Zwischen den Stühlen

Viele traumatisierte, jugendliche Geflüchtete finden keine geeignete Unterkunft – Für manche wäre eine solche die Rettung vor dem Tod. Von Anna Sophia Hofmeister

Küchentreffen: Dadurch, dass die Jugendlichen selbst für ihr Essen zuständig sind, erhalten sie sich ein Stück Heimat. Foto: dpa
Küchentreffen: Dadurch, dass die Jugendlichen selbst für ihr Essen zuständig sind, erhalten sie sich ein Stück Heimat. Foto: dpa

Als Anes (Name von der Redaktion geändert) den Bodenreiniger trinkt, will er nur noch zu seiner Mutter. Sie ist tot, das weiß er, aber sie erscheint ihm im Traum und macht ihm bittere Vorwürfe.

Bevor sie, von Krankheit ausgezehrt, starb, versprach seine Tante, sich um Anes und seine beiden kleinen Schwestern zu kümmern. Sie lebten in Somalia, auf dem Land. Sein Vater war schon vorher in den Bürgerkriegswirren umgekommen. Da war Anes noch klein. Jetzt ist er dabei, ein junger Mann zu werden – in seinem Land bedeutet das, reif zu sein für das Gewehr. Regelmäßig liefern sich Milizen verschiedener Clans und Terrororganisationen Feuergefechte untereinander, mit Sicherheitskräften und Regierungstruppen. Ständig sind sie auf der Suche nach Nachwuchs.

Alles, nur nicht das, sagte seine Tante, und auch er hatte schon von Verschleppung und Folterungen gehört. Er musste weg. In eine andere Zukunft. Weil das Geld nicht für alle reichte, sollte er vorausreisen, Tante und Schwestern wollten mit dem Restvermögen wenigstens bis nach Kenia vor drohenden Repressionen fliehen.

Ob sie dort angekommen sind, weiß Anes bis heute nicht. Er hatte schon den weiten Weg über Afrika, das Meer und Italien überstanden, war schon in Deutschland registriert, als er – kurz nachdem er durch ein Telefonat von der Ermordung einer seiner kleinen Schwestern erfahren hatte – im Rausch aus Alkohol und Verzweiflung sein Handy verlor. Mit allen Nummern, die ihn mit seiner Heimat verbanden.

„Du hast sie im Stich gelassen“, sagt ihm seine Mutter im Traum. Immer wieder. Und weil sie ihn dabei heute wieder so traurig und schmerzbeladen ansah, griff Anes zu dem Bodenreiniger, setzte an und schluckt und schluckt. Doch das Leben in seinem jungen Körper wehrt sich. Bäumt sich auf, rebelliert im Kopf und peitscht den Magen. Anes wankt zur Tür, weit ist es nicht, dreht den Schlüssel, stürzt auf den Gang und röchelt.

Monika hört das Geräusch und guckt. Zum Glück, sagt sie heute. Sie war noch am Computer gesessen, um liegengebliebene Mails zu erledigen, obwohl die Nachtkontrolle bereits vorbei war und sie sich zum Nachtbereitschaftsdienst zurückziehen hätte können. „Als ich ihn da liegen und würgen sah, kurzzeitig lag er bewusstlos am Boden, dachte ich, er stirbt“, erzählt sie. Die junge Frau mit dem freundlichen Gesicht und dem breiten Lächeln hat Soziale Arbeit studiert und nach ihrem Abschluss begonnen, in München für den Caritasdienst Alveni zu arbeiten, wo sie sich der Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge widmet. Anes sei ein besonderer Fall, sagt sie. Schwer traumatisiert, süchtig, depressiv, suizidgefährdet. Manche „ihrer Jungs“ hätten zwar mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, gingen aber anders damit um, fänden sich nachhaltiger in der neuen Heimat zurecht.

Zwei Jahre lang war Anes auf der Flucht. Von Somalia nach Kenia, dann in den Sudan und Libyen. Auf einem alten, überladenen Schlauchboot gelangte er bis Malta, wie er sagt. Dort habe er begonnen zu trinken. „An Details seiner Flucht kann sich Anes nur schwer erinnern“, sagt Monika. Er erzähle von brutalen Schlägen und Gefängnis. Für die Schlepper habe er kochen müssen, um seine Weiterreise zu finanzieren. Die führte ihn später nach Italien. Und weiter.

In Deutschland hat Anes mit seinen damals 17 Jahren noch Anspruch auf besonderen Schutz. Nicht nur die UN-Kinderrechtskonvention, die seit 2010 auch in Deutschland gilt, garantiert unbegleiteten Flüchtlingskindern „angemessenen Schutz und humanitäre Hilfe bei der Wahrnehmung der Rechte“. Auch die Artikel 18 und 19 der EU-Aufnahmerichtlinie schreiben den Mitgliedstaaten vor, besonders auf das Wohl der Minderjährigen zu achten und ihnen einen kompetenten Vertreter für ein Asylverfahren, einen „Vormund“, zur Seite zu stellen. Gleichzeitig fallen minderjährige Flüchtlinge unter das Aufenthaltsgesetz und Asylrecht. Die Hilfe für Kinder ohne Eltern ist durch das Sozialgesetzbuch VIII zur Kinder- und Jugendhilfe geregelt, das für Kinder mit und ohne deutsche Staatsangehörigkeit gilt.

Als Anes in der zentralen Erstaufnahmestelle registriert wurde, durchlief er ein sogenanntes Clearingverfahren des zuständigen Jugendamtes, bei dem grundsätzliche Fragen geklärt werden sollen: Sein Alter, das entscheidend für die Rechtslage ist, seine Herkunft, Bedürfnisse sozialer, psychologischer und pädagogischer Art, die Anzahl seiner Familienangehörigen und die Unterbringung. Da Anes keine in Deutschland lebenden Verwandten hat, wurde für ihn im Anschluss an das Verfahren eine geeignete Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung gesucht.

„Ziel ist die Selbstständigkeit“, sagt Jürgen Keil, der das Alveni-Jugendhaus der Caritas, in dem Anes schließlich gelandet ist, leitet. Sein Haus wurde 2012 für insgesamt 50 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eröffnet. „Alveni heißt auf Esperanto ,Ankommen‘“, erklärt er. „Wir versuchen, den Flüchtlingen hier ein gutes Ankommen zu ermöglichen. Wir versuchen, offen und ohne Vorbehalte auf die Jungs zuzugehen.“ Gleichzeitig seien sie dazu da, einen Rahmen vorzugeben, den die Jugendlichen erlernen müssen, vor allem, wenn es um Integrationsfragen geht: Frauenbild, Pünktlichkeit, Höflichkeit, Gepflogenheiten. Die Schicksale der hier aufgenommenen Jungen ähneln sich sehr: Jugendliche, oft noch Kinder, aus Afghanistan, Irak oder afrikanischen Ländern kommen über die grüne Grenze, werden von Schleppern an der Autobahn zwischen Kiefersfelden und Rosenheim abgesetzt oder im Zug aufgegriffen. Sie sind vor Krieg in ihren Heimatländern geflohen oder wurden von ihren Familien nach Europa geschickt. Viele der Jugendlichen sind durch die lange Flucht oder von den Umständen in ihren Heimatländern traumatisiert und weder der deutschen Sprache mächtig noch mit der fremden Kultur vertraut.

Es ist die Aufgabe von Monika und ihren Kollegen, den jungen Flüchtlingen zu helfen, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Sie ist ihnen Ansprechpartnerin, Ratgeberin, Managerin und Begleiterin. Auch Mutter: Sie sorgt für einen geregelten Tagesablauf, achtet darauf, dass die Jungs ihre Termine wahrnehmen, sie lobt und tröstet sie. Abrechnungen, Protokolle, Entwicklungsberichte, Gutachten, Netzwerkarbeit sowie Austausch mit Vormündern, Lehrern, ehrenamtlichen Paten und dem Jugendamt gehören ebenso zu ihrem Alltag wie Tisch-Kicker und Fußballspiel auf der großen Wiese vor dem Haus. „Eigentlich bin ich für die Jungs, die ich betreue, die Hauptbezugsperson“, sagt sie. Eine wichtige Brücke zu den anderen deutschsprachigen Menschen. Die Beziehung sei oft emotional und vertrauensvoll. „Nur manchmal“, sagt sie und lacht, „muss ich aufpassen, dass die Herren mich nicht als ihre persönliche Sekretärin betrachten.“

Anes' Zimmer sieht etwas chaotisch, aber gemütlich aus. Auf dem Bett liegen Kissen und viele Kuscheltiere, die er geschenkt bekommen hat, davor ein flauschiger Teppich. Er hat sich zahlreiche Katzenposter an die Wand gepinnt, dazwischen ein paar Fotos von Freunden, ein Stundenplan. Katzen sind seine Lieblingstiere. Er hätte gerne eine, so kuschelig und weich wie auf dem Bild. Eine Stehlampe aus weißem Papier leuchtet, obwohl zum Fenster die Sonne hereinscheint. Monika knipst sie aus: „Anes kann nur bei Licht schlafen, und auch tagsüber lässt er es immer brennen“, sagt sie.

Das Alveni-Jugendhaus ist eine Einrichtung ohne strikt geregelten Tagesablauf. Die Jungen sind selbst dafür verantwortlich, wann sie morgens aufstehen, wann und was sie zu Mittag essen, wie sie ihren Tag verbringen. Einhalten müssen sie Schulzeiten, Deutschunterricht, Arzttermine, Putzdienste und regelmäßige Betreuergespräche. Anes kommt mit der ihm zugesprochenen Verantwortung und Freiheit nicht zurecht. Weil er nachts wegen der Alpträume nicht schlafen kann, kriecht er oftmals erst mittags aus dem Bett. Er betrinkt sich, zieht sich zurück, verletzt sich selbst. Bisweilen kommt er abends nicht nach Hause, einmal blieb er tagelang verschwunden bis die Polizei ihn wiederfand und in ein Krankenhaus einlieferte. „Ein Sorgenkind“, sagt Monika. Sie kümmert sich um ihn, spricht mit ihm, kämpft gegen seine Gleichgültigkeit.

Nach seinem Selbstmordversuch landete Anes in der geschlossenen Jugendpsychiatrie. Ein Schock für Anes, da er lange fixiert wurde, ihn niemand verstand und er dadurch teilweise retraumatisiert wurde, wie Monika meint. Anes' Misstrauen wuchs ins Unermessliche.

„Etwa 50 Prozent der geflüchteten Jugendlichen bringen eine Traumatisierung mit, die wir bemerken“, sagt Jürgen Keil. Allerdings heiße eine „Traumatisierung bemerken“ nicht, dass der Jugendliche nicht ohne therapeutische Hilfe seinen Alltag im Griff hätte. „In den vergangenen vier Jahren hatten wir fünf, sechs Fälle, die so massiv waren, dass wir den psychiatrischen Notdienst einschalten mussten. Die niedrige Quote liegt auch daran, dass wir, da wir eine rein pädagogische und keine therapeutische Einrichtung sind, Opfer von schwerer Traumatisierung gar nicht aufnehmen.“ Bei manchen breche das Trauma jedoch auch erst später durch, etwa weil im Heimatland die Mutter gestorben ist. „Dann haben wir von heute auf morgen einen schwierigen Fall hier sitzen“, sagt Jürgen Keil und seufzt. „Das ist dann die echte Herausforderung für jeden Betreuer, wenn der Jugendliche momenthaft nicht mehr im Hier und Jetzt ist, sondern einen Flashback hat. Für solche Fälle durchlaufen Betreuer auch spezielle Schulungen; solche Flashbacks sind nämlich manchmal nicht ganz ungefährlich, weil der Betroffene unkontrolliert agiert.“

Weil das Alveni-Jugendhaus ihm mit seiner offenen Struktur nicht ausreichend Schutz bieten konnte, suchten Monika und ihre Kollegen nun fieberhaft nach einer geeigneteren Einrichtung für den jungen Mann, der wegen der fortschreitenden Zeit bald aus dem Rahmen der Jugendhilfe zu fallen drohte. Für Anes hieße das, künftig dem Schicksal der Anonymität überfüllter Gemeinschaftsunterkünfte überlassen zu sein. Für schwer Traumatisierte gibt es kaum Angebote. „Solche Einrichtungen sind ganz dringend notwendig“, stellt Jürgen Keil fest. „Die Tendenz, dass ein schwer traumatisierter Flüchtling, der nicht aufgefangen wird und die Möglichkeit zu einer passenden Behandlung bekommt, in die Kriminalität abrutscht, ist sehr hoch. Wenn wir uns da als deutsche Gesellschaft, als Jugendämter und alle, die daran beteiligt sind, nicht stärker um solche schwierigen Fälle bemühen, sehe ich große Probleme auf uns zukommen.“ Der Markt an speziell geschultem Fachpersonal sei zu dünn, es gebe viel zu wenige Sozialpädagogen, die genau wissen, mit wem sie es zu tun haben. „Selbst wenn man viele neue Häuser aus dem Boden stampfen würde, dürfte man diese nicht von Berufsanfängern betreuen lassen.“

Bei Anes kam der Absturz nachts. Nachdem er aus der Klinik entlassen worden war, war er mangels Alternativen wieder im Alveni-Jugendhaus untergekommen. Die vertraute Umgebung sollte beruhigend auf ihn wirken. Doch Anes verschanzte sich, betrunken, mit einem Küchenmesser in seinem Zimmer und schlug seinen Kopf gegen die Wand. Immer wieder. Monika und ihre Kollegen riefen die Polizei; Anes drohte an, sich vor die S-Bahn zu werfen. Während nun auch die Polizisten versuchten, den jungen Mann zum Herauskommen zu bewegen, sprang er aus dem Fenster im zweiten Stock. Mit dem Messer rannte er davon. In einem der Nachbargärten überwältigten sie den Verzweifelten schließlich mit Pfefferspray. Er sei nicht kooperativ und nicht ausreichend einsichtig, vermerkte später das Jugendamt. Ein Grund dafür, dass Anes inzwischen nicht weiter die Jugendhilfe in Anspruch nehmen kann.

Er lebt nun in einer gewöhnlichen Gemeinschaftsunterkunft in einem Doppelzimmer mit einem anderen Somalier. Eine ehrenamtliche Patin und eine Therapeutin des Vereins „Refugio“ halten mit ihm Kontakt. „Das beruhigt mich ein wenig“, sagt Monika und runzelt die Stirn. Sie sieht in den Ereignissen das Zeichen, dass es für derart Betroffene kaum angemessene Hilfe gibt. „Trauma und Sucht bedingten sich bei Anes gegenseitig“, sagt sie. Dafür fehle bei den Zuständigen jedoch die Einsicht. Anes sei zu schnell und endgültig schlechte Mitarbeit, mangelnde Einsicht und ein Anpassungsdefizit attestiert worden. Ihrer Meinung nach hätte er mehr Zeit gebraucht. Zeit für „Beziehungsarbeit“ und therapeutische Hilfe, wie die junge Frau sagt. „Der Begriff ,Flüchtlinge‘ wird auf eine große Masse von Menschen angewandt“, sagt sie. „Jeder von ihnen hat jedoch eine ganz eigene Geschichte. Da sollte man geduldiger und sensibel differenzieren.“

Ihr Chef, Jürgen Keil, sieht das ähnlich und geht einen ersten Schritt: Er plant ein zweites Haus für Jungen wie Anes. „Allerdings sind wir da noch im Genehmigungsverfahren“, sagt er. Ansatz sei ein therapeutisch begleitetes Wohnen, es gebe neun Plätze. Die Tagesstruktur wird dort einem sehr engen Zeitplan und klar verteilten Diensten folgen. „Genau diese Fälle brauchen eine strenge Alltagsstruktur“, sagt Jürgen Keil. „Um wieder Halt zu finden.“

Hintergrund: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die ohne Eltern nach Deutschland geflohen sind, wird nicht zentral erfasst. Sie lässt sich aber ungefähr an der Anzahl von Inobhutnahmen durch die Jugendämter ablesen. Diesen zufolge sind die Zahlen stark angestiegen: Das Statistische Bundesamt (Destatis) registrierte für das Jahr 2014 rund 11 600 Kinder und Jugendliche, die unbegleitet eingereist sind und aufgenommen wurden. 2013 waren es nur halb so viele. Ende Januar 2016 sei die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge auf 60 162 angewachsen, teilt der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit. Zusätzlich befänden sich derzeit 7 721 ehemalige unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Rahmen der Hilfen für junge Volljährige in der Zuständigkeit der Jugendhilfe. Hauptherkunftsländer waren im Jahr 2015 Afghanistan, Syrien, Irak, Eritrea und Somalia.