Zaghafter Wandel in der Heimat Mohammeds

Religionsfreiheit gibt es in Saudi-Arabien allenfalls für Diplomaten und ausländische Geschäftsleute. Von Stephan Baier

Der greise König Abd'Allah gilt als Motor der Veränderung seines Landes. Foto: dpa
Der greise König Abd'Allah gilt als Motor der Veränderung seines Landes. Foto: dpa

Ein gutes Beispiel dafür, wie die Diskriminierung der Frau auch die Männer benachteiligt: Weil Frauen in Saudi-Arabien nicht selbst am Steuer eines Autos sitzen dürfen, muss der einzige Sohn einer Großfamilie ständig den Chauffeur für seine zahlreichen Schwestern spielen. Saudi-Arabien ist ein Land voller Paradoxe: einerseits der engste Verbündete Amerikas in der arabischen Welt, andererseits mit Nord-Korea, Jemen und dem Iran unter jenen Staaten, die am wenigsten Freiheit in religiösen Angelegenheiten kennen. Da pflegt die Heimat Mohammeds die radikalste und intoleranteste Version des sunnitischen Islam, den Wahabitismus, doch boomt in Folge des sagenhaften Erdölreichtums die Geldwirtschaft, schießen Hochhäuser und Fastfood-Ketten aus dem Boden.

Auf dem Demokratie-Index des „Economist“ findet sich Saudi-Arabien neben Nord-Korea auf Platz 168. Dennoch ist der Arabist und Historiker Jörg Matthias Determann, der an der Universität London zur Geschichtsschreibung in Saudi-Arabien forscht, von einem langfristigen, tiefgreifenden Wandel des Landes überzeugt. Diese Entwicklung sei nicht allein auf den Schock des 11. September 2001 zurückzuführen, an dem 15 der 19 Attentäter saudische Staatsbürger waren, sondern in einen umfassenderen historischen Kontext einzuordnen. Determann, der 2009 und 2010 am „King Faisal Center for Research and Islamic Studies“ in Riad geforscht hat und zuvor als Lektor an der „King Saud University“ in Riad tätig war, beobachtet eine wachsende Debattenkultur in den Medien: Zwar sei Kritik am König und an den Prinzen weiter undenkbar, doch werde in den nationalen Medien über die Situation der Frauen ebenso diskutiert wie über die Korruption. Auch gebe es mittlerweile eine „relative Meinungsfreiheit im Cyberspace“.

Bei den Kommunalwahlen 2005 sei immerhin die Hälfte der Sitze gewählt worden, wenngleich ohne ein aktives oder passives Wahlrecht der Frauen. Mehrere Listen waren zugelassen und in einigen Gemeinden wurden mehrheitlich Schiiten gewählt, obgleich diese vom herrschenden Wahabitismus als „Verweigerer der Wahrheit“ gesehen und diskriminiert werden. Zu den im Auftrag des Königs abgehaltenen Religionsforen seien auch Schiiten eingeladen und umstrittene Themen – wie die Diskriminierung von Frauen und der Extremismus – debattiert worden. Die Mädchenschulen unterstünden nicht länger der Kontrolle der Religionsgelehrten, sondern einer Vizeministerin im Bildungsministerium. 2010 habe die Buchmesse in Riad erstmals ohne getrennte Öffnungszeiten für Frauen und Männer stattgefunden, berichtete Determann bei einem Vortrag an der Wiener Universität. Der König habe einen Religionsgelehrten abgesetzt, als dieser die Mischung von Frauen und Männern in der Gesellschaft in einer Fatwa ablehnte.

Überhaupt sieht der junge Wissenschaftler den mittlerweile 86-jährigen König Abd'Allah bin Abdelasis Al Saud als Motor der vorsichtigen Veränderung. Er habe Universitäten und wissenschaftliche Einrichtungen gegründet, die den Wissenstransfer zwischen der arabischen Welt und dem Westen fördern. 1956 seien nur fünf Prozent der Einwohner des Landes alphabetisiert gewesen, heute könnten 85 Prozent der Männer und 71 Prozent der Frauen lesen und schreiben. Zehntausende Saudis würden in Amerika, Großbritannien, Deutschland oder Süd-Korea auf Staatskosten studieren, um dann im eigenen Land wirtschaftlich tätig zu werden. Manche dieser Studenten hätten zunächst Depressionen, wenn sie aus dem liberalen Westen in das gesellschaftlich stark reglementierte Saudi-Arabien zurückkehren, gibt Determann auf Nachfragen zu. Dennoch hätten sie in der eigenen Heimat mehr Möglichkeiten, schnell sehr reich zu werden. Diese Studenten mit Auslandserfahrung würden „sicherlich das Land verändern“.

Am sichtbarsten wird die Veränderung in der Ökonomie: Der König und sein Clan hätten die Vision einer weniger vom Erdöl abhängigen Wirtschaft, geführt von einer neuen Klasse der Doktoren, Ingenieure und Geschäftsleute, die in einer globalen Weltwirtschaft agieren können, schreibt die „New York Times“. Riesige „King Abd'Allah Economic Cities“ als Zentren der Geldwirtschaft sind geplant, mit niedrigen Steuern, leichteren Grundbuch- und Unternehmenseintragungen. Sie wollen „ihr Cash im Land halten“, bestätigt Determann und meint: „Saudi-Arabien ist ein ganz kapitalistisches Land.“

Ob und wie sich die relative Öffnung Saudi-Arabiens fortsetzen wird, will Determann nicht voraussagen. Dies hänge von zu vielen Faktoren, etwa vom Terror und vom Ölpreis, ab. Die bisherigen Veränderungen seien nicht linear und stets langsam verlaufen. Und bei der Sicherheit wolle die Regierung keine Kompromisse machen. Zu den wichtigsten Lobbies des hochbürokratisierten Landes zählt der Kenner Technokraten und Religionsgelehrte.

Nicht-Muslime seien in Saudi-Arabien, wo der Wahabitismus weiter die offizielle Staatsdoktrin ist, noch immer „Outsider“. Auch wenn „viele Saudis auf Toleranz trainiert“ seien, auch wenn König Abd'Allah den Papst besuchte, internationale Dialogkonferenzen eröffnete und für Toleranz warb: In Saudi-Arabien kann keine christliche Konfession offiziell aktiv sein. Religionsfreiheit gibt es in engen Grenzen allenfalls für Diplomaten und ausländische Geschäftsleute, die nicht an die Kleiderordnung gebunden sind und eine Messe in einer Botschaft besuchen sowie privat religiöse Literatur besitzen können. Messen und Taufen auf einem Botschaftsgelände würden „toleriert, solange es nicht öffentlich wird“, so Determann. Das neu entstandene, wachsende saudische Nationalbewusstsein dränge den Wahabitismus als Identifikationsfaktor langsam zurück. Eine Religionsfreiheit etwa für die mindestens 1,5 Millionen Filipinos im Land ist gleichwohl nicht in Sicht.