Amerika vor dem „Superdienstag“

Am 5. Februar wählen 22 Staaten ihren Präsidentschaftskandidaten

Ob danach die Konkurrenten für die Wahl im November feststehen, ist keineswegs sicher

John McCain hat am vergangenen Dienstag die Vorwahl der Republikaner in Florida gewonnen. Drei Tage zuvor hatte bei den Demokraten der dunkelhäutige Barack Obama in South Carolina die innerhalb der Partei nach wie vor aussichtsreiche Kandidatin Hillary Clinton geschlagen. Diese Ergebnisse haben im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf noch keine Entscheidung über die Aufstellung des endgültigen Kandidaten der beiden großen Parteien gebracht.

Huckabee hat kaum Chancen

Diese fällt wahrscheinlich am 5. Februar, dem „Super-Dienstag“, an dem in 22 der 50 Bundesstaaten die Parteien ihren Bewerber für das höchste Staatsamt wählen. Dazu gehören auch die bevölkerungsreichsten Staaten Kalifornien und New York, die eine besonders hohe Zahl von Wahlmännern für die Nominierungsparteitage im August und September stellen. Präsidentschaftskandidat der Demokraten wird, wer mindestens 2 025 Wahlmännerstimmen der Partei gewinnt. Hillary Clinton sicherte sich davon bisher 261, Barack Obama 192. Bei den Republikanern sind für die endgültige Aufstellung als Kandidat nur 1 191 Stimmen von Wahlmännern nötig. Von dieser Zahl sind der Vietnam-Veteran McCain und der ehemalige Gouverneur Mitt Romney mit 91 und 159 Stimmen noch weit entfernt. Ähnliches gilt für den früheren Baptistenprediger Mike Huckabee, der – wenn auch mit geringen Chancen – seine Kampagne fortsetzt. Die bei Demokraten und Republikanern unterschiedliche Zahl der für die Kandidatur erforderlichen Stimmen rührt daher, dass nur allgemeine Rahmenbedingungen der Wahl gesetzlich geregelt sind, während wichtige Details in den Statuten der Parteien stehen.

Die Situation ist wenigstens dadurch einfacher geworden, dass sich sowohl bei den Republikanern als bei den Demokraten praktisch jetzt nur noch zwei Kandidaten gegenüberstehen, nachdem andere Bewerber nach den ersten Urwahlen ausgeschieden sind. Bei den Demokraten geht es um Clinton oder Obama, bei den Demokraten um McCain oder Romney. Es ist jedoch nicht ganz sicher, dass nach dem großen Tag am 5. Februar wirklich schon die Kandidaten beider Parteien feststehen, die sich am 4. November bei der eigentlichen Präsidentenwahl gegenüberstehen werden.

Bei den Republikanern hat John McCain durch seinen Sieg in Florida enormen Aufwind bekommen. Sein gefährlicher Konkurrent Rudolph Giuliani, dessen Wahlkampf von Anfang an sehr riskant angelegt war, hat nach seiner Niederlage im „Sonnenscheinstaat“ aufgegeben und seinen Anhängern die Wahl des nicht mehr ganz jungen Senators aus Arizona empfohlen. McCain gilt als der liberalste unter den republikanischen Kandidaten, zählt zum politischen Urgestein Amerikas und leistet sich eigene Meinungen. Viele seiner Wähler in Florida waren allerdings aktive Soldaten oder Veteranen sowie die zahlreichen dort aus Gründen des günstigen Klimas lebenden Rentner. Er erhielt auch zahlreiche Stimmen von „Latinos“, darunter viele Exil-Kubaner. Ob er weiter so gut abschneidet ist also fraglich. Zudem spricht ihm eine Reihe von Beobachtern Kompetenz in Wirtschaftsfragen ab.

Demokraten liegen vorn

Sein Konkurrent, der Unternehmer Mitt Romney versteht indessen zweifellos etwas von Wirtschaftsdingen, und das ist angesichts der Angst vor einem Konjunkturabschwung mit mannigfachen Gefahren für Mittelschicht und sozial Benachteiligte recht wichtig geworden. Es spricht in Amerika für persönliche Tüchtigkeit, dass er etwa dreimal soviel an Wahlkampfspenden gesammelt hat wie McCain. Als Mormone sowie mustergültiger Ehemann und Familienvater stilisiert er sich als Gegner von Abtreibung und Homosexuellenrechten, um die christliche Rechte und nicht zuletzt die Evangelikalen hinter sich zu bringen. Um diese bemüht sich auch McCain, und dies sogar mit etwas mehr Glaubwürdigkeit. Dass er in zweiter Ehe verheiratet ist, schadet ihm dabei allerdings. In Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik unterscheiden sich die beiden republikanischen Duellanten kaum.

Den Demokraten werden in Umfragen nach wie vor die größeren Chancen bei der endgültigen Wahlentscheidung am 4. November zugebilligt. Dies liegt vor allem am allgemeinen Überdruss an der Regierung Bush und dem Wunsch nach einem Politikwechsel. Eine solche Stimmung kann sich allerdings rasch ändern, wenn es zwischen zwei konkreten Persönlichkeiten zu wählen gilt und nicht nur zwischen Parteien mit – nach europäischen Begriffen – wenig präzisen Programmen.

Dem Demokraten Barack Obama hat vor allem sein jugendliches Charisma und sein immer wieder bekundeter Wille, „in Washington aufzuräumen“, Sympathien gebracht, die am kommenden Dienstag für ihn zu Buche schlagen können. Beobachter fragen sich zwar, ob der Sohn eines Kenianers und einer weißen Amerikanerin von den schwarzen Wählern, die in ihrem Kern Nachfahren ehemaliger Sklaven sind, tatsächlich als „ihr Mann“ empfunden wird. In South Carolina hat er allerdings die Masse der farbigen Stimmen bekommen. Obama hat von Anfang an „Rasse“ nicht zum Wahlkampfthema gemacht und sich eher als „post-rassischer“ Politiker präsentiert. Es war seine demokratische Konkurrentin Hillary sowie nicht zuletzt ihr Ehemann und Wahlkämpfer Bill Clinton, die ihn in eine „Rassenecke“ zu treiben versuchten. Dass Obama in dieser Woche die Unterstützung der unter Demokraten nach wie vor hoch angesehenen Familie Kennedy erhielt, dürfte ihm nützen.

Hillary Clinton wird massiv von der einflussreichen „New York Times“ zur Wahl empfohlen, was ihr vermutlich liberale Stimmen bringen wird. Ihr Spendenaufkommen ist über zehnmal so hoch wie das des Republikaners Romney und erst recht dasjenige von Obama. So wundert es nicht, dass ihre Wahlkampfmaschinerie nahezu perfekt läuft, zumal sie auch von ihrem Mann wichtige Termine wahrnehmen lässt, sich also – wie ihre Neider sagen – „verdoppeln“ kann. Sie ist zwar eine Repräsentantin des alten Establishment, hat aber auch überraschend viel Sympathisanten unter Latinos und Schwarzen, bei denen ihr gerade die Frauen zugute halten, dass sie während der Präsidentschaft ihres Mannes unter schwierigen Bedingungen zu ihrer Ehe gestanden ist.

Falls der „Super-Dienstag“ keine klaren Entscheidungen bringen sollte, wird bis zu den beiden Bundesparteitagen im Spätsommer jede Stimme wichtig. Auch kann sich in einer unsicher gewordenen Welt noch manches ereignen, was den Wahlausgang beeinflusst.

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