Würzburg

Wie stehen Großbritanniens Kirchen zum Brexit?

Kirchenführung und Laiengläubige sind beim EU-Austritt nicht einer Meinung.

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2016, im Jahr des Brexit-Referendums, veröffentlichte die anglikanische Church of England ein Gebet mit neun Zeilen. Anlässlich der damals anstehenden Volksabstimmung zum Austritt aus der EU wurde der „Gott der Wahrheit“ um seine Gnade angerufen, die „Fragen dieses Referendums mit Ehrlichkeit und Offenheit zu diskutieren“. Gott möge „all jene mit Großmut beschenken“, die sich bemühten, bei den Wählern Meinung und Urteilsvermögen zu bilden, „damit unsere Nation gedeihe und wir uns mit allen Völkern Europas für den Frieden und das Gemeinwohl einsetzen – um unseres Herrn Jesu Christi willen“.

Doch von Frieden ist in Großbritannien derzeit, drei Jahre nach dem Brexit-Votum, nicht viel zu spüren. Das Land ist gespalten. Nachdem das Unterhaus in der vergangenen Woche zunächst den Brexit-Deal, dann aber auch einen EU-Austritt ohne Abkommen sowie eine weitere Volksbefragung abgelehnt hat, beantragte Premierministerin Theresa May nun einen kurzen Aufschub für den Austritt bis zum Juni.

Wie stehen die Kirchen in Großbritannien zum EU-Austritt?

Der Vertreter für Österreich in der EU-Bischofskommission COMECE, Ägidius Zsifkovics, äußerte vergangene Woche nach Abschluss der COMECE-Vollversammlung in Brüssel, die sich mit den Europawahlen im Mai befasste, er halte den Brexit für eine „tragische Entwicklung“. Der „Kommission der Bischofskonferenzen der europäischen Gemeinschaft“ (COMECE) gehören Delegierte der katholischen Bischofskonferenzen aus dem Gebiet der Europäischen Union an. Trotz Brexit werden die Bischofskonferenzen von England, Wales und Schottland auch künftig der COMECE angehören – als Beobachter. Zsifkovics wertete dies als „deutliches Zeichen, dass die Kirchen für ein vereintes Europa stehen“. Die Kirchenoberen im Vereinigten Königreich legten ihre Einstellung zu Europa und zum Verlassen der EU indes nicht ganz so unmissverständlich deutlich dar. Laut der katholischen Website „Crux“ möchten sie sich nicht in eine politische Frage einmischen, „insbesondere, da der Brexit die Katholiken genauso stark wie das übrige Land gespalten hat“. Im Juni 2016 stimmten knapp 52 % der Wähler dafür, den europäischen Block zu verlassen. Bei den Katholiken lag diese Quote sogar noch ein wenig höher, nämlich bei 55 %, was jedoch eher geographische als theologische Gründe haben dürfte. Denn im Norden des Landes, der den Brexit ohnehin stärker als der Süden unterstützte, sind Katholiken im Vergleich zur übrigen Bevölkerung überrepräsentiert. Zudem gibt es noch weitere Unterschiede, weshalb es schwierig ist, im Vereinigten Königreich eine „katholische Meinung“ zu ermitteln, denn dessen Bischöfe gehören drei verschiedenen Bischofskonferenzen an, der Bischofskonferenz von England und Wales, der Bischofskonferenz von Schottland – die nordirischen Bischöfe zählen jedoch zur Gesamtirischen Bischofskonferenz. Dennoch äußerten katholische Bischöfe eine „europafreundliche“ Haltung. So sagte Kardinal Vincent Nichols 2017, der Präsident der Bischofskonferenz von England und Wales: „England will Europa nicht verlassen“, auch wenn der Brexit käme. Im Falle Irlands stellt sich noch ein weiteres Problem, das durch den „Backstop“, der 1998 im „Karfreitagsabkommen“ vereinbart worden war, gelöst werden soll: Die Grenzen auf der irischen Insel sollen geöffnet bleiben. Anderenfalls, so befürchten die Bischöfe Nordirlands im Falle des Austritts aus der EU, könne die Gewalt zwischen Norden und Süden erneut aufflammen. „Sobald wir hier wieder Grenzen mit einer Art Infrastruktur bekommen, wird das leider fast sicher irgendwelche gewaltsamen Reaktionen hervorrufen“, warnt der irische Bischof Noel Treanor laut dem britischen Magazin „The Tablet“.

Ein wichtiges Anliegen ist den britischen katholischen Bischöfen der Schutz der Rechte von EU-Bürgern, die derzeit im Inselstaat leben. Von den geschätzten 3,7 Millionen Europäern hier stammen etwa eine Million aus Polen, viele weitere der übrigen EU-Bürger kommen aus Ländern mit einer katholischen Mehrheit, aus Spanien, Italien und Frankreich. Die Bischöfe sprachen sich dafür aus, dass sie weiterhin ein Aufenthaltsrecht hätten, ohne zusätzliche Abgaben zu leisten. Zudem warnte Kardinal Nichols zuletzt auch vor einem „signifikanten“ Anstieg sozialer Not im Land, wenn es zum Austritt aus der EU käme.

Eine ganz andere Position als die katholische Bischofskonferenz des Landes nimmt der ansonsten für seine dezidiert katholischen Standpunkte bekannte Jacob Rees-Mogg ein, der einen „harten“ Brexit befürwortet. Der Abgeordnete der Konservativen Partei begründete kürzlich in einem Interview mit einer großen Frankfurter Tageszeitung, weshalb er aus ökonomischer Hinsicht einem Austritt aus der EU zuversichtlich entgegensehe. Wirtschaftlich würde es sogar einen Aufschwung für sein Land bedeuten, meint er: „Wenn wir die EU ohne Deal verlassen würden, hätten wir 39 Milliarden GBP übrig und könnten über Nacht die Zölle reduzieren, was die Lebenshaltungskosten im Königreich verringern würde.“ Es sei „aufregend, ohne Deal auszutreten, wenn wir keinen guten Deal mehr erreichen können“, so der Politiker weiter. Es würde der Wirtschaft des Landes „enorme Vorteile verschaffen, wenn wir nicht mehr dem europäischen ‚closed shop‘ angehören würden und die hohen Zölle los wären, die im Wesentlichen ineffektive europäische Unternehmen schützen“. Der Euroskeptiker hält auch mit seiner Meinung zu Brüssel nicht hinterm Berg, wenn er erklärt, es sei „eine fundamentale Schwäche der EU, dass sie ihre politische Gestalt nicht mit der Zustimmung ihrer Bürger erhalten hat“. Es sei „beschämend“, dass die Menschen in Referenden gegen die europäische Verfassung gestimmt hätten, „also hat man sie durch den Lissabon-Vertrag eingeführt. Das war eine hinterlistige Operation.“ Das Leben in Europa stellt sich Rees-Mogg als „Zusammenarbeit zwischen Nationalstaaten“ vor – diese sollten jedoch nicht in eine Vereinigung „gezwungen“ werden: „Die EU ist undemokratisch. Es wird gegen den Willen der Wähler zusammengebaut. Wenn sie dagegen stimmen, wird hinter ihrem Rücken getrickst.“

Einen ähnlichen Riss zwischen Laiengläubigen und Kirchenoberen der anglikanischen Kirche will eine Umfrage laut der britischen Tageszeitung „The Telegraph“ festgestellt haben. Im Blatt heißt es: „Die Ansichten des Erzbischofs von Canterbury über das Gemeinwohl und den Brexit spiegeln nicht die Positionen gewöhnlicher Anglikaner wider, wie eine Untersuchung herausfand.“ Dieser zufolge unterstütze eine Mehrheit der anglikanischen Christen den Brexit - 66 % der Anglikaner im Vergleich zu einem nationalen Durchschnitt von 53 %. Damit seien – so die im religiösen Fachjournal „Religion, State and Society“ veröffentlichten Ergebnisse – die anglikanischen Gläubigen nicht überzeugt vom Standpunkt ihrer Bischöfe, die fast durchweg das Verbleiben in der EU befürworten. Der Erzbischof von Canterbury, der beim Brexit-Referendum für „Remain“ stimmte, bezeichnete die Europäische Union Mitte 2018 als den „größten Traum, der für die Menschen seit dem Untergang des weströmischen Reiches Wirklichkeit wurde“. Der Erzbischof von York, John Sentamu, auch er ein „Remainer“, schrieb kurz vor der Abstimmung im Jahr 2016, dass ein Verbleiben in der EU eher zu einem „wechselseitigen Gedeihen und einer Förderung des Friedens“ führe. Der einzige „Brexiteer“ unter den anglikanischen Bischöfen ist der Bischof von Shrewsbury, Mark Rylands. Weshalb zwei Drittel der Anglikaner für einen Austritt aus der EU stimmten, begründet die Studie so: „Anglikaner haben eine positive Auffassung von der englischen Kultur und ihrer Ethnien und betrachten die EU als Bedrohung für ihr Erbe, ihre Werte, ihre Identität und die parlamentarische Souveränität.“

Kirchenspitzen in London beten „für Zukunft der Nation“

Nun wollen die Spitzenvertreter der christlichen Kirchen in England, unter ihnen Kardinal Vincent Nichols sowie Anglikaner-Primas Justin Welby, am 30. März in London gemeinsam „für die Zukunft der Völker und der Nationen auf den Britischen Inseln und in Irland“ beten. „Das Leben wird weitergehen, und Gottes Mission wird nicht durch solche Ereignisse gestoppt“, meinte Anglikaner-Primas Welby Mitte Februar. Die Prozesse rund um den Brexit zeigten, „dass unsere Politik und Gesellschaft seit Jahrzehnten dem Gemeinwohl in einer Gesellschaft, in der jeder gedeihen kann, nicht genügend Beachtung geschenkt hat“.