Weiter Weg zum fairen Handy

Heute geht die CeBit zu Ende – Die glänzende Elektronikwelt verdeckt, dass die Fertigung der Produkte auf Kosten von Mensch und Natur geschieht

Prächtig gestylt sieht es aus, das High-Tech-Spielzeug auf der CeBit, der weltgrößten Computermesse in Hannover: das 3-D-Notebook, der Beamer im Taschenformat, das aluminiumblitzende Keyboard mit schlanker Tastatur, das neueste Handy mit Touchscreen. Handlich, leicht und preisgünstig präsentiert sich die Computer-Welt. Doch der schöne Schein verdeckt die üblen Bedingungen, unter denen viele IT-Produkte entstehen: Bei der Produktion gesundheitsschädliche Arbeitsumstände, niedrige Löhne und exzessive Überstunden: Ausbeutung der Mitarbeiter. Beim Gewinn der Rohstoffe für IT-Produkte fahrlässiger Umgang mit Umwelt, zu Lasten von Mensch und Natur. Umwelt- und Entwicklungs-Organisationen forderten deshalb am Montag von den Herstellern elektronischer Produkte, faire Arbeitsbedingungen zu schaffen. Es gebe noch keine sozial gerechten und wirklich grünen IT-Geräte, erklärten Vertreter von Germanwatch, der Christlichen Initiative Romero und der Initiative Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung (WEED) auf der CeBit.

IT-Industrie dominant auf Rohstoffmärkten

Mit Aktionen und einem „MakeITfair-Stand“ wollen die Organisationen auf diesen Missstand aufmerksam machen. „Die immer günstigeren Preise für Geräte einer vernetzten Welt dürfen nicht auf Kosten der Arbeiterinnen in den Entwicklungsländern gehen“, sagte Cornelia Heydenreich, Referentin für Unternehmensverantwortung bei Germanwatch. Bisher können Verbraucher nur schwer die ökologischen und sozialen Kosten der Produktion erkennen. „Wir setzen uns deshalb für eine größere Transparenz ein. Der Kunde soll herausfinden können, welchen Einfluss die Produktion auf die dortige Umwelt und die betroffenen Menschen vor Ort hat“, erklärte Sandra Dusch Silva von der christlichen Initiative Romero. WEED appellierte an die Öffentliche Hand. „Obwohl das neue Vergaberecht sich nun jährt, verfährt die öffentliche Hand noch immer nach dem Prinzip Geiz ist geil“, sagte Sarah Bormann von WEED. Bund, Länder und Gemeinden kauften ein Fünftel der Hard- und Software ein. „Der öffentliche Einkauf könnte ein wichtiges Steuerungsinstrument sein, um Umweltstandards und Arbeitsrechte in der globalen IT-Produktion zu stärken.“

„MakeITfair“ heißt das europäische Projekt zur Unternehmensverantwortung in der Informationstechnologie (IT). Nichtregierungsorganisationen aus Deutschland, den Niederlanden, Finnland, Schweden, Dänemark und Ungarn, sowie aus dem Kongo, Indien und China arbeiten dort zusammen. In mehreren Studien hat das Netzwerk auf Verletzungen von Menschenrechten und Umweltstandards bei der Förderung der Rohstoffe für IT-Produkte hingewiesen. Dass die Energiemenge, die für die Anfertigung eines Computers benötigt wird, manchmal höher ausfällt als die Energie, die ein Rechner während seiner Nutzungsdauer verbraucht, deutet schon den Raubbau an, den die IT-Produktion anrichtet. Handys und Computer sind heute Massenprodukte, fast vollständig werden sie in Niedriglohnländern produziert. Das hat in armen Ländern Arbeitsplätze geschaffen und macht die Produkte billig. Aber der Nutzen für den Verbraucher, günstige Preise, löst vor allem bei Zulieferern großer Computerhersteller einen ruinösen Preiskampf aus – zu Lasten von Umwelt und Arbeitnehmern.

Der Hunger der Elektronikindustrie nach Rohstoffen ist enorm: So geht die weltweite Nachfrage nach Zinn, das in vielen Geräten zur Verbindung der Leiterplatten verbaut wird, Studien zufolge schon zu 35 Prozent auf den Bedarf der IT-Industrie zurück. Außerdem benötigen die IT-Unternehmen immer mehr Platin-Metalle, um etwa Festplatten für Computer und LCD-Bildschirme anfertigen zu können. Vom seltenen Übergangsmetall Palladium beanspruchte die IT-Industrie 2006 bereits vierzehn Prozent der Vorkommen. Außerdem verarbeitet die Elektronikindustrie mittlerweile ein Viertel der weltweiten Kobalt-Produktion, das für die Produktion wiederaufladbarer Batterien nötig ist. In Indonesien, dem zweitgrößten Zinnproduzenten der Welt, sind „MakeITfair“ zufolge große Waldflächen, Wasserquellen, und verschiedene Tier- und Pflanzenarten der Rohstoffförderung zum Opfer gefallen. In Sambia wurden Böden und Gewässer in der Nähe von Kobaltminen verschmutzt und verseucht – Anwohner verloren ihre Einkommensquelle Landwirtschaft. Tausende Dorfbewohner mussten in Südafrika ihr Ackerland verlassen, ohne dass sie dafür entschädigt wurden. Auf ihrem Land entstanden Platin-Minen, die unter anderem die Computer-Industrie mit Mineralien versorgen. Damit nicht genug: Bergarbeiter in den Platinminen Afrikas arbeiten nach Recherchen von MakeITfair oft zu Bedingungen, die an vorindustrielle Zeiten erinnern: Die Löhne sind niedrig, die Risiken hoch, bei besonders gefährlichen Arbeiten werden Leiharbeiter herangezogen, die keine Erfahrung haben und nur kurze Sicherheitstrainings erhalten. Allein in Sambia kam es deshalb nach den Studien von MakeITfair im Jahr 2005 zu achtzig tödlichen Bergwerksunglücken.

Ähnlich stellt sich das Bild in den Produktionsstätten dar, die diese Rohstoffe weiterverarbeiten. Der erbitterte Preiskampf zwingt dazu, diese Produktionsstätten an Zulieferer in Niedriglohnländer auszugliedern, die wiederum Einzelteile von weiteren Zulieferern beziehen. Die prekären Arbeitsverhältnisse schilderte die Nichtregierungsorganisation WEED 2008 in einer Publikation. Niedrige Löhne, unbezahlte Überstunden und gesundheitsschädliche Arbeitsumstände sind dort Alltag für viele Beschäftigte. Arbeitszeiten von über achtzig Stunden in der Woche in den Stoßzeiten der Produktion keine Seltenheit, Arbeitsgesetze würden oft umgangen oder eingeschränkt, zumal in den Sonderwirtschaftszonen Chinas, wo ein besonders arbeitgeberfreundliches Steuer- und Wirtschaftsrecht gilt.

Natürlich legt die Elektronik-Branche Wert auf eine weiße Weste. Der IT-Gigant Apple etwa bestimmt in einem Verhaltenskodex, dass die Arbeiter seiner Zulieferer nicht länger als sechzig Stunden brutto pro Woche arbeiten, einen Tag pro Woche frei haben und Überstunden nur freiwillig ableisten sollen. Aber was nutzen diese Standards, wenn sich selbst wichtige Zulieferer nicht daran halten? Um den Schein zu wahren soll etwa ein taiwanesischer Zulieferer des amerikanischen Elektronik-Konzerns seine Arbeiter in speziellen „Coachings“ auf etwaige Anfragen von Apple speziell präparieren. Dann sollen die Mitarbeiter aussagen, was dem Zulieferer genehm ist, was sie umso bereitwilliger tun, da ihre Lage aufgrund der Wirtschaftskrise schwieriger ist als je zuvor.

52 Prozent befürworten Importverbot für unfaire Produkte

Tatsächlich verhindert gerade die Komplexität des Produktionsprozesses eine glaubhafte Zertifizierung einer fairen und umweltgerechten IT-Produktion. Das Freiburger Öko-Institut hat diesen Prozess vor zwei Jahren in einer Studie am Beispiel von Notebooks verfolgt. Wie viele Elektronikprodukte bestehen Notebooks aus Tausenden von Einzelteilen, die wiederum von Hunderten von Zulieferern gefertigt werden. In dieser Gemengelage sei eine Zertifizierung von Arbeits- und Lebensbedingungen sehr aufwändig und methodisch anspruchsvoll, bilanziert das Institut. Auch MakeITfair stellt fest, dass keine der IT-Markenfirmen die sozialen und ökologischen Fragen des Produktionsprozesses in ausreichendem Maße berücksichtigt. Was nicht bedeutet, dass sich in der Elektronikindustrie nichts bewegt. MakeITfair leitete etwa im vergangenen Jahr einen Runden Tisch mit großen Unternehmen der Branche und entwickelte im Anschluss einige Grundsätze, etwa die Einhaltung internationaler Arbeitsstandards. Unabhängig davon kommt es auf die Verbraucher an: Nach einer Umfrage von MakeITfair unter Jugendlichen aus vier europäischen Ländern, erklärte sich mehr als die Hälfte der Befragten bereit, zehn Prozent mehr für ökologisch und verantwortlich hergestellte Produkte zu bezahlen. Und 52 Prozent wollten sogar ein Importverbot für unfaire Unterhaltungselektronik unterstützen.