Wirtschaftskrieg, Terrorkrieg, Cyberkrieg

Der Nahost-Experte Michael Wolffsohn rechnet nicht mit einem herkömmlichen Militärschlag Israels gegen den Iran. Von Michaela Koller

. Foto: Archiv
. Foto: Archiv
Israels Ex-Minister für Zivilverteidigung, Matan Vilnai, sprach über einen Schlag gegen das iranische Atomprogramm. Kommt es jetzt, kurz vor den US-Präsidentschaftswahlen, zum Krieg in Nahost?

Zu einem Krieg im herkömmlichen Sinne wird es weder vor noch nach den US-Wahlen kommen. Nicht herkömmlich ist der Krieg des Iran gegen die USA und Israel und dieser beiden gegen den Iran längst im Gange. Es tobt zum Beispiel ein Wirtschaftskrieg. Der Iran betreibt seit Jahrzehnten den Terrorkrieg gegen Israel, Juden in der Welt und die USA und redet sich ein, diese beiden „Satansstaaten“ schlagen oder vernichten zu können. Absurde Traumwelt. Israel und die USA führen gegen die unbestreitbare nukleare Aufrüstung des Iran einen Cyberkrieg. Sie unterstützen die persische politische Opposition gegen die Mullah-Diktatur. Sie helfen den kurdischen, azerischen, arabischen und belutschischen Minderheiten in ihrem Kampf gegen die Unterdrückung durch die persischen Mullahs. Sabotageakte gegen das nukleare Establishment des Iran ergänzen die Palette. Denken Sie an die gezielten Tötungen iranischer Nuklearexperten und an Explosionen in Raketenlagern oder Militärbasen. Offen ist die Frage, ob und wenn ja, wann Israel oder/und die USA Luftschläge gegen die iranischen Nuklearanlagen durchführen. Das hängt nicht vom Zeitpunkt ab, sondern vom Erfolg der bisherigen Kriegsaktionen. Diese konnten die militärische Nuklearisierung des Iran bedauerlicherweise nicht stoppen.

Die Folgen von Luftschlägen wären nicht so einfach kalkulierbar.

Niemals ist etwas einfach kalkulierbar. Am wenigsten bei Aktionen von Menschen. Wer jedoch einen nahöstlichen, gar weltweiten Flächenbrand befürchtet, denkt nicht nach, sondern redet nach. Wer will, soll oder kann denn dem Iran bei einem Kampf gegen die USA und Israel helfen? Die Beliebtheit Irans in der arabischen Welt ist – Ausnahme Diktator Assad und die Hisbollah-Terroristen – gleich null. Nicht besser in der gesamten islamischen Welt. Für die Abenteuer der Mullahs will niemand den Kopf hinhalten. Die Assad-Diktatur ist im Innern beschäftigt. Sie kämpft ums Überleben. Wie will oder kann sie auch Krieg gegen Israel und die USA führen? Die Hisbollah hat Raketen in fünfstelliger Höhe. Die kann sie auf Israel abfeuern. Wenn aber Israel das Hisbollah-Gebiet überrennt, ist auch das nicht mehr möglich. Es wird zu viel über Schreckensszenarien geredet und dabei zu wenig konkret nachgedacht.

Wäre denn überhaupt mit einem Präventivschlag Iran als Atommacht am Ende?

Zwischen dem Iran, seiner Hochkultur und den Mullah-Fanatikern muss man sehr genau unterscheiden. Irgendwann ist auch diese Schreckensherrschaft zu Ende. Das ist der Gang der Weltgeschichte. Wenig tröstlich ist das Historische für die Menschen, die vor dem Ende des Regimes sterben oder getötet werden. Auch als Atommacht wäre der Iran nicht am Ende. Das erlangte Wissen geht nicht verloren. Aber die Einsicht könnte obsiegen, dass der Iran von innen und wirtschaftlich bedroht ist, nicht von außen. Das Ende seiner militärischen Nuklearisierung liegt im Eigeninteresse der iranischen Führung. Sie hat es wohl noch nicht verstanden.

Die iranischen Atommachtambitionen werden auch von arabischen Ländern mit Argwohn beobachtet. Welche Chance hätte zum Beispiel Ägypten, auf eine Entspannung mit dem Iran hinzuwirken? Ist das mehr Wunschdenken oder Chance? Oder wird da die Rechnung ohne Israel gemacht?

Israel spielt da keine Rolle. Wenn der ägyptische Präsident Mursi vermittelt, macht er das aus ägyptischem Regierungsinteresse, nicht Israel zuliebe. Mursi und die Muslimbrüder sind strenge Sunniten, in Teheran herrschen schiitische Fanatiker. Seit jeher bekämpfen sich Sunniten und Schiiten. Im Iran herrschen weitgehend Perser, in Ägypten Araber. Araber und Perser waren fast immer Rivalen. Sollte es je zu einer Kooperation zwischen Kairo und Teheran kommen, wäre es eine kurzfristige Zusammenarbeit, die derjenige aufkündigt, der zum Zeitpunkt X meint, die andere Seite am besten niedermachen zu können.