mit Gewehren beschossen. Er feuerte zurück, schickte seine Familie durch den Hinterausgang zu Verwandten. In sein Haus, in dem er 40 Jahre lebte, kann er nie wieder zurück. Es wäre sein sicherer Tod. „Du kannst diese Terroristen nicht anzeigen und glauben, dass du das überlebst“, sagt er. Ein pensionierter Polizeioffizier berichtet, wie die Killer eines Nachts in seiner Straße von Haus zu Haus gingen und seine Nachbarn ermordeten. Er selbst konnte fliehen. Zur Zeit des Gründers von Boko Haram, Mohammed Yusuf, war deren Kommandozentrale nahe seiner Kirche in Maiduguri. Doch 2009 wurde Mohammed Yusuf verhaftet und von der Polizei zu Tode gequält – seitdem eskaliert die Gewalt.

„Sie sind gegen die Christen. Aber wenn ein Muslim über sie spricht, dann bringen sie ihn auch um“, sagt eine katholische Frau, deren Mann im Oktober erschossen wurde. Tatsächlich sind längst nicht mehr nur Kirchen, Polizeistationen, Banken oder Schulen im Visier von Boko Haram. Vor wenigen Tagen verübten sie einen Anschlag auf den 82-jährigen Emir von Kano, einen der höchsten und am meisten respektierten Würdenträger des Islam in Nigeria. Der Emir überlebte, aber sieben seiner Begleiter kamen ums Leben.

„Viele wurden verhaftet, aber ich habe noch nie gehört, dass einer verurteilt wurde. Unser Problem in Nigeria ist die Korruption“, sagt ein Pensionist. Die Polizei lässt die Killer einfach laufen. Aus Angst, für Geld oder auf höheren Befehl. Wer Geld und Beziehungen hat in diesem Land, der hat auch Macht – und umgekehrt. Korruption, Bereicherung, Willkür und Machtmissbrauch kennzeichnen das Webmuster der Politik. Nigeria könnte dank seiner gewaltigen Erdölvorkommen ein wohlhabendes Land sein. Doch die Gewinne fließen in die Taschen Weniger. 80 Prozent der Einwohner leben unter der Armutsgrenze.

Der im November zum Kardinal erhobene Erzbischof von Abuja, John Onaiyekan, ist davon überzeugt, dass bei Boko Haram politische Interessen religiös getarnt werden: „Diejenigen, die Kirchen angreifen, attackieren auch Moscheen“, meint er im Gespräch mit zwei Vertretern von „Missio Aachen“ und vier deutschen Journalisten. Doch sei es für einen Christen schwerer, Gewalttätigkeit mit dem Evangelium zu vereinbaren, als für einen Muslim, sie mit dem Koran zu begründen. Der Kardinal, der für sich persönlich jede Polizeieskorte ablehnt, ist in Sorge: „Die terroristischen Aktivitäten könnten das Potenzial bekommen, das traditionell gute Verhältnis zwischen Christen und Muslimen zu zerstören.“ Es könnte, so fürchtet Onaiyekan, „attraktiv werden, Terrorist zu sein“. Nicht nur wegen Hunger und Arbeitslosigkeit, sondern auch, weil die Außenpolitik des Westens – wie derzeit der französische Krieg gegen die Islamisten in Mali – bei vielen Muslimen Emotionen schürt. Die meisten Muslime seien aber friedvolle Leute.

Die Mehrheit der Opfer von Boko Haram sind Muslime

Zu ihnen zählt der Sultan von Sokoto, dessen Einfluss in Westafrika über die Grenzen Nigerias reicht und von dem manche meinen, er habe mehr Macht als der Staatspräsident in Abuja. Sultan Muhammad Saad Abubakar III. gilt als fortschrittlich, hat im Gegensatz zu seinen Vorgängern nur eine Frau und steht mit dem katholischen Ortsbischof in freundschaftlichem Kontakt. Seine Berater hocken auf dem Boden zu seinen Füßen, während der katholische Bischof Matthew Hassan Kukah und die Gäste aus Europa auf Augenhöhe mit dem Sultan Platz nehmen dürfen.

Er habe sich „um die zeitlichen und um die geistlichen Angelegenheiten“ der Leute zu kümmern, die ihm anvertraut sind, erklärt der Sultan, der für Respekt und Toleranz plädiert: „Wir glauben alle an Gott, aber jeder verehrt ihn auf seine Weise – wo ist da das Problem?“ Es gebe viel mehr „intra-religiöse als inter-religiöse Probleme, also vor allem zwischen Muslimen und Muslimen“, sagt der Sultan in Sokoto, im nordwestlichsten Winkel Nigerias. Hier sind 99 Prozent der Einwohner Muslime und der Sultan ist ihr Führer. Für Boko Haram jedoch hat er nur Verachtung: „Das sind Verbrecher, Leute, die Instabilität bringen.“

Auch wenn er der ranghöchste islamische Würdenträger des Landes ist, hat der Sultan jenseits von Sokoto wenig Einfluss darauf, was die Imame predigen, was in den zahllosen Koranschulen oder irgendwo im Schatten eines Baumes gelehrt wird. Bischof Kukah erzählt, dass einer der größten Kritiker von Boko Haram ein Muslim gewesen sei: „Sie erschossen ihn in der Moschee! 60 Prozent der Opfer von Boko Haram sind Muslime.“ Das seien einfach Kriminelle, die aber solange Unterstützung fänden, solange man sie als muslimisch bezeichnet.

Tatsächlich waren jene Strukturen, die man gemeinhin Boko Haram nennt, ursprünglich eine Art innermuslimische Opposition gegen das islamische Establishment, gegen die Verwestlichung der gebildeten Eliten, gegen die Korruption und die Netzwerke zwischen politischen und islamischen Führern. „99 Prozent der Muslime wollen in Frieden leben. Aber die Regierung hat nicht verstanden, was hier passiert“, sagt Bischof Kukah. Boko Haram wandte sich gegen die Verwestlichung der Muslime Nigerias, doch als die USA in Afghanistan und im Irak einmarschierten, „da mussten auch wir den Kollateralschaden tragen“.

„Der Islam ist eine Religion des Friedens, aber die Religion wird missbraucht“, sagt ein Muslim in Sokoto bei der Dialogrunde, zu der Bischof Kukah die Intellektuellen des Ortes einlud. „In diesem Land gibt es keinen Ort, der friedlich ist, also ohne Konflikte und ohne Angst“, meint ein anderer. Einige klagen über die ethnische Diskriminierung der Zugezogenen, andere wollen homogene Regionen in diesem Land, das mehr als 250 verschiedene Ethnien und mehr als 500 Sprachen kennt. In einem scheinen sich alle einig: Die Politik ist zutiefst korrupt. „Wir haben eine schlechte Politik, eine Politik der Selbstsucht und des Geldes“, bringt der anglikanische Pastor den Konsens auf den Punkt.

Hier würden alle Muslime sagen, dass sie mit den Katholiken kein Problem haben, meint Bischof Kukah später im kleinen Kreis: „Sie haben gesehen, dass die Katholiken einen ehrlichen interreligiösen Dialog wollen – und der Papst hat es bewiesen. Die Pfingstkirchen dagegen akzeptieren den Islam als Religion nicht.“ Kukah hebt resignierend beide Hände: „Jede Religion hat ihre Radikalen!“

Ein Problem seien die neuen „Internet-Imame“, die ohne Bildung über Facebook ihre skurrilen Ideen verbreiten, meint der muslimische Intellektuelle Abdul-Hakeem Ajijola in Abuja. „Boko Haram“ (was übersetzt etwa „Westliche Bildung ist Sünde“ bedeutet) sei eine völlig falsche Bezeichnung, denn die von anderen sogenannte Gruppe habe sich selbst dem Dschihad verschrieben, und sie sei auch gar nicht gegen Bildung. „Diese Leute sind einfach fertig mit dem staatlichen System!“ Zu Terroristen seien sie erst geworden, nachdem die Polizei viele von ihnen tötete.

In Jos, vier Autostunden nordöstlich von Abuja, begann die Gewalt bereits 2001. Hier waren es die muslimischen Nachbarn, die Häuser anzündeten und alteingesessene Christen verjagten. Nach einem Jahrhundert friedlichen Miteinanders eskalierten die Auseinandersetzungen. Im März des Vorjahres passierte es dann: In St. Finbarr's strömten die Katholiken aus der Morgenmesse, andere kamen gerade zur Spätmesse, als ein Selbstmordattentäter mit dem Auto auf die Kirche zuraste. Die Fassade krachte zusammen, Glas splitterte, Körperteile flogen durch die Luft. 14 Menschen starben, unzählige wurden schwer verletzt.

Ein Terroropfer sagt: „Der Glaube hilft mir, zu vergeben“

Noch ein Besuch bei den Opfern. Diesmal in Madalla, nahe der Hauptstadt Abuja: Hier starben an Weihnachten 2011 in der St. Theresa-Kirche 44 Menschen, 127 wurden schwer verletzt, als ein Selbstmordattentäter mit seinem Auto auf das Gelände raste. Pfarrer Isaac Achi schildert die schrecklichen Ereignisse, führt uns zu den Gräbern hinter der Kirche. „Wo war damals Gott?“, fragt eine Kollegin. Pfarrer Achi, dessen Kirche 3 500 Menschen fasst, antwortet ohne Zögern: „Gott ist auf seinem Thron. Er hat die allermeisten beschützt!“

In der Kirche erzählen Opfer und Angehörige von ihrem Leid: Eine Frau verlor ihre Mutter, ein Mann seine Gattin, ein anderer seinen Sohn. Einem musste das Bein amputiert werden, eine Studentin verlor ein Auge und das Gehör auf einem Ohr. Ein Mann zieht seine Hose hinunter, damit wir die Verbrennungen an seinen Beinen sehen. „Ich werde diesen Tag nie vergessen, in meinem ganzen Leben“, schluchzt ein Mann, dessen Sohn bei der Detonation der Autobombe zerfetzt wurde. „Aber der Glaube hilft mir, zu vergeben. Der Hass bringt doch immer nur neuen Hass hervor!“

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