Wanted! Wo steckt Joseph Kony?

Noch immer gibt es keine Spur von dem Rebellenführer – Kopfgeld ausgesetzt. Von Carl-Heinz Pierk

Es ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ein schier endloses Labyrinth aus Urwald, Unterholz, Steppe und Flussläufen. Infrastruktur gibt es kaum, von Straßen oder gar Landepisten ist nichts zu sehen. Die schwer zugängliche Region im Dreiländereck zwischen der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo und dem Südsudan ist mit dichten Wäldern bedeckt. Ein perfektes Versteck für Joseph Kony, auch wenn es seit langem kein Lebenszeichen von dem gefürchteten Rebellenführer gegeben hat. Um Kony dort unter dem grünen Schutzschild aufzuspüren, helfen auch keine Drohnen oder Satelliten. Längst nutzt Kony auch keine ortbaren Kommunikationsmittel mehr, Nachrichten werden per Boten überbracht.

Joseph Kony, das Phantom. 1987 gründete er im Norden Ugandas die Lord's Resistance Army (LRA), die „Widerstandsarmee des Herrn“, um gegen die ugandische Regierung unter Yoweri Museveni zu kämpfen. Zu den ersten Kämpfern der LRA gehörten Nordugander, die im Zuge der Machtübernahme durch Präsident Museveni aus der Armee verdrängt wurden und sich dagegen wehrten. Ziel der „Widerstandsarmee des Herrn“: einen Gottesstaat auf Basis der Bibel und der Zehn Gebote zu errichten. Dass Kony dabei gegen fast alle dieser Gebote verstößt, scheint ihn wenig zu stören. Welche politischen Ziele die LRA verfolgt, bleibt überhaupt unklar. In Uganda wird Kony für den Mord an 30 000 Menschen, die Entführung von 66 000 Kindern und die Vertreibung von über zwei Millionen Flüchtlingen verantwortlich gemacht. Bis zu 70 000 Kinder soll die LRA seit ihrer Gründung verschleppt haben. Viele von ihnen nutzt die Miliz als Träger und lässt sie, sobald sie ihr nächstes Ziel erreicht hat, wieder laufen. Andere werden als Kämpfer zwangsrekrutiert. Seit 2005 wird Kony wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie Mord, Vergewaltigung und Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten mit Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag gesucht – bislang allerdings ohne Erfolg.

Aufspüren konnte den Milizenführer auch nicht eine aus fünftausend Mann bestehende regionale Kampftruppe, die von Uganda, dem Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik und der Demokratischen Republik Kongo unter dem Mandat der Afrikanischen Union gestellt wurde. Es handelt sich um die African Union Regional Task Force, kurz AU-RTF. Etwa 200 amerikanische Spezialkräfte unter Führung des in den Kelley-Baracks in Stuttgart-Möhringen beheimateten United States Africa Command (Africom) sollen die Suche durch logistische Hilfen und Aufklärung unterstützen. Das 2008 aufgestellte Regionalkommando der amerikanischen Streitkräfte koordiniert die Aktivitäten der US Army auf dem afrikanischen Kontinent. Uganda, federführend in der regionalen Kampftruppe, will allerdings demnächst seine Soldaten zurückziehen. Die LRA sei inzwischen zersplittert und versprengt, argumentieren die Ugander. „Aber es gibt auch viel Kritik in Uganda an dem kostspieligen und wenig effizienten Einsatz“, erläutert Ulrich Delius, Leiter der Afrika-Abteilung der Gesellschaft für bedrohte Völker, gegenüber dieser Zeitung. Trotz des Mandats der Afrikanischen Union müsse Uganda alle Kosten der Operation selber tragen. Da die LRA keine direkte Bedrohung mehr für Uganda darstellt, will das Land die Milizen daher nicht mehr bekämpfen. Experten fürchten freilich, dass der Abzug der gut ausgebildeten ugandischen Truppen ein Sicherheitsvakuum im LRA-Operationsgebiet hinterlassen wird.

Im November 2013 mehrten sich Meldungen, dass Kony zu Verhandlungen bereit sei. Es gibt allerdings erhebliche Zweifel an seinem Verhandlungswillen. Vielmehr wird spekuliert, dass die LRA eventuelle Verhandlungen nutzen will, um neue Kräfte zu sammeln. Nach Angaben von Delius befindet sich die Kony-Truppe „in sehr schlechter Verfassung“, sei aber im vergangenen Jahr trotzdem für mehr als 200 Angriffe auf Zivilisten und mehr als 600 Entführungen verantwortlich. Früher etwa zweitausend Mann stark, soll Kony heute nur noch über etwa 150 Getreue verfügen. Geldsorgen gibt es indes nicht: Wie andere Rebellengruppen in Zentralafrika auch hat die LRA die Wilderei als Einnahmequelle entdeckt und finanziert mit dem illegalen Handel von Elfenbein ihre Verbrechen. Laut dem World Wide Fund for Nature (WWF) ist die Wilderei in afrikanischen Nationalparks auf ein trauriges Rekordhoch gestiegen: Allein 2012 wurden 30 000 Elefanten getötet. Illegaler Elfenbeinhandel ist wieder zu einem blühenden Geschäft geworden.

Die Jagd auf den berüchtigten Rebellenführer Joseph Kony geht weiter. In den Medien aber bleibt Kony ein Phantom, über den es nichts zu berichten gibt, trotz aller bekannten Grausamkeiten. Das könnte sich ändern. Konys wichtigster Stellvertreter, Dominic Ongwen, wartet seit Januar 2015 in Den Haag auf seinen Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH). Ongwen werden in 70 Fällen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Kern der 60 Seiten umfassenden Anklageschrift sind Angriffe auf Flüchtlingslager im Norden Ugandas von 2002 bis 2005. Häuser seien verbrannt und Kinder von den Rebellen verschleppt, sogar stillende Mütter getötet worden. Von einem möglichen Prozess erhofft man sich auch weitere Informationen über die Strukturen der Kony-Miliz. Ongwen wurde einst selbst als Zehnjähriger auf dem Schulweg von LRA-Kämpfern verschleppt und als Kindersoldat zwangsrekrutiert. Er stieg innerhalb der Organisation rasch auf. Im Januar 2015 stellte er sich im Alter von 32 Jahren US-amerikanischen Soldaten auf dem Gebiet der Zentralafrikanischen Republik. Wie lange aber wird Joseph Kony seinen Verfolgern noch entkommen können? Wanted! Fast wie einst im Wilden Westen haben die USA ein Kopfgeld in Höhe von fünf Millionen Dollar (3,9 Millionen Euro) auf die Ergreifung von Kony ausgesetzt.