Vom Grauen überrumpelt

Das Ergebnis der deutschlandweiten Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz dürfte niemanden überraschen. Die vorzeitige Veröffentlichung hingegen schon. Das gilt besonders für die Bischöfe selbst. Von Kilian Martin

Herbstvollversammlung Deutsche Bischofskonferenz
dpatopbilder - Bischöfe gehen am 26.09.2017 in Fulda (Hessen) nach dem Eröffnungsgottesdienst der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Dom hinaus (Aufnahme mit Langzeitbelichtung). Die deutschen Bischöfe treffen sich traditionell im September am Grab des heili... Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)

Im März 2005 stellte der damalige Kardinal Joseph Ratzinger eine für die Kirche sehr bedeutsame Frage: „Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten?“ Dieser Satz, den er in seiner Meditation zum Kreuzweg am Karfreitag sprach, war natürlich rhetorisch gemeint. Denn schon damals wusste jeder, dass es sehr viel Schmutz gibt.

Auch in Deutschland hat sexueller Missbrauch durch Geistliche in großem Umfang stattgefunden. Das ist das wenig überraschende Ergebnis der groß angelegten Studie zum sexuellen Missbrauch in der Kirche der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Wäre sie nicht von diesem Ergebnis ausgegangen, hätte die DBK nicht im Jahr 2011 eine erste, später gescheiterte, und 2014 schließlich die nun abgeschlossene Studie dazu in Auftrag geben müssen. Diese sei die Bischofskonferenz, so erklärte es der Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, „vor allem und zuallererst den Betroffenen“ schuldig gewesen. Diese haben nun zumindest einen öffentlichen und anerkannten Nachweis ihres erlebten Leidens.

Unter den Bischöfen sorgen die Umstände der Veröffentlichung allerdings für wenig Freude: Die Ergebnisse der DBK-Studie wurden von unbekannter Stelle an die Medien durchgestochen. Durch dieses „Leak“, wie es skandalträchtig heißt, wurden manche Inhalte der medialen Öffentlichkeit früher bekannt als den Oberhirten selbst.

Am vergangenen Mittwoch vermeldeten „Der Spiegel“ und „Die Zeit“ erste Inhalte der Studie – zwei Wochen vor dem geplanten Veröffentlichungstermin. Beiden Medien lag da offenbar bereits jene Zusammenfassung des Papiers vor, das zu diesem Zeitpunkt sonst nur die deutschen Bischöfe erhalten hatten. Die Gesamtstudie sollte ihnen erst am 25. September zur Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda übergeben und anschließend die Befunde der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Das haben nun säkulare Medien übernommen.

Wer die vertraulichen Informationen weitergegeben hat, ist freilich nicht bekannt. Eine Theorie lautet darauf, die beteiligten Forscher selbst hätten das Dokument an die Medien gegeben. Andere vermuten hinter dem „Leak“ den Beirat des Forscherkonsortiums, in dem auch Vertreter der Missbrauchsopfer mitwirkten. In beiden Varianten wird als Ziel genannt, den Bischöfen nicht die Deutungshoheit über ihre eigene Studie zu überlassen. Die Autoren der „Zeit“ hatten dies sogar ausdrücklich als Beweggrund für ihren Artikel genannt. In der „Süddeutschen Zeitung“ vermutete Matthias Drobinski, der Geheimnisbruch solle eine Veröffentlichung durch die Kirche verhindern, die „allzu freundlich und zu wenig selbstkritisch“ ausfällt.

Zu der kleinen Gruppe von Personen, denen das 350 Seiten starke Papier zum Zeitpunkt der Vorabveröffentlichung zugänglich war, zählten neben den Wissenschaftlern nur die Mitglieder des Beirats. Noch am Montag forderte Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer, die Studie umgehend auch den deutschen Bischöfen zuzuleiten. Erst am Abend kündigte das Sekretariat der Bischofskonferenz an, dem Wunsch zu entsprechen. So sei die Kirche ohne die Chance einer ausgereiften Stellungnahme an die Öffentlichkeit gezerrt worden, klagt ein Experte hinter vorgehaltener Hand. Züge einer panischen Reaktion trage nun die Reaktion der Deutschen Bischofskonferenz.

Diese hält nach wie vor am Plan fest, sich erst am 25. September inhaltliche zu den Ergebnissen der Studie zu äußern. In einer ersten Stellungnahme am vergangenen Mittwoch hatte Bischof Ackermann deutliche Kritik am „Leak“ vorgebracht. Er bezeichnete es als „verantwortungslos“ und einen „schweren Schlag“ besonders für die Betroffenen.

Die Zahlen sind nun in der Welt. Mindestens 3677 Menschen sollen seit 1946 durch sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Leid erlitten haben. Der Begriff des Missbrauchs wurde von den Forschern dabei sehr weit gefasst. Schon in früheren Untersuchungen wurden dabei direkte sexuelle Delikte und indirekte Handlungen, wie etwa Exhibitionismus oder die Anfertigung voyeuristischer Bilder, zusammengefasst.

Die unterschiedlichen Taten werden 1670 Klerikern vorgeworfen. Man muss es so vorsichtig formulieren, denn die exakten Befunde der Forscher sind bislang öffentlich nicht bekannt. Zudem müsse man die Studie sehr kritisch betrachten, wie ein gut informierter Mitarbeiter einer deutschen Diözese, der namentlich nicht genannt werden möchte, gegenüber der Tagespost erklärte. Das beginne schon bei der Anlage der Untersuchung selbst. Als „Dunkelfeldstudie“ sollte die Untersuchung nicht in erster Linie medial bereits bekannte, strafrechtlich verfolgten Taten erneut dokumentieren. Die Forscher sollten vor allem jene Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche in den 68 Jahren von 1946 bis 2014 summieren, die bislang weithin unbekannt oder gar verschwiegen waren. So kommen sie auf eine Zahl von 3677 Personen, die nach Aktenlage Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind. Ob und in welcher Form die Taten tatsächlich stattgefunden haben, lässt sich nicht immer rekonstruieren. Gleichwohl erkenne die Kirche das Leid derer, die sich als Opfer zu erkennen geben, uneingeschränkt an, wie der Gesprächspartner sagt.

Von 1670 Tätern zu sprechen, sei deshalb aber eben nicht zutreffend. Damit würde man der staatlichen Justiz vorgreifen, die darüber zu befinden habe, ob eine Straftat begangen wurde. Das ist jedoch nur in einer Minderheit der Fälle geschehen. Nur gut der 630 mutmaßlichen Täter wurden bei der staatlichen Justiz angezeigt, kirchenrechtliche Sanktionen wurden gegen 412 Personen erlassen. Durch die Darstellung der Studie könne der Eindruck erweckt werden, jeder beschuldigte Priester sei unterschiedslos ein Verbrecher, kritisiert der Informant.

Dass dies nur bei einer geringen Zahl der Anschuldigungen bewiesen wurde, dürfte auch daran liegen, dass eine große Zahl der Beschuldigten bereit verstorben ist. Die weitaus meisten Missbrauchsvorwürfe liegen Jahrzehnte zurück und sind kaum mehr nachzuverfolgen. Laut dem Kenner des Papiers könne man von ähnlichen Verhältnissen ausgehen, wie sie der jüngst veröffentlichte Bericht über sexuellen Missbrauch in den Diözesen des US-Bundesstaats Pennsylvania darstellt: Von über 300 Tätern war dort bereits gut ein Drittel verstorben, bis zu 90 Prozent der Taten ereigneten sich vor 1990. Viele Fälle waren zudem bereits verjährt, was auch die neue DBK-Studie zeigt. Laut einem Bericht der „Zeit“ waren 46,6 Prozent der von der Staatsanwaltschaft untersuchten Fälle wegen Verjährung eingestellt worden.

Konkrete Folgen der wissenschaftlichen Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in Deutschland sind noch nicht absehbar. Mit weiteren juristischen Folgen für mutmaßliche Täter ist derzeit nicht zu rechnen. Das war auch nicht das erklärte Ziel der DBK, als sie dem Forscherkonsortium um den forensischen Psychiater Professor Harald Dreßing aus Mannheim im Jahr 2014 den Auftrag erteilte. Das Team aus Kriminologen und Psychologen sollte vorrangig den Umfang der Missbrauchstaten und ihre Ursachen erforschen. Die Bischöfe wollten damit nach eigenem Bekunden eine unheilvolle Geschichte transparent machen. Und tatsächlich betreibt die katholische Kirche die Aufarbeitung des Missbrauchs in ihren Reihen seit langem engagierter als andere vergleichbare Institutionen in Deutschland. Gleiches gilt für die Präventionsarbeit, was auch unabhängige Experten immer wieder anerkennen.

Und doch wird nun wieder Kritik an der Aufklärungsarbeit der Kirche laut. Diese kommt nicht zuletzt von den Autoren der Missbrauchsstudie selbst. Ein zentraler Streitpunkt ist für sie der Umgang mit Archiven und Unterlagen, aus denen das Ausmaß des Missbrauchs rekonstruiert wurde. Im Jahr 2013 war es darüber zum Eklat gekommen, als die Bischofskonferenz den ersten Anlauf für eine Missbrauchsstudie frühzeitig beendete. Das dafür beauftragte Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen unter der Leitung von Professor Christian Pfeiffer hatte sich an den zuvor vereinbarten Rahmenbedingungen gestört und der Kirche unter anderem Vertuschungsversuche vorgeworfen. Im Zusammenhang mit den „geleakten“ Studienergebnissen tauchen auch diese Vorwürfe nun wieder auf. Der Gesprächspartner der Tagespost hält das für ein besonderes Ärgernis. Von Versuchen der Verschleierung zu sprechen, sei „böswillig“.

Besonders aber laufe die Kritik am Umgang mit den Archivdokumenten ins Leere. Fakt ist, dass die Wissenschaftler des Konsortiums keinen direkten Zugang zu den Akten der Diözesen hatten. Die über 38000 Dokumente wurden von eigens geschulten Mitarbeitern der Bistümer durchgesehen. Eine datenschutzrechtliche Notwendigkeit, denn nach geltendem Recht dürfen sensible Personalakten nur unter engen Kriterien von Dritten eingesehen werden. Diese seien im Falle der Studie allerdings nicht erfüllt wurden, wie aus einem internen juristischen Gutachten hervorgeht, das der Tagespost vorliegt. Mit ihrer Vorgehensweise hätten die Bischöfe den Rechtsrahmen ohnehin bereits weit ausgedehnt, heißt es darin. Mit einer noch weitergehenden Herausgabe von Informationen hätten die Diözesen ihrerseits Ordnungswidrigkeiten oder sogar Straftaten begangen. Diese Rahmenbedingungen hatte Pfeiffer im Jahr 2012 nicht mehr akzeptieren wollen. Das Konsortium um Dreßing wusste schon vorab um die notwendigen Einschränkungen und hatte diesen zugestimmt. Nach Abschluss der Untersuchung finde sich in ihrer Zusammenfassung darauf jedoch kein expliziter Hinweis, beklagt der Leser des Papiers.

Für die Interpretation und Einordnung der Ergebnisse ist es fraglos relevant, wie die Studie zustande kam. Schließlich lassen sich auch nur mit diesem Wissen tragfähige Konsequenzen entwickeln. Das wiederum ist jedoch weder Aufgabe der Wissenschaftler noch der Medien. Dafür müssen nun allen voran die deutschen Bischöfe sorgen. Ihre für den kommenden Dienstag angekündigte Erklärung wird schon jetzt mit Spannung erwartet.

Missbrauch - Geschichte

Januar 2002: Der Skandal von Boston

Die US-Zeitung „The Boston Globe“ deckt auf, dass in der Erzdiözese Boston über Jahrzehnte Hunderte Kinder und Jugendliche durch Priester sexuell missbraucht und Täter teils systematisch geschützt wurden. In der Folge tritt der Erzbischof, Kardinal Bernard Francis Law, von seinem Amt zurück. Der Bostoner Skandal führt zu einer weltweiten Debatte über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

September 2002: Erste Leitlinien in Deutschland

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) nennt den Missbrauchsskandal eine „tiefgehende Krise“ in der Kirche. Zur Aufklärung und Prävention erlässt die DBK allgemeine Leitlinien. Diese befassen sich neben der Opferhilfe auch mit kirchenrechtlichen Maßnahmen gegen die Täter. Diesen soll in erwiesenen Fällen zur Selbstanzeige geraten und gegebenenfalls die Staatsanwaltschaft informiert werden.

Januar 2010: Der Fall des Berliner Canisius-Kollegs

Der Jesuit Klaus Mertes SJ macht Missbrauchstaten am Berliner Canisius-Kolleg publik. In den 1970er und 1980er Jahren sollen an der Jesuitenschule zahlreiche Schüler Opfer von Übergriffen geworden sein. Die Veröffentlichung führt zu einem neuerlichen Skandal und einer großen Debatte über Missbrauch in Deutschland.

Februar 2010: Ackermann wird Beauftragter der Bischofskonferenz

Bischof Stephan Ackermann wird zum Sonderbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs ernannt. Der Trierer Oberhirte kündigt eine Überarbeitung der Leitlinien und eine engere Kooperation mit externen Fachleuten bei der Aufklärung an.

August 2010: Bischofskonferenz fasst Leitlinien neu

Der DBK-Missbrauchsbeauftragte Bischof Ackermann legt präzisierte Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche in Deutschland vor. Die Neufassung sieht insbesondere eine grundsätzliche Pflicht zur Einschaltung der Strafverfolgungsbehörden vor.

Juli 2011: Zwei Studien zum Missbrauch in Deutschland

Die DBK will mit zwei wissenschaftlichen Forschungsprojekten die Missbrauchsfälle aufarbeiten. Unter der Leitung des Psychiaters Professor Norbert Leygraf soll eine forensische Studie die Täterpersönlichkeiten untersuchen. Die Ergebnisse werden der Öffentlichkeit im November 2012 vorgestellt.

Daneben gibt die Bischofskonferenz im Sommer 2011 beim Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) unter der Leitung von Professor Christian Pfeiffer eine groß angelegte kriminologische Studie in Auftrag.

Januar 2013: Die Pfeiffer-Studie scheitert

Nach internen Auseinandersetzungen mit dem KFN und Christian Pfeiffer kündigt die Bischofskonferenz den Vertrag mit dem Kriminologen. Als Grund führen die Bischöfe ein zerrüttetes Vertrauensverhältnis an. Pfeiffer hatte der Bischofskonferenz zuvor versuchte Einflussnahme auf seine Arbeit und mangelnden Zugang zu Datenquellen vorgeworfen. In der Folge kommt es zu einem Rechtsstreit zwischen Pfeiffer und der DBK.

September 2013: Neufassung Leitlinien

Die Deutsche Bischofskonferenz präzisiert die Leitlinien zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs erneut. Diese sollen nun auch bei erwachsenen Opfern angewendet werden. Zudem wird die Rahmenordnung zur Prävention sexualisierter Gewalt überarbeitet. Darin werden strenge Vorgaben für zu entwickelnde Schutzkonzepte katholischer Institutionen formuliert.

März 2014: Die neue Missbrauchsstudie läuft an

Ein Forschungskonsortium unter der Leitung des Mannheimer Psychologen Harald Dreßing wird von der DBK mit der zuvor gescheiterten kriminologischen Missbrauchsstudie beauftragt. Kriminologen und Psychologen aus verschiedenen Bereichen und Instituten sollen im Verbund den sexuellen Missbrauch durch Geistliche der katholischen Kirche in Deutschland seit 1946 untersuchen.

November 2015: Erstmals Vorwürfe gegen einen Bischof

Erstmals werden in Deutschland Missbrauchsvorwürfe gegen einen Bischof vorgebracht: Heinrich Maria Janssen (1907-1988), von 1957 bis 1982 Bischof von Hildesheim, soll demnach in den 1950er und 1960er Jahren selbst einen Jungen missbraucht haben. Die Diözese reagiert mit einer sogenannten Anerkennungszahlung an das vermeintliche Opfer. Ein später durchgeführtes unabhängiges Gutachten kann die Vorwürfe gegen den verstorbenen Bischof weder bestätigen noch eindeutig entkräften.

2017: Bistümer legen eine Studien vor

Immer mehr Diözesen legen eigene Untersuchungen über Fälle in ihrem Bereich vor. Auf große Anerkennung stößt etwa der Abschlussbericht zur Untersuchung körperlicher Misshandlungen bei den Regensburger Domspatzen. In diesem ist auch von etwa 70 Opfern sexueller Gewalt die Rede. Weit weniger positiv fällt das Urteil der unabhängigen Gutachter im Fall des Bistums Hildesheim aus: Verantwortliche seien in der Vergangenheit mit der Behandlung von Missbrauchsfällen überfordert gewesen und hätten nur mangelhaft mit externen Stellen kooperiert.

September 2018: Die Missbrauchsstudie liegt vor

Die seit 2011 angestrebte und 2014 begonnene Untersuchung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Deutschland ist abgeschlossen. Erstmals liegt ein Gesamtbild der Missbrauchsfälle seit 1946 vor. Noch vor der offiziellen Vorstellung der Studie werden Informationen aus dem vertraulichen Papier an die Medien durchgestochen. Demnach habe es in knapp sieben Jahrzehnten mindestens 3677 Opfer gegeben. Offiziell will die DBK die Ergebnisse am 25. September in Fulda vorstellen. KM