Weniger Kirche, mehr Islam

Mit der religiösen Homogenität Österreichs ist es vorbei: Der Katholikenanteil sinkt. Von Stephan Baier

Interreligöses Iftar-Essen
Am 7. Juni 2017 nahm Bundeskanzler Christian Kern (r.) am interreligösen Iftar-Essen teil. Im Bild mit dem Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich Ibrahim Olgun (l.). Foto: Andy Wenzel (BKA)

Wie es sich anfühlt, aufgrund der Hautfarbe als fremd und verdächtig wahrgenommen zu werden, konnte der Autor vor einigen Jahren im Norden Nigerias nachempfinden. Bei der Landung in Yola, nahe der Grenze zu Kamerun und noch näher den Kerngebieten von Boko Haram, wurde von den Sicherheitskräften in dem Zelt, das eine Flughafenhalle ersetzen sollte, nur unsere sechsköpfige, weiße Journalistentruppe kontrolliert – und von den schwarzen Mitreisenden neugierig bestaunt. In Sokoto, im äußersten Nordwesten Nigerias kam noch eine religiöse Komponente hinzu: Als Begleitschutz für die weißen Journalisten organisierte der katholische Erzbischof gezielt muslimische Freunde, weil alles andere „einfach zu gefährlich“ wäre.

Umgekehrt ist in Europa heute ein gewohnter Bestandteil des Stadtbilds, was noch vor wenigen Jahrzehnten als exotisch wahrgenommen wurde: Schwarzafrikaner fallen in Rom, Paris und Wien nicht mehr sonderlich auf, wenngleich es vielfach Diskriminierungen gibt. In der religiösen Landschaft gehören Moscheen zum Stadtbild, wo noch vor zwei Generationen der Islam mit dem Orient identifiziert wurde.

Für Wien hat nun eine Studie belastbare Fakten dazu auf den Tisch gelegt: Ihr zufolge ist die „relative religiöse Homogenität der österreichischen Bevölkerung“, die es noch in den 1970er Jahren gab, längst Geschichte. Und dies aufgrund von zwei Faktoren: durch Säkularisierung und Migration. Die Säkularisierung ließ den Anteil der Konfessionslosen wachsen, die Migration jenen von Orthodoxen und Muslimen.

Nach Schätzungen – Angaben zur Religion sind in Österreich freiwillig – ging der Anteil der Katholiken zwischen 2001 und 2016 von 75 auf 64 Prozent zurück. Im gleichen Zeitraum wuchs der Anteil der Orthodoxen von zwei auf vier Prozent, jener der Muslime von vier auf acht Prozent, und der der Konfessionslosen von 12 auf 17 Prozent. Dramatischer ist die Lage in der Bundeshauptstadt Wien, Österreichs einziger Millionenstadt: Dort sank der Katholikenanteil in eineinhalb Jahrzehnten von 49 auf 35 Prozent. Zwischen 2001 und 2016 stieg aber der Anteil der Konfessionslosen von 26 auf 30 Prozent, jener der Muslime von acht auf 14 Prozent.

Eine vom Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) finanzierte Studie legt nun dar, welche Zukunftsperspektiven sich bis 2046 ergeben könnten. Das „Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften“ legt Wert darauf, dass es sich bei ihren Szenarien nicht um Vorhersagen handelt, sondern um Skizzen von Entwicklungen, die eintreten können. Abhängig von Faktoren wie Fertilität, Migration und Bekenntniswechsel wurden vier Szenarien entwickelt. Alle dürften für Österreichs Bischöfe wenig beruhigend klingen, gehen die Wissenschaftler doch davon aus, dass in jedem Fall weniger als die Hälfte der Einwohner Österreichs 2046 noch katholisch sein wird.

Der Katholikenanteil soll im Jahr 2046 zwischen 42 und 47 Prozent betragen, während der Anteil der Konfessionslosen auf 21 bis 28 Prozent anwachsen wird. Emporschnellen wird die Zahl der Muslime: von heute acht auf 12 bis 21 Prozent. Auch hier sind die Annahmen für Wien dramatischer als jene für Österreich insgesamt: In Wien soll der Anteil der Katholiken von heute 35 Prozent auf 22 bis 26 Prozent fallen, während jener der Konfessionslosen (heute 30 Prozent) einigermaßen stabil bleibt und jener der Muslime von heute 14 Prozent auf 20 bis 30 Prozent steigen könnte. Die katholische Kirche wird rein zahlenmäßig also voraussichtlich auf den zweiten oder sogar dritten Platz abrutschen.

Insbesondere bei Annahme starker Zuwanderung sieht die Studie die Katholiken in Wien mit 22 Prozent klar hinter Muslimen und Konfessionslosen. In allen Szenarien wurde Migration als treibende Kraft für die religiöse Diversität angenommen. Wenn sich die seit 2011 vorherrschenden Trends einer vor allem außereuropäischen Zuwanderung fortsetzten, würde die islamische Bevölkerung in der Alpenrepublik die größten Zuwächse verzeichnen.

Die Autoren der Studie haben auch ein Szenario für den Fall entwickelt, dass Österreich seine Grenzen für Menschen aus Nicht-EU-Ländern sowie aus EU-Ländern schließt, obgleich letzteres rechtlich unmöglich ist. In diesem Fall würde sich der Säkularisierungstrend durchsetzen und die Zahl der Konfessionslosen österreichweit auf 28, in Wien auf 31 Prozent emporschnellen, meinen die Autoren der Studie. Bei starker Zuwanderung aus Nahost, Nordafrika und dem subsaharischen Afrika dagegen könnte der Anteil der Muslime in Österreich – durch Zuzug und höhere Geburtenraten – 2046 bei 21 Prozent österreichweit und in Wien bei 30 Prozent liegen. Einzigartig sei diese Entwicklung nicht, heißt es in der Studie. Im Gegenteil: „Die meisten westeuropäischen Länder machen dieselben Erfahrungen.“