„Wir Christen im Heiligen Land leben gut zusammen“

Ein Gespräch mit Archimandrit Joseph Saghbini vom griechisch-melkitisch-katholischen Patriarchat von Jerusalem

Der Papst pilgert im Heiligen Land mit einem fast identischen Programm wie sein Vorgänger im Jahr 2000. Sind Sie glücklich darüber?

Der Papst begegnet allen Repräsentanten des Landes. Das Programm ist sehr umfangreich und an sich stimmig. Als griechisch-melkitisch-katholischer Priester einer mit Rom verbundenen orientalischen Kirche bedaure ich natürlich, dass der Papst uns nicht besucht, obwohl wir die größte Kirche mit 75 000 Gläubigen sind. Das war beim Besuch Johannes Pauls II. übrigens auch so, aber Johannes Paul besuchte spontan für einige Minuten unsere Kirche. Ich hoffe, dass auch Benedikt XVI. vorbeikommt. Unser Patriarch Gregorius III. hat an Rom geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Wir haben hier eine wunderschöne Kirche. Zehn Minuten ändern nicht viel am Programm.

Was erwarten die Christen vom Papstbesuch?

Wir palästinensischen Christen müssen hier unter einer Besatzung leben. Die Lebensumstände sind schwierig: weniger Freiheit, wenige Arbeitsmöglichkeiten, wenig Mobilität. Die Trennungsmauer zwischen Israel und Palästina engt alles ein. Wir hoffen, dass der Papst auch unsere Situation hervorhebt. Die Palästinenser haben recht, wenn sie bessere Lebensumstände in Palästina fordern. Das wollen wir auch. Wir leiden unter der israelischen Politik. Die Palästinenser wollen einen eigenen Staat, und der Papst hat sich immer für die Rechte der Palästinenser eingesetzt. Aber wir wollen mehr konkreten Einsatz sehen. Ich weiß nicht, ob ich das erwarten kann, wenn es nur offizielle Reden gibt.

Kann der Papstbesuch den Exodus der Christen aus dem Heiligen Land aufhalten?

Nein, die Christen wandern wegen der Probleme im alltäglichen Leben aus. Der Papst hat ja keine politische Lösung in der Tasche. Sein Besuch wird nicht viel ändern. Er kommt als Hirte, und das wird sich nicht auf die Politik auswirken, besonders nicht auf die neue israelische Regierung. Wenn die Regierenden Frieden wollen, warten sie nicht auf den Papst. Wir hoffen, dass der Papst die Christen im Glauben bestärkt.

Immer wieder hört man von Streitigkeiten zwischen christlichen Kirchen und Denominationen im Heiligen Land. Wie ist die Lage nun?

Die Vorbereitungen der Reise werden gemeinsam koordiniert. Der Papst besucht außer der israelischen Regierenden verschiedene heilige Stätten und die drei Patriarchen in Jerusalem: den Lateinischen, den Griechisch-Orthodoxen und den Armenisch-Orthodoxen und auch muslimische Vertreter. Alle sind zu verschiedenen Stationen dieses Besuchs eingeladen. Es gibt einen Status quo. Was in den Medien über Streitigkeiten zwischen den Christen berichtet wird, entspricht so nicht der Wahrheit. Es gibt manchmal wegen des Status quo Probleme, die teilweise auch von der israelischen Polizei selbst gesteuert werden. Diese Einmischung schafft Probleme, es liegt nicht immer an den Christen. Immer häufiger ist zu hören, dass die Regierung sich über die Polizei einmischt in kirchliche Angelegenheiten, um der Welt ein bestimmtes Bild von den Christen zu vermitteln. Man hat das zuletzt gesehen an der Feuerzeremonie der Orthodoxen am Karsamstag. Die Polizei befand sich in der Grabeskirche selbst und neben dem Heiligen Grab, hat aber alle Türen zur alten Stadt gesperrt, die einheimischen Christen und andere Pilger konnten nicht rein. Ich halte das für eine Unverschämtheit – und das geht schon seit drei, vier Jahren so; argumentiert wird mit Sicherheitsmaßnahmen. Nein, wir Christen besuchen uns gegenseitig, gratulieren uns zu den Festen und leben gut zusammen.