Zum Krieg kommt noch Hunger

Im Südsudan haben die Vereinten Nationen ihren Friedenseinsatz verlängert. Von Carl-Heinz Pierk

Auch Truppen der Afrikanischen Union wirken am UN-Einsatz im Südsudan mit. Foto: dpa
Auch Truppen der Afrikanischen Union wirken am UN-Einsatz im Südsudan mit. Foto: dpa

Der Südsudan rutscht weiter in den Abgrund. Ein Beleg dafür ist der dramatische Hilferuf, den zehn große internationale Hilfsorganisationen an die Öffentlichkeit gerichtet haben. Sie könnten vermutlich schon bald keine Hilfe mehr leisten. Es sei zurzeit nicht möglich, Millionen von Menschen zu erreichen, die dringend auf Hilfe angewiesen seien. Trotz eines vereinbarten Waffenstillstandes hielten Gewalt und Unsicherheit in der Hauptstadt Juba an und breiteten sich in andere Bundesstaaten aus.

Insgesamt benötigt nach Angaben der Hilfsorganisationen die Hälfte der Bevölkerung im Südsudan humanitäre Hilfe. Im seit fünf Jahren unabhängigen Südsudan bekämpfen sich die Armee von Präsident Salva Kiir und Anhänger seines Rivalen Riek Machar, der vor wenigen Tagen als Vizepräsident abgesetzt und stattdessen Bergbauminister Taban Deng Gai zu seinem Nachfolger bestimmt wurde.

War die Regierung im muslimisch geprägten Nordsudan lange Zeit ihr gemeinsamer Feind, so eskalieren nun im Südsudan die Kämpfe unter den Volksgruppen. Die beiden Hauptrivalen im Kampf um die Macht gehören verschiedenen Volksgruppen an, die bereits während des Bürgerkriegs in den 1990er Jahren einen blutigen Konflikt austrugen: Präsident Salva Kiir gehört zu den Dinka, dem einflussreichsten und zahlenmäßig größten Volk. Sein Erzrivale und ehemaliger Stellvertreter ist ein Nuer, ein Angehöriger einer etwas kleineren Volksgruppe. Immer wieder gab es Friedensabkommen, die immer wieder scheiterten. Das liegt vor allem daran, dass es keine echte gemeinsame Regierung gibt und jede Seite über eigene Milizen verfügt. „Um es gelinde auszudrücken: Die Situation ist rau“, musste Kardinal Peter Turkson, im Vatikan zuständig für Gerechtigkeit und Frieden, resigniert feststellen. Er war kürzlich von Papst Franziskus in den Südsudan geschickt worden und sollte dabei helfen, den Dialog und das Vertrauen zwischen den Krieg führenden Parteien aufzubauen. Doch keine der Parteien traut der anderen über den Weg.

Inzwischen haben die Vereinten Nationen angesichts der verschärften Sicherheitslage den UN-Friedenseinsatz im Südsudan kurzzeitig verlängert. Der Weltsicherheitsrat stimmte geschlossen für eine Verlängerung bis zum 12. August, um den beteiligten Diplomaten mehr Zeit zu geben, eine Entscheidung über eine Ausweitung der Maßnahmen im jüngsten Staat der Erde zu fällen. Das Mandat für die UNMISS wäre sonst am Sonntag ausgelaufen. Zu den Optionen zählen ein Waffenembargo und die Entsendung von mehr Truppen. Rund 12 000 bewaffnete Blauhelmsoldaten haben derzeit das Mandat, zum Schutz von Zivilisten ihre Waffen einzusetzen. Wirksamen Schutz brauchen vor allem die mehr als 170 000 Menschen, die sich in Camps der Vereinten Nationen geflüchtet haben. Angriffe auf UN-Camps haben jedoch gezeigt, dass die Blauhelmsoldaten damit überfordert sind, die auf ihrem Gelände Hilfe suchenden Zivilisten zu beschützen. Die UN-Truppe muss aber nicht nur in der Lage sein, die Zivilbevölkerung zu schützen, sondern auch den Hilfsorganisationen einen sicheren Zugang im ganzen Land zu ermöglichen.

Zum blutigen Konflikt zwischen Regierungsanhängern und Rebellen kommt jetzt der Hunger: Die UNO spricht von bis zu 5,3 Millionen Menschen im Südsudan, die bis zum Ende der Trockenzeit im September von Hunger bedroht sind. „Die letzten Ernten waren ein Fiasko und die Nahrungsmittelpreise sind extrem gestiegen“, erläutert Sebastian Kämpf, der seit sieben Jahren als Entwicklungsberater und Caritas-Koordinator in der Diözese Wau tätig ist und jetzt wegen der gefährlichen Lage nach Deutschland zurückgekehrt ist. „Die Situation ist sehr unübersichtlich, weil es an verschiedenen Stellen im Land Kämpfe gegeben hat, auch schwere Kämpfe. Die Leute haben Angst, das spürt man. Die ziehen sich zum Teil in ihre Stammesgebiete zurück, um nicht anderen Stämmen ausgeliefert zu sein. Es gibt sehr viel Misstrauen, Hass und vor allem sehr große Probleme mit der Nahrungsmittelversorgung“, berichtete Kämpf gegenüber dem Kindermissionswerk „Die Sternsinger“. Das Kindermissionswerk und Misereor, das größte Entwicklungshilfswerk der katholischen Kirche, unterstützen mit ersten Nothilfen in Höhe von jeweils 100 000 Euro Projektpartner in der Hauptstadt Juba und Wau. Die zweitgrößte Stadt im Südsudan liegt rund 500 Kilometer Luftlinie nordwestlich von Juba.

Trotz der ernsten Lage vor Ort verfolgt Sebastian Kämpf einen Traum: „Ich würde gerne eine Farm aufbauen, die von Studenten der Landwirtschaft betrieben wird, und wo sich Bauern Tipps holen können. Durch den Krieg ist viel Wissen verloren gegangen. Neben Getreide und Erdnüssen könnten wir auch Gemüse anbauen und mit den Erträgen Schulspeisungen organisieren. Das Land hier ist fruchtbar, und wenn das Wetter mitspielt, kann man mit wenig viel erreichen.“