Leitartikel

Auch das Corona-Leid der Kinder in den Blick nehmen

Vieles an der Corona-Krise ist paradox, auch die psychische Betroffenheit: Virologisch sind die Hochbetagten am meisten gefährdet, psychisch Kinder und Jugendliche 

Ein kleines Mädchen sitzt alleine in einem Zimmer auf einem runden Teppich
Wegen dem Lockdown zur Bekämpfung der Corona-Pandemie sind Kitas und Schulen geschlossen. Die Kinder sind alleine zu hause, ohne körperlichen Kontakt mit Freunden. Foto: Fotostand / K. Schmitt via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Diese Krise kennt viele Opfer: Da sind Menschen mit schweren Krankheitsverläufen, die lange um ihr Leben kämpfen und – falls sie den Kampf gewinnen – noch länger unter Folgeschäden leiden. Da sind auch immer mehr Menschen, die psychisch krank werden, und denen nicht mit flapsigen Bemerkungen geholfen ist, sie jammerten auf hohem Niveau, weil es den Kriegsgenerationen ungleich schlechter ging. Zwei Klarstellungen vorab: Das Leid der einen darf nicht gegen das der anderen ausgespielt werden. Viele Familien sind mehrfach betroffen, weil die vitalen Großeltern plötzlich zur Hochrisikogruppe zählen und die Kinder in Depression oder Süchte rutschen. Zudem: Es ist nicht mehr präzise zu sortieren, welche Nöte vom Virus und seinen Mutationen, welche von den Lockdowns und Einschränkungen verursacht wurden. Zielführender ist die Addition: Pandemie plus Maßnahmen ist gleich Corona-Krise

Zu spät auf die Kinder geschaut

In dieser Krise sind die Kinder zu spät in den Blick gerückt. Zu lange waren Politik und Gesellschaft auf die virologische Situation und die wirtschaftlichen Auswirkungen fixiert. Die kollabierenden Zukunftshoffnungen junger Erwachsener konnten nicht ignoriert werden. Zu offensichtlich wirbelt die Krise die Pläne jener Generation durcheinander, die die Pensionen der ihrem Ruhestand entgegeneilenden Babyboom-Kohorte finanziell stemmen soll. Unter dem Radar blieb aber die Seelennot der Kinder und Jugendlichen, deren Distance-Learning sich Politiker wohl wie verlängerte Ferien mit ganz viel Ausschlafen dachten. 

Jedes dritte Kind schwer betroffen

Die Wirklichkeit sieht dramatisch anders aus: Laut einer aktuellen Studie aus Hamburg fühlen sich 85 Prozent der Kinder belastet; bei jedem dritten Kind sind psychische Auffälligkeiten manifest. Beobachtet werden psychosomatische Beschwerden, depressive Symptome, Ess- und Schlafstörungen, Ängste. Psychiater und Psychotherapeuten berichten von vermehrten Suizidgedanken und -handlungen, Vereinsamung und Entwicklungsstörungen. 

Kindheit kann keine Pause machen

Ein Jahr Krise fühlt sich für Menschen in der Lebensmitte anders an als für Kinder in der Entwicklung. Nicht nur, weil Kinder auf weniger Lebenserfahrung zurückblicken, sondern weil sich ihre Entwicklungsschritte nicht beliebig aussetzen, aufschieben und nachholen lassen. Kinder brauchen Kinder, leiden unter dem Abbruch des Kontakts zu Gleichaltrigen. Sie brauchen Spiel, Sport und Bewegung, eine feste Zeitstruktur und stabile Verlässlichkeit. All das hat die Corona-Krise eingeschränkt, ja zeitweise fortgespült. Einsam, verunsichert und hilflos fühlen sich viele Kinder und Jugendliche. Die offenkundige Verunsicherung und Hilflosigkeit Erwachsener trägt dazu bei. 

Angst greift um sich 

Mehr Wut und Impulsivität, Konzentrationsstörungen und Unruhe, Zwangshandlungen und Depressivität sind bei Kindern wahrzunehmen. Unsensible Politiker und Medien erklärten Kinder zu „Superspreadern“ – kein Wunder, dass zur Sorge und Angst bei vielen Schuldgefühle kamen. 

Die Corona-Krise vertieft die Gräben in der Gesellschaft. Auch zwischen Kindern: Wer sein eigenes Zimmer, ein geräumiges Haus mit Garten, eine stabile Familie mit Geschwistern und sicherem Einkommen hat, schlittert anders durch die Krise als der Schulfreund in desolaten Verhältnissen. Manche brauchen die Schule auch als Schutzraum. Für viele Erwachsene folgte auf eine Phase der Angst jene der Erschöpfung; vielen Kindern ist die Luft bereits ausgegangen. Wer nur virologische gegen ökonomische Aspekte abwägt, agiert zu kurzatmig und riskiert eine verlorene Generation. 

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