Wir werden nur so stark sein wie unsere Werte

Die Festrede des Präsidenten des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, zum „Tagespost“-Jubiläum rückt den Dialog der Religionen ins Zentrum

Die sechs Jahrzehnte, in denen „Die Tagespost“ bisher unser Leben publizistisch begleitet hat, fallen nicht zufällig zusammen mit den sechs Jahrzehnten, seitdem die erfolgreichste Demokratie auf deutschem Boden besteht. Es ist auch kein Zufall, dass „Die Tagespost“ der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Verabschiedung unseres Grundgesetzes vorausging. Das Beispiel dieser Zeitungsgründung aus katholischem Geist im Jahr 1948 zeigt, dass die Gründung der Bundesrepublik nicht aus einer leeren Stunde Null heraus entstand. So grauenhaft die totalitäre Diktatur des Nationalsozialismus war, die mit einem wahnsinnigen Vernichtungsfeldzug Europa überzog, die systematisch die Juden Europas ermordete und die am Ende aller Zerstörung auch Zerstörung und Vertreibung für Deutschland brachte, so sehr gab es doch inmitten der Dunkelheit Stimmen der Hoffnung und des Neubeginns. „Die Tagespost“ gehört zu diesen Stimmen der Hoffnung und des Neubeginns in Deutschland. Sie ist eine prononcierte Stimme im publizistischen Chor unseres Landes geblieben, ein starker Fels in der politischen Kultur geworden. Meine Gratulation zum 60. Geburtstag der „Tagespost“ verbinde ich mit meinen besten Wünschen für den weiteren Weg dieser Zeitung, die wir mit ihrem unverwechselbar katholischen Profil heute und in den Jahren, die vor uns liegen, mehr denn je benötigen.

Die geschichtliche Spanne, die der erfolgreiche Weg der „Tagespost“ umfasst, war gekennzeichnet von elementaren Entwicklungen, Umbrüchen und großen Veränderungen. „Die Tagespost“ war inmitten dieser Entwicklungen stets ein unbestechlicher Kompass an moralischer Integrität, journalistischer Kompetenz und politischem Engagement. Auch in den vor uns liegenden Zeiten werden wir die Herausforderung nur bestehen, wenn uns die geistigen Orientierungsmarken begleiten und leiten, die wir dazu benötigen. Im Kern der vergangenen sechs Jahrzehnte stand für uns in Deutschland das Ringen um Einigkeit und Recht und Freiheit. Diese Werte werden uns weiterhin fordern, wenn es um die Einigung Europas geht, um die weltweite Sicherung des Rechts und um unsere moralische Verantwortung in der Freiheit, die wir heute so selbstverständlich genießen.

Die Würde des Menschen wird und muss der zentrale Maßstab jeder menschenwürdigen Politik bleiben, vor allem einer Politik aus christlicher Verantwortung. In der Europäischen Union teilen wir das Leben mit Menschen der unterschiedlichsten weltanschaulichen Strömungen, Überzeugungen und Ziele. Dies ist eine Herausforderung, denn wir leben im christlichen Abendland schon lange nicht mehr nur unter Christen. Wir haben große religiöse Minderheiten unter uns: Juden, für deren Präsenz in Deutschland wir nach allem, was in der furchtbaren Zeit des Nationalsozialismus geschehen ist, besonders dankbar sein dürfen; Muslime, mit über drei Millionen Menschen die größte nichtchristliche Glaubensgemeinschaft in Deutschland und mit über 15 Millionen in der EU; orthodoxe Christen, die aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu uns kamen und die in vier EU-Mitgliedstaaten – Griechenland, Zypern, Bulgarien und Rumänien – Unionsbürger sind wie wir. Unter uns leben Buddhisten und Hindus, Sikhs und Parsen, Bahai und Konfuzianer sowie Angehörige aller anderen Religionsgemeinschaften dieser Welt.

Religion hat ihren Platz im öffentlichen Raum

In der EU führen wir seit einigen Jahren einen strukturierten Dialog der politischen Institutionen mit den Vertretern aller in Europa lebenden Religionsgemeinschaften. Dieser Dialog ist für mich zu einem bewegenden Zeichen der Lebendigkeit und öffentlichen Präsenz der Religionen im politischen Raum geworden. In einem Artikel des Verfassungsvertrages, der bedauerlicherweise gescheitert ist, auch im Reformvertrag, von dem wir hoffen, dass wir ihn verwirklichen können, ist dieser Dialog als Forderung festgeschrieben: Damit werden die Kirchen immer einen besonderen Status in der EU haben. Wir haben den Dialog schon antizipatorisch begonnen, und ich glaube, das ist ein Grund, alles in allem Vertrauen in diese Europäische Union zu haben, trotz ihrer Defizite.

Religion hat im öffentlichen Raum Europas ihren Platz. Religion ist nicht einfach nur eine private oder zivilgesellschaftliche Aktivität unter vielen. Wir wissen, dass in Europa heftige Kontroversen um die öffentliche Rolle der Religion ausgetragen werden. Dabei geht es meist nicht um Konflikte zwischen Religionen und ihren Vertretern, sondern um Dispute zwischen Religionsangehörigen und Vertretern laizistischer Standpunkte. Laizistische Positionen sind heute eine stärkere Herausforderung an die öffentliche Rolle der Religion in Europa als die Säkularisierung unseres Kontinents. Es macht einen Unterschied, ob man eine Trennung der weltlichen von der religiösen Sphäre fordert, oder ob man die strikte Privatisierung aller Religion verficht. Menschen aus anderen Kontinenten sind darüber verwundert, dass Europa in Bezug auf die öffentliche Präsenz des Religiösen eine Sonderrolle einnimmt. Der Dialog mit Menschen anderer Kulturkreise und Religionen wird nicht leichter, wenn sie den Eindruck haben, Europa sei technologisch und materiell führend, geistig und religiös aber eher ein Randkontinent geworden.

Viele Menschen nehmen ihre Religion auch in Europa ernst. Immer noch besuchen mehr Europäerinnen und Europäer am Sonntag einen Gottesdienst als ein Fußballspiel – wobei man ja auch gut und gerne das eine tun kann, ohne das andere zu lassen. Wir sind gut beraten, dass die Bilder, die wir von uns der Welt vermitteln, auch die Werte spiegeln, die wir befördern und mit denen wir in Verbindung gebracht werden möchten. So wenig wir uns einen Kampf der Kulturen aufreden lassen dürfen, so wenig dürfen wir uns mit der Behauptung zufriedengeben, Europa sei kulturell und religiös ein erschöpfter Kontinent.

Ich darf darauf hinweisen, dass ich siebeneinhalb Jahre Vorsitzender einer Fraktion war und die von mir geführte Fraktion einstimmig beschlossen hat, dass wir uns für den Gottesbezug und für die Benennung des jüdisch-christlichen Erbes im Verfassungsvertrag einsetzen. Aber wir waren am Ende nicht erfolgreich. Hätten wir es durchgesetzt und hätten uns dann als Christen und als Katholiken zurückgelehnt und nicht mehr unsere Meinung verfochten, dann wäre das das falsche Signal gewesen. Entscheidend kommt es darauf an, dass wir in der Öffentlichkeit, in der Politik, in der Gesellschaft als Christen und Katholiken unsere Stimme erheben.

Technisch sind wir heute weltweit vernetzter denn je und mit der Geschwindigkeit eines Mausklicks gelangen wir an Informationen vom anderen Ende der Erde. Wir sind in das Netz der einen Welt hineinverwoben und erleben doch, wie zerrissen diese Welt ist. Armut und Naturkatastrophen, politischer Terrorismus, der sich in seiner totalitären Anmaßung religiöser Motive bedient und unsere Wut über die Unterdrückung der Menschenrechte in fernen Ländern – kein politischer oder moralischer Konflikt bleibt heute mehr ungehört in dieser Welt, aber gleichwohl möglich. Wir erleben, dass die ethischen Konflikte keineswegs entlang von Kulturgrenzen verlaufen, sondern mitten durch sie hindurch. Die meisten Muslime – das ist meine persönliche Erfahrung – lehnen radikalen Islamismus und terroristische Gewalt im Namen des Islam ab. Christen streiten über Abtreibung und Sterbehilfe, Stammzellforschung und Kernenergie.

In seinem Disput mit dem Philosophen Habermas hat Papst Benedikt XVI. wesentliche Überlegungen vorgetragen, die uns zum Kern des Themas führen. Der damalige Kardinal Ratzinger beschrieb, dass weder die Kultur des christlichen Glaubens noch die Kultur der säkularisierten Rationalität faktische Universalität beanspruchen können, „so sehr sie beide in der ganzen Welt und in allen Kulturen auf je ihre Weise mitprägend sind“. Kardinal Ratzinger zeigte sich skeptisch über die Möglichkeit, eine einzige rationale oder ethische oder religiöse Weltformel zu formulieren, auf die sich alle Welt einigen könnte. Aber, so folgerte er, es gibt eine „Korrelationalität von Vernunft und Glaube, Vernunft und Religion, die zu gegenseitiger Reinigung und Heilung berufen sind und die sich gegenseitig brauchen und das gegenseitig anerkennen müssen“.

Diese Gedanken des heutigen Papstes sind ein guter Ausgangspunkt für die Frage nach dem interkulturellen Dialog. Ich bin davon überzeugt, dass das Zeitalter der Globalisierung nur dann gut und menschenwürdig wird, wenn der interkulturelle und religiöse Dialog sie begleitet und ihren Rahmen bildet. Globalisierung ist nicht nur eine Frage von schnellen Flugrouten und weltweiten Handelsströmen. Sie verlangt, dass wir ihre bedrückenden Folgen bewältigen, etwa die freiwillige und unfreiwillige Migration, den Druck auf das Weltklima und die sozialen Spannungen, die aus steigenden Nahrungs- und Energiepreisen erwachsen können. Globalisierung bedarf einer ethischen Komponente. Diese kann nur auf Basis eines intensiven, aufrichtigen Dialogs der Kulturen und Religionen wachsen.

Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit

Deshalb ist es für uns Europäer zwingend, dass wir Auskunft darüber geben, mit welchen Überzeugungen und Zielen wir in diesen Dialog eintreten. Es muss ein Dialog sein innerhalb des pluralistischen Europa, und ein Dialog über die Grenzen von Kontinenten hinweg. Wir müssen überzeugt sein von dem, wofür wir eintreten und wir müssen überzeugen können durch unser Beispiel und unsere Argumente. Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern einen eigenen Standpunkt zu haben und den Standpunkt des anderen nicht zu akzeptieren – dann wäre es ja mein eigener –, sondern zu respektieren. Das tolerante Zusammenleben zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Lebensweisen zu fördern, ist eine lohnende Aufgabe – und dieser Aufgabe stellt sich „Die Tagespost“. Der interkulturelle Dialog muss in der inneren Annahme von uns selbst gründen, sonst kann niemand auf Dauer einen interkulturellen Dialog gestalten oder gar weiterführen.

Der interkulturelle Dialog ist auch an materielle Voraussetzungen gebunden. Deshalb haben wir dazu aufgerufen, einen europäischen Mobilitätsfonds für den Austausch von Lehrern und jungen Künstlern einzurichten. Das Erasmus-Programm für den Austausch von Studenten ist ein großer Erfolg. Herr Bischof Kapellari, ich erinnere mich gut, als Sie mit Ihrem früheren Bundeskanzler Wolfgang Schüssel während der österreichischen Präsidentschaft über diese Fragen diskutiert haben und es am Ende möglich war, dass wir die Mittel, die gestrichen werden sollten, für das Erasmus-Programm wieder anheben konnten. Der damalige österreichische Bundeskanzler war sehr hilfreich dabei.

Ich bin überzeugt, dass interkultureller Dialog ein wichtiges Element bei der Verhinderung von Konflikten ist. Wir haben eine vorsorgende Politik der Verständigung und der Versöhnung zu betreiben. Die EU ist der Inbegriff kultureller Vielfalt und toleranten Umgangs untereinander. Die politische Kunst besteht darin, die Einheit aus der Vielfalt zu schaffen; die Vielfalt zu erhalten, aber die Einheit zu schaffen, damit diese Einheit die Vielfalt garantieren kann. Wir wissen, dass dies keinesfalls immer so war in Europa. Heute gehen wir friedlich miteinander um, solange es manchmal auch dauert – aber wir sprechen miteinander und am Ende entscheiden wir demokratisch. Ich hoffe, dass wir diese Errungenschaft unseres Kontinents niemals aus dem Blick verlieren. Als Christen wissen wir, dass das Paradies auf dieser Erde nicht zu schaffen ist. Diejenigen, die das behaupten, haben, wie der Kommunismus und der Nationalsozialismus, die Hölle hinterlassen.

Wir leben heute Vielfalt in Einheit. Der längste Friede, den Europa in seiner Geschichte gekannt hat, ist die Frucht dieser Kultur des Dialogs. Die europäische Einigung hat die politische Kultur in Europa fundamental geändert. Deshalb spreche ich davon, dass die Europäische Union eine Wertegemeinschaft ist. In ihrem Kern steht die Achtung der Würde des Menschen. Die Menschenrechte, die Freiheit, die Demokratie, die Rechtsordnung und der Frieden sind zentrale Faktoren dieser Werte. Diese Grundsätze müssen unser Gespräch über die Grenzen Europas hinaus leiten. Wir müssen weltweit so auftreten, dass Glaubwürdigkeit die Basis unseres Erfolges ist. Wir sind nicht naive Romantiker und werden nicht mit dem Kopf durch die Wand gelangen. Aber wenn wir die Werte ernst nehmen, die wir in Europa hochhalten, dann müssen wir für Menschenwürde und Menschenrechte weltweit eintreten: in China, in Burma, in Darfur und in Simbabwe, gegenüber Venezuela und gegenüber Irans Präsidenten. Wo wir konsequent sind, werden wir ernst genommen.

Besonders am Herzen liegen mir ein gerechter Frieden im Nahen Osten und der Ausgleich zwischen Christen, Juden und Muslimen. Die Völker, die ihre religiösen Wurzeln auf einen gemeinsamen Gott und einen gemeinsamen Stammvater Abraham zurückführen, sind auf Einheit in Vielfalt angelegt, nicht aber auf Konflikt, Verdrängung oder Vernichtung. Es ist die Aufgabe menschengemäßer Politik, die Bedingungen für einen Ausgleich zwischen Christen, Muslimen und Juden zu verbessern. Deshalb setzt sich das Europäische Parlament für einen gerechten Ausgleich im Nahen Osten ein, damit Israel in gesicherten Grenzen und ein lebensfähiger Staat der Palästinenser nebeneinander und immer stärker miteinander existieren können. Wenn wir die Würde jedes Menschen ernst nehmen, dann ist die Würde eines Israelis die gleiche wie die Würde eines Palästinensers, eines Europäers oder Amerikaners. Es gibt nicht die Würde erster, zweiter oder dritter Klasse. Deshalb wollen wir, dass Christen eine Zukunft im Libanon, im Irak und in anderen muslimischen Ländern haben. Wo ihnen dies aber verwehrt wird, müssen wir ihnen Zuflucht und Asyl bei uns gewähren.

Wir werden für unsere Werte im Dialog mit anderen werben. Wir müssen unsere Werte aber auch leben. Deshalb besteht ein enger Zusammenhang zwischen einer überzeugenden Europäischen Union als Wertegemeinschaft und ihrer globalen Rolle. Wir werden immer nur so stark sein, wie unsere Werte überzeugen können. In den letzten Jahren ist das Verhältnis Europas zur arabisch-islamischen Welt in besonderer Weise problematisiert worden. Wir sind Nachbarn und werden es bleiben. Allein schon aus Eigeninteresse müssen wir alles daransetzen, dass in den arabisch-islamischen Nachbarstaaten Europas stabile rechtsstaatliche und demokratische Verhältnisse möglich werden. Unsere arabischen und islamischen Nachbarn müssen überzeugt davon sein, dass Partnerschaft mit uns für sie von Nutzen ist. Wir wissen, dass die großen sozialen Unterschiede im Lebensstandard Spannungen und Frustrationen erzeugen.

Wenn der Dialog mit der muslimischen Welt erfolgreich sein soll, muss er sich gründen auf Wahrhaftigkeit. Ich wurde einmal von einem hohen geistlichen Würdenträger in Saudi-Arabien gefragt: „Wie leben Muslime in Deutschland, in Europa?“ Meine Antwort war: „Sie sind nicht so integriert, wie wir uns das wünschen, aber sie können ihren Glauben leben, haben ihre Gebetshäuser. Aber wie ist es, wenn jemand hier in Ihrem Land Christin oder Christ werden möchte? Stimmt es, dass darauf die Todesstrafe steht?“ Ich habe keine Antwort bekommen. Wenn der Dialog erfolgreich sein soll, müssen wir die Wahrheit und unsere Überzeugung aussprechen. Ich war in Syrien und im Libanon, und bin dort mit vielen Vertretern der Kirchen zusammengekommen. Ich habe dort die Kreuze auf den Kirchen gesehen, mitten in der moslemischen Welt, erkennbar. Auch das gibt es.

Wir müssen Brücken bauen und zu einer Entwicklung beitragen, um gleichberechtigte Partner zu werden. Das ist das Ziel der Mittelmeer-Union. Auch Deutschland liegt am Mittelmeer, wenn es darum geht, zu definieren, wodurch unsere Zukunft bestimmt wird: Klimawandel und Migration, Umweltzerstörung und Radikalisierung verarmter Jugendlicher, Fanatisierung frustrierter Menschen, die bereit sind, terroristische Gewalt auszuüben – dies sind keine Themen, die uns nur berühren, wenn wir unmittelbar am Mittelmeer leben. Strategisch ist das Mittelmeer die Brücke von uns allen, die wir Europäer sind, zu den Arabern auf der anderen Seite des Meeres. Dort hat auch der Staat Israel seinen Platz, ein demokratischer Staat, dessen Existenzrecht von niemandem in Frage gestellt werden darf. Zum Ausgleich aller Völker in dieser einzigartigen kulturellen Zone müssen wir alle beitragen. Am Saum des Mittelmeeres wurden die drei großen Buchreligionen geboren – dort entscheidet sich in erheblicher Weise unsere gemeinsame Zukunft.

Es kann keine Zukunft gegeneinander geben. Es kann auch keine gute Zukunft geben, wenn wir uns gegenseitig gleichgültig sind. Die Römer haben vom Mittelmeer als „mare nostrum“ gesprochen. Heute sprechen wir vom gemeinsamen Mittelmeer der Europäer und Araber, der Juden, Christen und Muslime. Es ist das Mittelmeer junger Generationen, die sich gemeinsam dem großen sozialen und ökologischen Druck ausgesetzt sehen, der sich in Afrika südlich der Sahara aufgestaut hat. Unterdessen gibt es auch Migrationsströme mit ökologischen Ursachen. Die Wüsten am Rande Europas breiten sich aus. Mit ihnen wächst der soziale Druck auf Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Es ist beschämend, dass Menschen vor den Küsten Europas ertrinken oder in erbärmlichen Booten an Europas Küsten landen. Alle Menschen haben ein Recht auf Würde, und wir als Christen sollten es verteidigen. Wir brauchen eine gemeinsame Politik der Migration. Wir dürfen Spanien und Italien nicht damit alleine lassen. Wir brauchen ein intensiveres Engagement für die Entwicklung Afrikas. Dort verlaufen Linien, die sich rasch zu kulturellen Konflikten steigern könnten. Deshalb sind wir gefordert, uns mehr als bisher für die Zukunft Afrikas zu engagieren. Es ist unsere eigene Zukunft, über die die Zukunft Afrikas mitentscheidet.

Das Ziel bleibt, Europa eine Seele zu geben

Die Aufgaben, die vor uns liegen, gehen über das alltägliche Politikgeschäft hinaus. Unsere Medien berichten ja in der Regel nur über die Aufgeregtheiten des Tages. „Die Tagespost“ ist ein schönes Beispiel dafür, dass in die Tiefe gedacht und berichtet wird. Die Europäische Union kann als Wertegemeinschaft nur überzeugen, wenn wir auf dem formalen Miteinander zu gemeinsamen politischen Zielen finden. Unsere christlichen – und ich sage ausdrücklich auch: katholischen – Prinzipien sind in der EU-Charta der Grundrechte verankert. Wo immer wir in wichtigen ethischen Fragen zu einem Konsens in der EU finden, der über religiöse Grenzen hinweggeht, bauen wir mit an dem Ziel, Europa eine Seele zu geben. Der interkulturelle Dialog als eine logische Weiterentwicklung der EU als Wertegemeinschaft – ich meine, in dieser Idee liegt viel Inspirationskraft für alle, die geistig gerüstet sind, um zu neuen Ufern aufzubrechen.