Moskau

Alexej Nawalnyi: Das Gesicht der Opposition

Mit einem Video über einen Protz-Palast am Schwarzen Meer attackierte Alexej Nawalny erstmals ganz offen den russischen Präsidenten Putin. Doch auch Nawalny ist großrussisches Denken nicht fremd.
Kremlgegner Nawalny
Foto: Mstyslav Chernov (AP) | Dass die Kremlpartei "Einiges Russland" im Volksmund den Beinamen "Partei der Diebe und Gauner" hat, ist eine Wortschöpfung Nawalnys.

Bisher waren es immer hochrangige Staatsdiener, die Angst haben mussten, wenn Alexej Nawalny mit weit aufgerissenen Augen und gesenkter Stirn vor die Kamera trat und neue Enthüllungen über Korruption präsentierte. Jetzt hat er Neuland betreten: Mit einem Video über einen Protz-Palast am Schwarzen Meer attackierte er erstmals die Nummer eins ganz offen.

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Mehr als 91 Millionen Mal wurde das Video allein auf Youtube aufgerufen. Putin höchstselbst fühlte sich genötigt, ein Dementi abzugeben: Der Palast gehöre ihm gar nicht. Nawalny ließ das Video direkt nach seiner Rückkehr nach Moskau veröffentlichen, wo er sofort festgenommen wurde. Er kam zurück aus Berlin, wo ihn deutsche Ärzte nach seiner Vergiftung mit dem Nervengas „Nowitschok“ im August 2020 behandelt hatten. Nawalny sieht hinter dem Anschlag die russischen Geheimdienste und Putin. Abertausende Russen gingen am Samstag auf die Straße, um gegen seine Festnahme zu protestieren. Dem Juristen mit dem durchdringenden Blick ist es wie keinem Politiker gelungen, die Opposition zu einen. Er  wurde wiederholt eingesperrt – unter teilweise fadenscheinigen Vorwänden. Die Verfahren gegen ihn wirkten oft wie aus Kafka-Romanen. Im Mai 2017 wurde auf den Vater zweier Kinder ein Anschlag mit einer Farblösung verübt, die mit Chemikalien versetzt war. Die Attacke kostete ihm fast ein Auge. Doch ebenso wenig wie der Giftanschlag schreckte das den Hünen, der mit 1,88 Meter seinen Rivalen Putin um einen halben Kopf überragt.

Nawalny hat ein Gespür für Stimmungen

Nawalny hat ein Gespür für Stimmungen. Dass die Kremlpartei „Einiges Russland“ im Volksmund den Beinamen „Partei der Diebe und Gauner“ hat, ist eine Wortschöpfung des Juristen. Ex-Mitarbeiter werfen Nawalny vor, sein Führungsstil sei autoritär. Seine Unterstützer rechtfertigen dies damit, anders sei Politik in Russland heute nicht zu betreiben. Kritiker vor allem im Westen stoßen sich an nationalistischen Tönen. Seine Anhänger verweisen darauf, dass der Oppositionsführer sich nicht gänzlich den Stimmungen in der Bevölkerung entziehen könne. Und dass seine Positionen im Vergleich zu den chauvinistischen Motiven in den vom Kreml gesteuerten Medien gemäßigt seien.

Fakt ist, dass dem 44-Jährigen großrussisches Denken nicht fremd scheint: In einem Interview erklärte er, die annektierte Krim würde auch er „niemals an die Ukraine zurückgeben“.

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